Ein anderes „Comeback“ ist möglich: Viel zu lange blickten wir nicht mehr mit Augenzwinkern auf eine Woche oder sonstwas zurück. Und jetzt tun wir einfach mal so, als ob die Satire nie wirklich weg war. Dieses Mal: Dicke Luft, atemlose Minister und verwirrte Radikale.

Hilfe! Oder vielmehr: Achtung! Also jedenfalls: Wir sind zurück! Sie müssen sich also keine Sorgen mehr machen. Alles wird gut. Uns ging es jedenfalls nie besser. Und Totgesagte leben bekanntlich länger.

Wobei es uns wie gestern vorkommt, als wir Ihnen zum letzten Mal an dieser Stelle unseren sorgfältig zusammengereimten Rückblick mit Augenzwinkern servierten. Damals war es ein „Retrospect Royale“, ein Special zum Thronwechsel-Spektakel. Und wir finden: Seitdem ist jetzt auch nicht so viel Neues, und schon gar nicht viel Lachhaftes passiert, was man sich unbedingt von der Leber schreiben müsste.

Allerdings geben wir gerne zu: Die ganze Retrospect-Redaktion verspürte die ganze Zeit über reichlich schlechtes Gewissen. Der Grund dafür waren nicht zuletzt die hunderten, ach was, zigtausenden Zuschriften, die uns seitdem erreichten; auch wenn es nur drei oder acht waren – wir danken all unseren treuen Fans, die uns nicht nur im World Wide Web, sondern auch auf offener Straße oder im Restaurant nach dem Digestif ansprachen und geradezu anflehten, sie doch endlich wieder mit unseren hochwertigen politisch-medialen Humoreinlagen zu beglücken. #WeFeelYou

Non-denial denials

Vorab müssen wir aber auch auf die bösen Gerüchte und die schon etwas plausibleren Verschwörungstheorien eingehen, die uns über die gleichen Wege erreichten. Manche von Ihnen glaubten nämlich offenbar, dass wir uns nicht mehr melden, weil wir A) zu alt für diesen Scheiß geworden sind, B) endlich gemerkt haben, dass wir nicht witzig sind, oder C) zur Überzeugung gelangt sind, dass die politische Realität mittlerweile jede Satire humoristisch zum Frühstück verspeist.

Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein, die wir Ihnen in diesem Format ohnehin kaum glaubwürdig zumuten könnten. Das gilt also auch für die geradezu absurde Vorstellung, dass wir aus Gründen einfach zu wenig Zeit für dieses regelmäßige Herumgescherze hier hätten.

Und auch die Sorge, die anscheinend bei einzelnen von Ihnen umgeht, dass wir angesichts der Wirkung unserer ebenso geistreichen wie messerscharfen Pointen-Feuerwerke vom mächtigen Deep State zensiert wurden, ist absolut unbegründet. Und das sagen wir jetzt auch nicht nur, weil wir immer noch von den Mächtigen kontrolliert werden, das können Sie uns glauben! Sie kennen uns doch! #PleaseHelp

Alles Schall und Rauch

Wir geben zu: Der Mensch braucht Humor wie die Luft zum Atmen. Und auch die Luft da draußen kann mitunter mal knapp werden. Ganz genau, wir reden nicht von Neu-Delhi, Kairo oder Beijing, sondern von jener Sorte Atemraum, der eine „Odeur désagréable“ in sich trägt.

Heute wissen wir: So rein die Luft, so tadellos war auch der Umgang der Luxemburger Behörden mit den Folgen der Waldbrände in den belgischen Hautes Fagnes. Der ganze Rauch hatte immerhin die gesamte Ministerriege unsichtbar gemacht. Nur die von den notleidenden Ärzten gequälte Martine „Keng Panik“ Deprez versuchte überhaupt, ansatzweise zu erklären, warum der Staat die Luftbelastung später als die meisten Bürger bemerkte. Helfen würden eventuell eine Messstation im Norden oder auch eine Fortbildung „Krisenkommunikation für blutige Anfänger“. Aber was wissen wir schon.

„Also, wenn die Krisen und Probleme hier ankommen, fangen wir überhaupt erst an, darüber nachzudenken, über deren eventuelle Lösung zu beraten – also je nachdem, es kommt auch dann erst mal ganz darauf an!“ Serge „Der Macher“ Wilmes über das „Handeln“ der Regierung. (Foto: Mike Zenari)

Grundsätzlich gilt aber: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Sollten die Russen hybride Kriegsführung in Luxemburg versuchen, würde das typische Phlegma der Luxemburger Top-Beamten sie einfach ins Leere laufen lassen. Welche Drohnen? Wir haben keine festgestellt. Und falls doch, streiten wir einfach so lange über Zuständigkeiten, bis die Bedrohung sich wieder in Luft aufgelöst hat.

Vorher schicken wir aber noch allen Einwohnern schnell eine SMS mit der Info „Possibilité d’une attaque contre la souveraineté territoriale de l’État“, gefolgt von dem auch in diesem Szenario zumindest nicht schlecht gemeinten Rat: „fermez les fenetres par précaution.“ (sic!) „Détails: website lu-alert.“

War sonst noch was?

Sich einfach nicht zu viele Fragen stellen – das ist das wahre Luxemburger Lebensmotto. Hitzetote? Gibt es nur, wenn man sie zählt. Und das kann man auch einfach zwei Monate später machen, irgendwann im Herbst. Oder auch nicht. Schließlich bringt es ja wahrlich nichts, zu wissen, wie schlimm es ist, wenn die Hitzewelle noch andauert. Auch wir finden: Keine Panik. Ein Dutzend Klimaanlagen aus dem Baumarkt für die Krankenhäuser muss einfach reichen.

Nicht nur an dieser Stelle ist Friedrich „Stromberg 2.0“ Merz das perfekte Vorbild. Den Schülern ist es zu warm in den Klassenzimmern? Einfach eine Flasche Wasser einpacken. Die Senioren sterben wie die Mücken in der Hitze? Einfach Opa anrufen und sagen, er soll mal was trinken. Der beliebteste Kanzler nach dem Ende der Ära Olaf Scholz weiß schließlich, von was er spricht. Seien es Hydrationstipps, unliebsame Stadtbilder oder der Umgang mit arbeitsfaulen Untertanen: Da könnte sich auch Luxemburgs wahrscheinlich größter Merz-Fan #Luc mal eine Scheibe abschneiden.

Die Leiden der Luxemburger

Wo waren wir? Ach ja, kein Grund zur Panik! Oder mit den Worten von CSV-Fraktionschef Laurent Zeimet: „Wir sollten nicht bei jeder hohen Temperatur in einen Panikmodus verfallen.“ Und überhaupt heißt es generell: Nur nichts überstürzen. Recht hat der Mann. Wir Luxemburger überdenken unsere Politik schließlich nicht bevor, sondern ganz bewusst erst nachdem das absolute Worst-Case-Szenario eintritt. Hätte die Waldbrände in Belgien und der Rekord-Wassertiefstand des Rheins nur noch etwas länger angedauert, hätte das Land ohne Diesel und Benzin dagestanden.

Was dann? Irgendwann hätte LU-Alert wohl eine „Alerte noire“ ausgegeben, damit die Regierungsmitglieder doch noch aus ihren Sommerferien heimkehren, um – ohne in einen „Panikmodus“ zu verfallen! – erstmal über mögliche Maßnahmen zu beraten.

Keine Panik, keine schlechten Nachrichten und auch sonst keine uncoolen Vibes, bitte: Premier Luc Frieden verbittet sich beim Regieren, munteren Steuern senken und Zukunft stärken des Landes jegliche Ablenkungen durch die sogenannte „Wirklichkeit“. (Foto: Mike Zenari)

Doch wie wir leidensfähigen Luxemburger wissen: Eine Hiobsbotschaft kommt selten allein. „An elo fléie mer och Chrëschtdag net op Dubai. Dat ass schued“, rief Luxair-Boss Gilles Feith aus den Abgründen dieses Sommerlochs hinaus. Stimmt, irgendetwas war da doch los im Nahen Osten, man weiß es nicht genau. Aber immerhin fließt weiterhin Kerosin durch die NATO-Pipeline nach Luxemburg. Es besteht also noch Hoffnung auf ein frohes Fest in den Emiraten.

Unter unseren Politikern gibt es aber noch wahre Vorbilder. Nein, nicht #Luc, der in den Alpen umherwanderte. Nein, auch nicht #Xav, der in Südfrankreich seine „People-sierung“ vorantrieb. Gemeint ist Paul „Klimaschutz mit Zwinker-Smiley“ Galles, der seine „terminfreie Zeit“ (dixit Friedrich Merz) in „Südafrika, Äthiopien, Sansibar/Tansania, Seychellen, Madagaskar, Mauritius und La Réunion“ verbrachte. Seine Klimastrategie ist selbst für christlich-soziale Maßstäbe genial: Er verballert einfach allein so viel CO2, dass für niemanden sonst etwas übrig bleibt. Das ist pragmatische Zukunftsstärkung, wie #Luc sie sich wünscht. Wasser predigen und Kerosin saufen.

Atemlos durch die Nacht

Mit anderen Problemen hatte indes der härteste Innenminister diesseits der Mosel zu tun. Denn wie beinhart Léon „Der Profi“ Gloden wirklich ist, konnte man Ende Juli im Bahnhofsviertel beobachten. Todesmutig begleitete der „Tough Guy“ aus Grevenmacher „seine“ Polizisten auf Streife. Aber hey, wer selbst mit den Taliban sprechen will, wie der Innenminister Ende August bekannt gab, der wird sich auch vor der Luxemburger Bronx nicht drücken. Dennoch: Sicherheit geht vor. Deshalb trug Law-and-Order-Léon auch eine schusssichere Weste bei der Streife in der „Garer Hood“.

Dumm nur, dass auch die hauptstädtische Bürgermeisterin mit spazieren ging. Und im Gegensatz zu Léon Gloden reichte „Iron Lydie“ ein hochgekrempelter Blazer für die Streife. Es war ja schließlich auch Polizei dabei. Prompt geriet der Auftritt von Léon Gloden in die Kritik. Ging es dem Innenminister nur ums Flexen für Social Media? War Léon Gloden emotional etwa wenig mehr als ein pubertierender Schuljunge, der glaubt, weil er Rap von „Haftbefehl“ hört, sei er nun ein richtiger kleiner Gangster? #WissenWerDerBaboIst

„Weißt du noch? Was haben wir gelacht, gell, als ich die wahnwitzige Idee hatte, ukrainische Kriegsflüchtlinge aus Solidarität zurück an die Front zu schicken, und du mir spontan öffentlich zugestimmt hast?!“ Léon „Der Profi“ Gloden und Yuriko „LOL“ Backes schwelgen in Erinnerungen. (Foto: Mike Zenari)

Das ließ Léon natürlich nicht auf sich sitzen. Seine Montur hätte rein operative Gründe gehabt, redete sich der CSV-Politiker weiter in die Bredouille. Denn, so die Minister-Legende, wenn die Polizisten zu einem Einsatz gemusst hätten, hätte er die Polizei selbstverständlich begleiten müssen. Wieso und was er lediglich mit einer Weste bewaffnet bei einem Einsatz produktiv beitragen könnte, ließ er leider offen.

Egal, denn knapp einen Monat später war diese Ausrede schon nicht mehr aktuell. Im lockeren Sommerloch-Plausch mit dem „Luxemburger Wort“ zauberte der Minister plötzlich eine ganz neue Erklärung aus dem Polizeihelm: „Wir arbeiten an einer neuen Uniform. Das bedeutet auch, dass ich selbst am eigenen Körper spüren muss, wie es ist, mit einer Schutzweste zu laufen.“ Puh. Bei so viel Erklärungsnöten kann man dann doch schon mal außer Atem kommen.

Da kann im Zweifelsfall nur noch Helene Fischer helfen. Deren Oeuvre sei Léon Gloden bekanntlich „nicht abgeneigt“, wie das Luxemburger Wort festhält. Nach seinem Lieblingssong gefragt, bleibt Léon Gloden derweil konservativ: „‚Atemlos durch die Nacht‘, denn tatsächlich ist mein Beruf atemlos: ständig im Einsatz.“

Riesenrad statt Brandmauer

Mindestens konservativ ist bekanntlich auch Tom Weidig. Und auch der ADR-Abgeordnete hat sich diesen Sommer als bekennender Schlagerfan geoutet. Doch ihm reicht der links-grün versiffte Schlagermainstream à la Helene Fischer natürlich nicht. Nein, Weidig weiß natürlich, dass Andrea Berg, die wahre Königin des Genre ist. Bisher war das aber sein „little secret“, wie Tom Weidig in den sozialen Medien kundtat.

Neben Schlager liebt der sympathischste ADR-Rechtsaußen seit Joé Thein auch die Schueberfouer. Volkstümlichkeit verpflichtet eben. Fast wie ein ganz normaler Politiker hat er an der Eröffnung der 684. Ausgabe teilgenommen. Dabei hat er sich auch einen „interessanten Tour“ auf dem Riesenrad mit prominenter Minister*innen-Begleitung nicht nehmen lassen. Der Blick von Xavier Bettel – eine Mischung aus „Gute-Miene-zum-bösen-Spiel“ und politischem Stockholm-Syndrom – spricht allerdings Bände über den Spaßfaktor der Karussell-Fahrt.

Ausgrenzen ist auch keine Lösung: Der honorable Abgeordnete und Facebook-Troll, Tom Weidig, gemeinsam mit Außenminister Xavier Bettel und weiteren Extremisten-Flüsterern auf der diesjährigen Schueberfouer. (Foto: Meta)

Während in Deutschland derzeit die ohnehin nie aufgebaute Brandmauer gegen rechts endgültig zu den Akten gelegt wird, geht Luxemburg wieder einmal seinen eigenen Weg. Rechtspopulisten werden hier einfach zu Tode geherzt und mit Volksfest-Besuchen de-radikalisiert. Da sind die geschichtsrevisionistischen Ausfälle der Vergangenheit schnell vergessen. Etwa als Tom Weidig in einem Facebook-Kommentar versuchte, die Besatzung Luxemburgs durch das NS-Regime im Zweiten Weltkrieg als Ehre darzustellen. Oder als er einen Post über die „Vernichtung“ von LGBTQI likte.

Wir vermuten: Auch die Freude über den Wiederaufstieg der ehrenvollen Rechtsextremen in Deutschland, die sich dieser und andere ADR-Männer mittlerweile nicht mehr verkneifen können, wird am Umgang mit ihnen kaum etwas ändern. Auch hier kann man sich übrigens vom Vorgehen des stabilen Genies aka Friedrich Merz inspirieren lassen, der dem Ziel der Halbierung einer rechtsextremen – oder zur Not auch der eigenen – Partei im ausgehenden Sommerloch wieder einen gewaltigen Schritt nähergekommen ist. Fraglich ist hierzulande lediglich, ob #Xav bis zum nächsten Fouer-Start sein mutmaßliches Trauma bewältigen kann. Oder ob er sich in seinem Leben überhaupt noch einmal in die Kabine eines Riesenrads trauen wird.

Übrigens: Was Tom Weidigs Lieblingssong von Andrea Berg ist, ging aus seinem „Little secret“-Post leider nicht hervor. Die Retrospect-Redaktion tippt auf den großen Hit der Sängerin aus dem Jahr  2001: „Du hast mich tausendmal belogen.“

In diesem Sinne: Keine Panik, dafür aber ein Tipp: Im Zweifel empfehlen Psychologen auch schon prophylaktisch, mehrmals langsam und tief durchzuatmen, um Panik, Stress oder auch der übermäßigen Aufregung über den Lauf der politischen Dinge vorzubeugen. Und überhaupt: Nicht nur leben Totgesagte bekanntlich länger. Auch die Hoffnung – besonders jene auf bessere Zeiten – stirbt bekanntlich zuletzt, und lacht dem Vernehmen nach auch am besten.


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