Unnahbar, technokratisch, zuweilen paternalistisch: So wurde der politische Stil von Luc Frieden lange beschrieben. Als Premier soll nun alles anders sein. Und doch fällt der „neue Luc“ laut Weggefährten und Insidern des politischen Betriebs immer wieder in alte Muster zurück.
Er habe die Aufmerksamkeitsspanne eines Kleinkindes, erzählten Mitarbeiter von Xavier Bettel (DP) gerne hinter vorgehaltener Hand über ihren Chef. Er könne sich nicht allzu lange mit Details eines politischen Dossiers befassen. Deshalb war es üblich, dass Beamte dem Ex-Premier ihre Briefings in verdaulichen Häppchen servierten, so die überlieferte Beschreibung des Regierungsalltags der blau-rot-grünen Jahre. Was ihm an Sachkenntnis fehlte, machte der mittlerweile ins Außenministerium gewechselte Liberale aber mit Charme, Schlagfertigkeit und taktischem Geschick wett. Hinzu kommt das, was man in der Managementsprache gemeinhin „people skills“ nennt. Nicht zufällig bezeichnete sich Xavier Bettel einst im Interview mit Reporter.lu als „menschensüchtig“.
Bei seinem Nachfolger im Amt des Regierungschefs scheint es genau umgekehrt. Luc Frieden (CSV) ist kein charismatischer Menschenfänger. Stattdessen inszeniert der aktuelle Premier sich in der Öffentlichkeit gerne als erfahrener „Dossiersmensch“. Auch in seiner Zeit als Finanz- und Justizminister vor 2013 galt der heutige Premier schon als akribischer Aktenfresser. Aber eben auch als kühl berechnender Technokrat, der die menschliche Komponente der Politik vernachlässigte. Noch im Wahlkampf brachte der damalige CSV-Spitzenkandidat sein eigenes Image mit dem eindringlichen, mutmaßlich ironischen Satz auf den Punkt: „Contrairement zu deem, wat heiansdo gemengt gëtt, hunn ech eigentlech d’Mënsche ganz gären.“
Der Chef und seine Befehlsempfänger
Auch in seinem neuen Amt kann sich Luc Frieden nur schwer verstellen. Der Premier gibt sich nach außen als lösungsorientierter Teamplayer, will laut Insidern der CSV-DP-Koalition aber am liebsten alle Fäden in der Hand halten. Damit bleibt er seiner Idee treu, wonach der Job des Regierungschefs mit dem des Generaldirektors oder CEO eines Unternehmens vergleichbar sei, wie er Anfang des Jahres im Interview mit „RTL“ erklärte. Demnach sei eine seiner Hauptaufgaben, sicherzustellen, dass die anderen „Direktoren“ in der Regierung an einem Strang ziehen. Und am Ende müsse „der Chef“, also er, auch mal sagen, „wenn er etwas gut oder weniger gut findet“.
Er ist sich der Wirkung seiner Worte oft nicht bewusst. Ihm fehlt die Empathie, die soziale Intelligenz, die man als Politiker braucht.“Ein ehemaliger Berater von Luc Frieden
Im Zweifel sagt Luc Frieden aber auch gerne mal gar nichts. Kaum überraschend kommuniziert der neue Premier weitaus verhaltener als Xavier Bettel. Wenn der selbst ernannte „CEO“ des Landes einmal vor die Presse tritt, dann ist er in der Regel vorbereitet und will nichts dem Zufall überlassen. Auch seine Reden im Parlament heben sich in Rhetorik, Struktur und Substanz bisher von dem hektischen Vortragsstil seines Vorgängers ab. Was bei Beamten und Beobachtern zunächst als wohltuend empfunden wurde, hat aber auch seine Kehrseite. Hinter den Kulissen kommt der politische Stil und Charakter jenes Luc Frieden, den man von früher kennt, jedenfalls offener zur Entfaltung.
Im Regierungsalltag tritt Luc Frieden demnach oft als Einzelgänger auf. Laut mehreren Insidern kapselt er sich am liebsten in seinem Büro von der draußen vorgehenden politischen Welt ab. Dort klügele er dann ganz alleine die Richtlinien jener Politik aus, die seine Mitarbeiter nur noch in der Praxis umsetzen müssten. Den Eindruck von „Befehlsempfängern“ hatten bereits seine Mitstreiter aus vergangenen Regierungsjahren. Doch auch heute gibt Luc Frieden laut Koalitionskreisen manchen Beamten – und Ministern – mitunter unverhohlen zu verstehen, dass er in bestimmten Dossiers nicht auf ihren Rat angewiesen sei.
Nachhilfe im Umgang mit Menschen
Spricht man mit Leuten, die mit Luc Frieden länger zusammengearbeitet haben, fallen fast immer Worte wie „ruhig“, „höflich“ oder „korrekt“. Er sei ein „durchaus intelligenter, gebildeter und nachdenklicher“ Mensch, sagt ein früherer hoher Beamter. Doch auch der Hang zur oberlehrerhaften Arroganz ist ein Charakterzug, den Mitarbeiter des CSV-Politikers nur zu gut kennen. „Er denkt, er wisse alles besser und alle anderen seien nur dazu da, seine vermeintlich brillanten Ideen abzunicken“, so der Ex-Berater des heutigen Premiers, der wie viele andere Frieden-Kenner nur unter Wahrung seiner Anonymität mit Reporter.lu sprach.

Seine vielleicht größte Schwäche liege im unmittelbaren Umgang mit seinen Mitmenschen, meint ein weiterer Mitarbeiter aus vergangenen Ministerjahren. „Er ist sich der Wirkung seiner Worte oft nicht bewusst. Ihm fehlt die Empathie, die soziale Intelligenz, die man als Politiker braucht.“ Vertraute sollen Luc Frieden schon damals regelmäßig auf die „Wirkung seiner Worte“ hingewiesen haben. Dem Vernehmen nach war etwa seine frühere Kabinettschefin Sarah Khabirpour eine der wenigen Personen, auf deren Rat er hörte. Zu ihren Aufgaben gehörte demzufolge, den Minister zu einem kollegialeren Führungsstil zu animieren, erinnern sich damalige Weggefährten. Der Erfolg dieser Mission hielt sich offenbar in Grenzen.
„Luc Frieden weiß natürlich, wie er tickt und wie er bei den Menschen ankommt“, sagt auch ein langjähriger Weggefährte aus seiner Partei. Und doch könne der heute 60-Jährige nicht „aus seiner Haut“. Selbst bei Parteievents sei er oft als „Fremdkörper“ aufgetreten. Anders als etwa Jean-Claude Juncker fehle ihm „die natürliche Art, auf Menschen zuzugehen und sie zu begeistern“, so der CSV-Insider. So wie Junckers Jovialität und Alkoholkonsum taugte auch Luc Friedens Technokraten-Image innerhalb der Partei zum Running Gag. Immer wenn der Minister einfachen Mitgliedern die Hände schütteln muss, würde er sie danach rasch desinfizieren und sich lieber wieder seinen Akten widmen, ätzten Parteifreunde etwa auf Parteievents.
Ein Mangel an „natürlicher Autorität“
Genau diesen Eindruck zu ändern, war denn auch die große Herausforderung im vergangenen Wahlkampf, als die CSV ihrem Spitzenkandidaten mit dem medial verstärkten Slogan „den neie Luc“ ein moderneres Image verpassen wollte. Im Rückblick kann man sagen, dass dieses stilistische Rebranding nicht ganz erfolglos war.
Die alten Muster sind in seiner neuen Rolle aber immer wieder erkennbar. Etwa bei einer Pressekonferenz zum „Logementsdësch“ Anfang des Jahres, als Luc Frieden den anderen Ministern wie ein Lehrer seinen Schülern „Hausaufgaben“ auftrug. Oder, indem der Regierungschef immer wieder öffentlich betonen muss, dass auch wirklich er der „Chef“ sei. „Ich sehe meine Rolle und meine Mission schon als Leader eines Teams und das nehme ich sehr ernst“, sagte er noch kürzlich im Interview mit Reporter.lu. Dass Ex-Mitarbeiter ihm vielmehr einen patriarchalischen Führungsstil attestieren, könne er jedoch nicht nachvollziehen – zumindest „falls damit Besserwisserei oder autoritäres Gehabe“ gemeint sei, so der Premier.
Contrairement zu deem, wat heiansdo gemengt gëtt, hunn ech eigentlech d’Mënsche ganz gären.“Luc Frieden im vergangenen Wahlkampf
Die wiederholte Betonung seines Führungsanspruches wird in der politischen Klasse wenn nicht belächelt, so doch zumindest nicht als Stärke aufgefasst. Vielmehr verdeutlicht der Premier dadurch, dass ihm die Selbstsicherheit und die „natürliche Autorität“ fehlen, auf die es gerade in der Politik oft ankommt. Damit unterscheidet sich Luc Frieden wiederum stark von seinem Vorgänger, der sich stets als „Moderator“ der Regierung bezeichnete. Zumindest nach außen, denn hinter verschlossenen Türen übte natürlich auch Xavier Bettel seine Rolle als „Chef“ aus. Das geschah dem Vernehmen nach aber diskreter und subtiler, was wohl nicht nur dem politischen Geschick des liberalen Leaders, sondern auch der besonderen Situation einer Koalition aus drei Parteien geschuldet war.

Luc Frieden scheint sich dagegen an traditionellen Führungsstrategien aus der Zeit des „CSV-Staats“ zu orientieren. Der von ihm bevorzugte hierarchische Regierungsstil wird dabei vor allem durch zwei Umstände ermöglicht: eine CSV, die ihrem „Chef“ aus Gewohnheit und schierer Zufriedenheit über die Rückkehr an die Macht hörig ist; und einer DP, deren Führungsriege bisher kein Interesse oder keinen akuten Anlass zu einem offenen Konflikt mit dem Koalitionspartner hat. DP-Politiker beteuern denn auch, dass das bei den Koalitionsverhandlungen stets betonte Regieren „auf Augenhöhe“ keine hohle Phrase gewesen sei.
Fraglich ist aber, ob das Prinzip auch noch im Fall einer politischen Krise anhält. Bis dahin sieht zumindest der Premier es gelassen: „Ich kann Sie beruhigen, dass das (…) natürlich stets im Dialog zwischen den Ministern geklärt wird. Das funktioniert sehr gut. Da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen“, so Luc Frieden gegenüber Reporter.lu.
Gelassener und doch „sehr unsicher“
Die betonte Gelassenheit scheint nicht nur gespielt. Denn – und auch das attestieren ihm langjährige Weggefährten – Luc Frieden hat sich trotz allem schon verändert. Zwar habe er immer noch seinen Charakter. Doch er mache einen gelasseneren Eindruck als früher. Und in der Tat: Auch wenn er es hin und wieder trotzdem versucht, muss er sich und seiner Umgebung eigentlich nicht mehr beweisen, dass er das Zeug zum Chef hat. Schließlich habe er durch die Wahl zum Premier „seinen Lebenstraum erfüllt“, wie es die erfahrene „RTL“-Journalistin Caroline Mart gegenüber der Nachrichtenagentur „AFP“ ausdrückte.
Dass er seine ganze Karriere darauf ausgerichtet habe, eines Tages Luxemburger Premier zu werden, bestätigen jene, die Luc Frieden lange kennen. Dabei erinnern sich Parteifreunde vor allem an seine „komplizierte“ Beziehung zu Jean-Claude Juncker. Letzterer habe Frieden zunächst als Kronprinz aufgebaut, doch in den letzten Jahren der Juncker-Ära habe der damalige Chef den heutigen Premier regelrecht gedemütigt. Juncker soll seinem „Dauphin“ etwa vor versammelter Regierungsmannschaft gesagt haben: „Finanzpolitik besteet aus zwee Wierder: Finanzen a Politik. Vu Finanze mengs de eppes ze verstoen. Vu Politik soen ech der, wäerts de ni eppes verstoen.“ Luc Frieden bestritt einst gegenüber Reporter.lu diesen Wortlaut, gab allerdings die Essenz der damals kolportierten Aussage zu.

Luc Frieden habe diese und andere Erniedrigungen stets über sich ergehen lassen, heißt es von damaligen Kabinettskollegen. Persönlich sei ihm diese Phase aber sehr nahe gegangen, sagen ehemalige Mitarbeiter. Auch das sei demnach ein prägender Charakterzug des Ex-Finanzministers. Einerseits komme er ausgesprochen selbstbewusst herüber, was manche als Arroganz auffassen können. Gleichzeitig sei er aber „sehr unsicher“, meint ein früherer hoher Beamte. Wie jeder Politiker strebe Luc Frieden nicht nur nach Macht, sondern auch nach Bestätigung, und sein Image sei ihm überaus wichtig. Zumindest in dieser Hinsicht funktioniert Luc Frieden wie jemand, der „von Politik etwas versteht“.
Kritik, Vorzüge und neue Lernkurven
Bei aller Kritik an seinem Stil und Umgang mit Menschen müssen jedoch auch seine schärfsten Kritiker eingestehen: Luc Frieden ist schwer zu fassen, und auch nicht so leicht aus der Contenance zu bringen. Seinen ruhigen, fast stoischen Ton und seine intellektuelle Auffassungsgabe schätzen an ihm selbst Politiker und Beamte, die ihm sonst skeptisch gegenüberstehen.
Freund und Feind betonen denn auch, dass man Luc Friedens Ausdauer und Anpassungsfähigkeit nicht unterschätzen sollte. Zwar tut er sich dem Vernehmen nach auch als Premier schwer damit, Aufgaben zu delegieren. Und auch die ihm seit Jahrzehnten nachgesagte Beratungsresistenz hat er offenbar nicht völlig überwunden. Doch zumindest in einem Punkt zeigte Luc Frieden in den vergangenen Monaten Einsicht: Als Premier kann er nicht so funktionieren wie früher. Im Interview mit Reporter.lu räumte er nach etwas mehr als sechsmonatiger Amtszeit ein, dass er in seiner neuen Funktion mit einer höheren Anzahl und einer „anderen Komplexität der Aufgaben“ konfrontiert sei.
Ich kümmere mich gerne um meine Mitarbeiter und mein Team. Es ist mir nicht egal, ob es meinen Mitmenschen gut oder nicht so gut geht.“Luc Frieden im Interview mit Reporter.lu
Zudem hat er, wenn auch mit etwas Verzögerung, begriffen: Um sein neues Amt angemessen auszufüllen, braucht er Unterstützung. Dabei ließen zwei Schlüsselpersonalien im politisch-medialen Betrieb durchaus aufhorchen. Mit Michel Scholer beförderte er einen vergleichsweise jungen und unverbrauchten Beamten zum Kabinettschef im Staatsministerium. Die Ex-„Bloomberg“-Journalistin Stéphanie Bodoni soll den Premier in politischer Kommunikation beraten – und ihn wohl nicht zuletzt vor weiteren Fauxpas im Umgang mit der Presse bewahren.
Doch auch bei der Personalpolitik schimmert immer wieder der „alte Luc“ durch. Bei einer seiner ersten Ansprachen im Staatsministerium soll er jedenfalls nach einer politisch korrekten Einleitung gesagt haben: Er sei bereit, mit jedem Beamten seines Vorgängers zusammenzuarbeiten. Doch der Staatsdienst sei letztlich groß genug, um für jeden zur Not auch eine andere Betätigung zu finden. Es sind diese typischen Frieden-Sätze, die im ersten Moment banal klingen, die jedoch bei den Adressaten eine andere Wirkung hinterlassen, als sie der Sprecher wohl beabsichtigte.
Wenn der Chef Anfängerfehler macht
Ähnlich unglücklich agierte der CSV-Politiker auch auf seinen Posten, die er in der politikfreien Zeit zwischen 2014 und 2023 bekleidete. Als Präsident von „Saint-Paul Luxembourg“ stellte sich Luc Frieden etwa vor die versammelte Redaktion des „Luxemburger Wort“ und wünschte sich, dass das „Pendel“ der Berichterstattung der Zeitung wieder stärker nach rechts, also zumindest „Mitte-Rechts“ ausschlagen sollte. Die erwartbare Reaktion, wonach viele Anwesenden seine Worte als inakzeptablen Eingriff in die journalistische Freiheit verstanden, soll den damaligen Verwaltungsratschef dem Vernehmen nach „überrascht“ haben. Im Rückblick räumte Luc Frieden denn auch ein, dass seine Aussagen „vielleicht etwas unglücklich“ formuliert waren.
Dass er sich im Umgang mit Kritik schnell falsch verstanden fühlt, ist bei Luc Frieden ein wiederkehrendes Phänomen. Denn selbst der „Chef“ machte bereits Fehler, die er laut seiner eigenen Leadership-Logik wohl als „weniger gut“ rügen müsste. So etwa, als der Premier dem Magazin „Politico“ ein Interview gab, in dem er um Verständnis für die Position des rechtspopulistischen ungarischen Premiers Viktor Orban warb. Erst später, also sehr viel später, und erst als die Schlagzeile des „Orban-Flüsterer“ bereits die Runde um den Kontinent und zurück gemacht hatte, behauptete er, „falsch zitiert“ worden zu sein. Ähnlich verhielt es sich, als Luc Frieden Luxemburgs kritische Haltung zur Atomenergie zunächst relativierte und sich dann nach deutlicher Abgrenzung seitens des Koalitionspartners ebenso als missverstanden darstellte. Beide Episoden passen nicht so recht in das Bild eines „CEO“, der stets den Ton angeben und andere bei Bedarf maßregeln will.

Hinzu kommt, dass die vom Premier stets vorgebrachten Vergleiche zwischen Politik und Wirtschaft nicht nur inhaltlich fragwürdig sind. Sie beruhen auch auf einer persönlichen Legende. Im Wahlkampf behauptete Luc Frieden stets, dass er als einziger Spitzenkandidat über Erfahrung in der Privatwirtschaft verfüge und „in Betrieben gearbeitet“ habe. Das klingt so, als ob der CSV-Politiker jahrelang in einer Fabrik am Fließband oder im Supermarkt an der Kasse gestanden hätte.
In Wahrheit beschränkt sich seine diesbezügliche Erfahrung auf Aufsichtsratsposten bei der BIL, der Luxemburger Börse, „Saint-Paul Luxembourg“, der „Deutsche Bank“ in London sowie als Präsident der Handelskammer. Also Funktionen, bei denen der Verdacht naheliegt, dass er diese ohne seine langjährige Ministerkarriere nicht ohne Weiteres ergattert hätte. Was Luc Frieden bei all seinen Privatwirtschaft-Vergleichen zudem vergisst, zu erwähnen: Er verfügt über keinerlei Erfahrung in der operativen Führung eines Unternehmens.
Man kann jedoch davon ausgehen, dass Luc Frieden auch diese Aussagen aus dem Wahlkampf im Nachhinein als „unglücklich“ oder als Missverständnis bezeichnen würde. Oder wie er es im Interview mit Reporter.lu einst ausdrückte: „Ich finde zunächst, dass Sie in der Analyse meiner Wortwahl vielleicht etwas streng sind.“ Allzu streng fand Luc Frieden übrigens auch immer die Kritik an seiner Rolle in den politischen Affären der letzten CSV-Regierungsbeteiligung. Im Juni 2013 sprach er im ausführlichen Interview mit „RTL“ über die „Bommeleeër“- und „Cargolux“-Affären von einem „Angriff auf meine Ehre“. Denn er wisse schließlich „wéi ech als Justizminister fonctionnéiert hunn, a wéi ech als Mënsch fonctionnéieren“.
Zwischen Läuterung und politischer PR
Wie der Wahlkampf zeigte, ist der „neue Luc“ allerdings keine reine stilistische Erfindung. Sie sollte auch das politische Image des Kandidaten auffrischen, oder vielmehr von seiner mit Affären und Kontroversen gespickten Vergangenheit ablenken. Mit den Worten von Luc Frieden: „Ich lebe nicht im Jahr 2013.“ Er habe sich weiterentwickelt, er denke „moderner“ und sehe die Dinge heute zum Teil anders als früher, sagen denn auch manche seiner heutigen Mitstreiter. Zum Beispiel: Er habe begriffen, dass der nach 2013 mit der Dreierkoalition vollzogene politisch-gesellschaftliche Wandel, wenn schon nicht überfällig und sinnvoll, so doch unumkehrbar sei.
Luc Frieden sei immer noch der Alte, sagen dagegen jene, die ihn länger kennen. Doch er sei auch Realist und Stratege genug, um zu wissen, dass man als Premier im Jahr 2024 eine andere Politik verfolgen müsse als in den 1990er und 2000er Jahren als Justiz- oder Finanzminister. Dazu passt auch, dass Luc Frieden sich heute keiner liberalen, konservativen oder sonstigen Strömung zugehörig fühlt – zumindest nach außen.
Nur hin und wieder schimmern seine alten Überzeugungen durch, etwa wenn er auf seine Verantwortung für die Politik der exzessiven Steuervermeidung durch internationale Konzerne angesprochen wird. Die durch den „Luxleaks“-Skandal 2014 enthüllten Praktiken der Luxemburger Steuerverwaltung findet er jedenfalls auch im Rückblick politisch und moralisch vertretbar. Denn – Zitat aus einem Interview im vergangenen Sommer – diese Politik habe schließlich „zum Wohlstand des Landes beigetragen“.
Wie so viele Politiker der Gegenwart vermeidet Luc Frieden mittlerweile sonst aber jegliche ideologische Positionierung. Stattdessen predigt auch er das schwammige Konzept der politischen „Mitte“ und hantiert gerne mit Floskeln wie „Lëtzebuerg fir d’Zukunft stäerken“. Für was er genau politisch steht, ist anhand von jüngeren öffentlichen Aussagen nicht immer nachvollziehbar. Im Wahlkampf blieb der CSV-Politiker sogar eine klare Antwort auf die Frage schuldig, ob er an Gott glaube.

Viele Insider des politischen Betriebs betonen allerdings, dass Luc Frieden im vertrauten Kreis immer noch seine wirtschaftsliberalen und wertkonservativen Überzeugungen vertritt. Demnach entdecke er als Premier auch bestimmte Sachverhalte, und nicht zuletzt die menschliche Dimension mancher Politikbereiche, erst nach und nach. Das zeigt sich etwa in seiner wiederholt öffentlich geäußerten Ansicht, wonach das sich verschärfende Armutsproblem in Luxemburg vor allem mit einer Vereinfachung der Prozeduren zu lösen sei. Laut Beteiligten des „Logementsdësch“ soll der Premier auch erst nach längerer Diskussion eingeräumt haben, dass nicht nur die staatliche Regulierung, sondern auch die Profiterwartungen von privaten Bauträgern Teil des Problems seien.
Er meint es eigentlich nicht schlecht. Er schafft es aber nur selten, dass ihm die Menschen das abkaufen.“Ein ehemaliger Berater von Luc Frieden
Vor diesem Hintergrund bleibt fraglich, was der 60-Jährige überhaupt politisch erreichen will. Früher war diese Frage leichter zu beantworten. Vor 2013 war Luc Frieden ein Politiker mit klarem Profil, der nahezu hemmungslos den klassischen Kanon des wirtschaftsliberalen Konservatismus anstimmte. Heute beteuern seine treuesten Unterstützer, dass er geläutert sei. Ganz Pragmatiker wolle er nur das Beste für Land und Leute. Seine Kritiker sind sich dagegen sicher, der „neue Luc“ sei nur eine mit schönen Bildern, Marketingfloskeln und Rollkragenpullovern verzierte Verpackung, in der die gleichen politischen Ziele und Überzeugungen von früher nur darauf warten, ausgepackt zu werden.
Vielleicht ist es aber auch eine Kombination von beidem. So drückt es zumindest ein ehemaliger Berater des heutigen Premiers aus: „Er meint es eigentlich nicht schlecht. Er schafft es aber nur selten, dass ihm die Menschen das abkaufen.“
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