Ein anderer Wochenrückblick ist möglich: Pünktlich zum Wochenende blickt die REPORTER-Redaktion mit einem Augenzwinkern auf jene Themen zurück, die uns und die Medien insgesamt beschäftigt haben. Diese Woche: Ein Blick in den Twitter-Abgrund und ein ehrliches nostra culpa.

Twitter muss man einfach lieben! Nutzen muss man es nicht, aber lieben! Wo sonst verhalten und duellieren sich erwachsene Menschen wie frühpubertäre Teenager und lösen en passant die Probleme der Welt in 280 Zeichen. Nach dem Motto „Liggener“, „Ja gar nicht, selber Liggener“, ging es auch in den vergangenen Tagen heiß her in der Luxemburger Twitterblase, die bekanntlich exklusiv aus Politiker*innen, Möchtegern-Politiker*innen, Fahrradfundamentalist*innen, Journalist*innen und sonstigen völlig bescheidenen, selbstkritischen und uneitlen Gesell*innen besteht.

Dem Fass den Boden ausgetwittert hat allerdings eine gewisse Corinne Cahen. Da hat die bekennende liberale Samariterin doch tatsächlich ihre schärfsten Kritiker*innen geblockt. Einfach so, ohne Vorwarnung. Selbst Abgeordnete wie der bekennende Besser- bis Alleswisser Sven Clement werden nicht verschont und können nun nicht mehr die gezwitscherte Regierungslobhudelei der DP-Präsidentin, Familienministerin und (ganz wichtig!) Privatperson Corinne C. verfolgen.

Und dabei war ja überhaupt nichts passiert. Clement und seine ungehobelte Piratengang hatten Cahen nur in mehreren Tweets und mit Steuergeldern gesponserten Facebook-Beiträgen als „#LiggenMinistesch“ bezeichnet. Wir finden: Das ist nun wirklich kein Grund, die ansonsten so hochwertige und zivilisierte Twitter-Feindschaft völlig abzubrechen.

#LiggenMinistesch

Ob Lügenministerin oder nicht: Corinne Cahen hat diese Woche ein für alle Mal geklärt, wer eigentlich für die vielen Todesfälle in den Altersheimen verantwortlich ist. Spoiler Alert: Sie ist es nicht. „Ech sinn u sech ganz traureg, dass een do probéiert iergendeen Responsabelen ze sichen, well ausser dem Virus gesinn ech kee Responsabelen. Ech gesi lauter Responsabeler déi hiert bescht gemaach hunn, fir d’Leit ze schützen“, sagte die verantwortungslose Ministerin bei „RTL“.

Wir halten an dieser Stelle fest: 1. Das Virus ist verantwortlich für die verschiedenen Cluster, und auch sonst, wenn man als Minister*in nicht mehr weiter weiß. 2. Das Virus muss unverzüglich zurücktreten. Denn es hätte sich auch wirklich etwas mehr Mühe geben können, keine Menschen zu infizieren. 3. Der Satz „Les membres du Gouvernement sont responsables“ aus Artikel 78 der Verfassung gehört endgültig gestrichen.

Eine gute Nachricht gibt es in diesem Zusammenhang aber. Jetzt, wo die Frage der Verantwortung geklärt ist, haben die Angehörigen endlich einen Ansprechpartner. Ihre Beschwerdebriefe können ab sofort an folgende E-Mail-Adresse geschickt werden: [email protected] Aber wie wir dieses von Grund auf böse und politisch verantwortliche Virus kennen, sollten sie nicht unbedingt mit einer Antwort rechnen.

#CorinnePrivat

Aber zurück zum #BlockGate auf Twitter. Nicht nur Oppositionspolitiker*innen, auch andere aktivistische Vielzwitscherer bekamen die geballte Ignoranz der Ministerin zu spüren. Der Twitterer-in-chief des „Luxemburger Wort“ wollte das aber nicht einfach so auf sich sitzen lassen und fragte bei Cahens Ministerium nach, warum er denn geblockt wurde. Das sei „der Madame Ministesch hire privaten Account“, hieß es dort als Antwort. Der offizielle Account sei jener des Ministeriums selbst. #Bäm bzw. #LOL

Wir halten an dieser Stelle zudem fest: 1. Die Geblockten sollten sich mal kräftig die Nippel chillen, wie man zwar nicht bei Twitter, dafür aber bei TikTok zu sagen pflegt. 2. Eine (ohnehin nicht verantwortliche) Ministerin muss sich natürlich (keine) Kritik gefallen lassen. Und sei diese Kritik auch voll krass unfair. Und komme sie auch in Form von 50 Tweet-Alerts pro Minute auf das Handy. Nein, das muss man und frau aushalten können. Es sei denn, man ist rein privat unterwegs. Dann heißt es: Blocken bis der Arzt kommt.

#AarmenGeescht

Wir finden allerdings: Der bitterernste, mit super-originellen Hashtags unterfütterte Twitter-Beef ist quasi ein Grundrecht. Außer natürlich für jene Hunderttausende Luxemburger, die nicht auf Twitter unterwegs sind. Die hatten Pech.

Die sehr zivilisierte Diskussion ging nämlich noch in eine zweite Runde. Leider dieses Mal in einer Nebendarstellerbesetzung: Marc „Pinky“ Goergen verteidigte sich hier höchst souverän gegen Stephanie „The Punisher“ Empain. Hier ein kleiner, nahezu unbearbeiteter (sic!!!!!) Ausschnitt des Gesprächs für alle Nicht-Twitter-User:

@gomarc777: also bei mir ass kee Journalist blockeiert oder Politiker. awer e puer Spammer an esou Coronoleugner mat Links op dubios Videos.
@stephanieempain: An e Spammer ass jiddereen deen dech 1 Mol zevill mat enger annerer Meenung emmerdéiert huet? […]
@gomarc777: […] Bis iergend een op der Block land, muss vill geschéien. Mee ech verwalten déi net eleng. Bekanntlech hat déi Gréng Partei méi streng Reegele gefrot fir Kommentaren bei eis, an do hale mir eis drun.
@stephanieempain: Liggener. […]
Regie: Irgendetwas mit Muffelen
@stephanieempain: Du bass en aarmen Geescht. A faenks rem vu vir un. Dat ware Leit déi zu Haas a Gewalt opgeruff hun, net Leit déi Déiere schütze wëllen. […]
@gomarc777: elo si scho Leit wou sech déi Déiere schütze wëllen, déi Béiss. Naja mir kommen do net weider.

Das finden wir auch. Und den Rest ersparen wir Ihnen lieber.

#NothingIsSacred

Nun aber zu den richtigen Qualitätsmedien. Das „Luxemburger Wort“ hat es wahrlich nicht leicht. Erst wurde die Traditionszeitung von flämischen Medienheuschrecken aufgekauft, dann entließ es Dutzende verdiente Mitarbeiter*innen. Und jetzt zieht der neue Eigentümer auch noch rein begrifflich den Schlussstrich unter das katholische Erbe des Verlagshauses. Aus „Saint-Paul Luxembourg“ wird nämlich „Mediahuis Luxembourg“. Doch letztlich ist es genauso wie beim beliebten Schokoriegel, wie die Älteren unter uns wissen. „Aus Raider wird jetzt Twix, sonst ändert sich nix.“

Doch der Hiobsbotschaften nicht genug: Am Freitag kam dann noch heraus, dass zumindest eine der Entlassungen des letzten Jahres bei Saint-Paul, pardon, Mediahuis Luxembourg von einem Gericht als „abusif“ eingestuft wurde. Dabei argumentierte so ein dahergelaufener Anwalt, ein gewisser Gaston V., doch tatsächlich, dass es dem „Wort“ finanziell gar nicht so schlecht gehe wie es der Medienkonzern letztens immer behauptete. Zum juristischen Verhängnis wurde Saint-Paul, pardon, Mediahuis Luxembourg ausgerechnet ein Verweis darauf, dass das „Wort“ laut einer höchst repräsentativen Umfrage Leserinnen und Leser gewonnen habe…

Wir finden: Alles ist relativ. Sich selbst preisen, weil man gut durch die Krise kam und gleichzeitig mit Verweis auf die Krise Mitarbeiter*innen massenweise entlassen, das klingt nur für die Outsider der Sekte der früheren Sankt-Paulisten unlogisch bis unverschämt.

My Newsdesk, Right or Wrong

Für all jene, die noch an Bord sind, gibt es aber Hoffnung – und klare Anweisungen aus der Chefetage. „Auf die Einstellung kommt es an!“, heißt es nämlich in einer feschen verlagsinternen Präsentation. Und weiter: „Jeder Journalist muss stolz darauf sein, Teil des Newsrooms des Luxemburger Wort zu sein.“ #NoJoke

Und tatsächlich: Mit ein bisschen Stolz und blindem Betriebspatriotismus geht das mit dem Qualitätszeitungsmachen schon viel einfacher. Wir erinnern Sie an dieser Stelle gerne noch einmal an unsere internen Retrospect-Leser-Regeln, die Sie zu Beginn unseres gemeinsamen augenzwinkernden Abenteuers stillschweigend akzeptiert haben. „Auf die Einstellung kommt es an! Jeder Leser muss stolz darauf sein, dass er diese Zeilen überhaupt lesen darf!“

Zum Schluss aber noch ein großes, ehrliches nostra culpa! Eigentlich hatten wir uns ja schon in die humorlose Sommerpause verabschiedet. Aber daraus wurde leider nichts. Wir würden ja sagen, Corinne Cahen ist schuld, aber, naja… Sie wissen schon. Wir versuchen es dann nächste Woche noch einmal.


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