Der Krieg in der Ukraine dauert seit mehr als drei Monaten an. Ein Waffenstillstand ist nicht in Sicht. Die westlichen Verbündeten sind in einer Frage zunehmend gespalten: Sie haben sehr unterschiedliche Vorstellungen zu den Friedensbedingungen.

Der Krieg werde auf dem Schlachtfeld gewonnen, aber er könne nur durch Verhandlungen beendet werden, sagt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. Wann aber sollen die Kampfhandlungen eingestellt werden und zu welchen Bedingungen? Der Westen meint, die Entscheidung darüber liege bei der Ukraine. Nach über drei Kriegsmonaten sind die Länder des Westens jedoch noch dabei, ihre Positionen zu einem Ende des Krieges festzulegen.

Dabei zeigen sich zwei große Lager, erklärt der Politologe Iwan Krastew vom „Centre for Liberal Strategies“, einem Thinktank in Sofia. Das eine Lager ist die „Friedenspartei“, die dafür eintritt, die Kampfhandlungen einzustellen und möglichst rasch Verhandlungen aufzunehmen. Das andere Lager ist die „Gerechtigkeitspartei“, die der Auffassung ist, Russland müsse für seinen Angriffskrieg teuer bezahlen.

Es geht vor allem um territoriale Fragen: Soll Russland die bisher eroberten Gebiete behalten dürfen, soll es auf die Ausgangsstellung vom 24. Februar zurückgedrängt werden, oder soll es noch weiter, nämlich bis zur internationalen Grenze, zurückweichen und die 2014 besetzten Gebiete zurückgeben? Bei dieser Debatte geht es aber noch um viel mehr – nicht zuletzt um die Kosten, Risiken und Vorteile einer Verlängerung des Krieges und den Platz Russlands in der europäischen Friedensordnung.

Die Friedenspartei mobilisiert ihre Kräfte. Deutschland hat einen Waffenstillstand gefordert, Italien hat einen Vier-Stufen-Plan für eine politische Lösung vorgeschlagen, Frankreich spricht von einem künftigen Frieden ohne eine „Demütigung“ Russlands. Im anderen Lager stehen vor allem Polen und die baltischen Staaten, unter der Führung Großbritanniens …