Xavier Bettels Plagiatsaffäre hängt in der Schwebe. Und doch hat der Premier schon jetzt ein Glaubwürdigkeitsproblem. Die Affäre verrät aber noch viel mehr über die Machtverhältnisse in der Koalition, die Unfähigkeit der Opposition und die politische Kultur im Land. Eine Analyse.

Die Reaktionen sind extrem, und das war zu erwarten. Manche reden von Betrug und einem handfesten Skandal. Andere beschwichtigen und fragen: „Hu mer soss keng Problemer?!“ Die einen sehen sich in ihrer persönlichen Meinung über den Premier bestätigt. Die anderen verteidigen Xavier Bettel gegen jegliche Vorwürfe und wollen am liebsten schnell zur Tagesordnung übergehen.

Gleich vorweg: Natürlich haben wir andere Probleme. Es gibt immer andere Probleme, mit denen man von einem ganz bestimmten Sachverhalt ablenken könnte. Und es gibt in der Tat auch politische Debatten und Kontroversen, die mehr über Xavier Bettels Eignung als Regierungschef aussagen als Plagiate in seiner Abschlussarbeit von vor mehr als 20 Jahren.

Dennoch ist die Plagiatsaffäre um Xavier Bettel relevant und von politischer Bedeutung. Denn sie sagt viel über den Charakter jener Person aus, die seit knapp acht Jahren das höchste politische Amt im Staat innehat. Der Plagiatsbefund vervollständigt das Bild, das die Öffentlichkeit bisher vom Premierminister hatte. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Eine Frage der Glaubwürdigkeit

Auch wenn die Geschehnisse lange her sind, zeigen sie doch: Xavier Bettel baute seine Karriere in einem ganz konkreten Punkt auf einem Schwindel auf. Mit einer Arbeit, die von einer Dreistigkeit und einer fast schon so absurden Minderwertigkeit geprägt ist, dass ein verantwortungsbewusster Professor sie niemals hätte durchgehen lassen dürfen, schloss der DP-Politiker damals sein Studium ab und startete als Jungpolitiker durch.

Politik und Wissenschaft sind zwar zwei verschiedene Welten, mit unterschiedlichem Sinn und Zweck. Doch beiden Welten ist ein grundlegender Wert gemein: ein Mindestmaß an Redlichkeit.“

Von entscheidender Bedeutung ist dabei das Ausmaß des Plagiats. Es geht nicht um „mal abgeschrieben“, einzelne „fehlende Quellen“ oder ein paar versehentliche „Zitierfehler“. Bei der Abschlussarbeit von Xavier Bettel handelt es sich um ein fast perfektes, also nahezu vollständiges Plagiat. Es war ein mutmaßlich bewusster und womöglich strafrechtlich relevanter Täuschungsversuch, um etwas zu erreichen, was dem Autor der Arbeit aufgrund der vermiedenen Eigenleistung eigentlich nicht zusteht.

Angesichts der Reaktion des Premiers, wonach er seine Arbeit damals „nach bestem Wissen und Gewissen“ angefertigt habe, bleiben im Grunde nur zwei Alternativen: Entweder Xavier Bettel sagt heute die Unwahrheit. Oder er hat damals, im Jahr 1999, tatsächlich nicht gewusst, dass man eine Diplomarbeit nicht einfach nahezu integral abschreiben darf …