Seit Jahren führt Deutschland eine Debatte darüber, ob der Islam zum Land gehört oder nicht. Doch die Frage ist falsch gestellt und verschleiert die wahren Probleme im interkulturellen Umgang. Ein Kommentar von Marian Brehmer.

„Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ – Horst Seehofers Ausspruch als frisch gebackener deutscher Innenminister war für niemanden eine Überraschung, der das Wirken des bayerischen Heimatpopulisten in den letzten Jahren beobachtet hat. Der Satz an sich ist auch nicht neu. Seit Christian Wulffs berühmter Bemerkung aus einer Bundespräsidentenrede im Jahr 2010, der Islam gehöre “inzwischen auch zu Deutschland”, kontern deutsche Politiker immer wieder mit ähnlich kategorischen Ausschließungen.

Seehofers Satz ist genauso wenig richtig wie er konstruktiv ist. Zunächst einmal liegt dem ständigen Gerede von „dem Islam“ ein mehr oder weniger monolithisches Bild einer Religion zugrunde, die es so nicht gibt. In Deutschland ist der Islam die Religion von türkischen Zuwanderern aus den 1960er Jahren genauso wie jene von inzwischen längst verwurzelten Kosovoalbanern, iranischstämmigen Intellektuellen wie dem Schriftsteller Navid Kermani oder den syrischen Flüchtlingen, die in den letzten Jahren vermehrt eingetroffen sind. Dass große Unterschiede in Islamverständnis und -ausübung dieser verschiedenen Gruppen bestehen, wird in der politischen Debatte gerne übersehen.

„Der Islam“ gehört schon lange zu Europa

Tatsächlich ist der Begriff „Islam“ an sich als Religionsbezeichnung eine Schöpfung des europäischen Orientalismus aus dem 19. Jahrhundert, verwendet in Analogie zum christlichen Religionsbegriff. Der Koran hingegen spricht schlichtweg von „Iman“ (Glaube). Dieses historische Argument mag in der aktuellen Debatte weit hergeholt erscheinen, doch regt der Blick in die Entstehungsgeschichte einen kritischen Umgang mit dem heute so weit verbreiteten kategorischen Denken an.

Während „der Islam“ in Europa erst seit dem 11. September 2001 zum öffentlichen Zankthema avanciert ist, gibt es schon seit Jahrhunderten eine muslimische Präsenz auf unserem Kontinent.

Während „der Islam“ in Europa erst seit dem 11. September 2001 zum öffentlichen Zankthema avanciert ist, gibt es schon seit Jahrhunderten eine muslimische Präsenz auf unserem Kontinent. Diese zeigte sich nicht erst mit den türkischen Gastarbeitern in Deutschland oder den maghrebinischen Einwanderern in Frankreich, sondern reicht bis ins frühe Mittelalter zurück.

Über fast 800 Jahre florierten in Andalusien maurische Herrscherdynastien, unter denen Europa eine der kulturreichsten Perioden seiner Geschichte erlebte. So ist es etwa den Übersetzungen muslimischer Gelehrter vom Griechischen ins Arabische zu verdanken, dass das Erbe der griechischen Philosophen erhalten blieb. Über das Arabische wurden griechische Klassiker ins Lateinische übertragen, ein entscheidender kultureller Transferprozess, der die europäische Renaissance befeuerte.

Wer sich ernsthaft mit dem dynamischen Gedankenaustausch zwischen Europa und den islamischen Kulturräumen des Mittelmeerraums beschäftigt und dabei auch den Balkan nicht aus dem Blick verliert, wird sehen, dass die so häufig heraufbeschworene Trennung in „Abendland“ und „Morgenland“ nur schwer haltbar ist. In Deutschland lassen sich die Spuren des Islam bis mindestens 300 Jahre zurückverfolgen: Im Jahr 1739 wurde in Deutschland die erste islamische Gemeinde gegründet, nachdem Preußens König Friedrich Wilhelm I. zwanzig türkische Soldaten in seine Garde aufgenommen hatte.

Der Geist religionsübergreifender Humanität

Auch Philosophen und Schriftsteller wie Johann Wolfgang von Goethe beschäftigten sich intensiv mit dem Islam. Goethe studierte den Koran, den er für seine Sprach- und Bildgewalt schätzte, und drückte in seinen Gedichten Bewunderung für die Religion aus. Tatsächlich fand der große deutsche Dichter seine Gefühle und Überzeugungen in den Hauptlehren des Islam ausgedrückt, was ihn sogar dazu veranlasste die Lailat al-Qadr im Gebet zu verbringen – jene heilige Nacht, in welcher nach muslimischem Glauben der Koran dem Propheten Mohammed überliefert wurde.

Anstatt Symboldebatten über den Islam zu führen, müssten sich Deutschland und Europa als Ganzes einmal viel dringendere Frage stellen: Worin liegen eigentlich die so oft heraufbeschworenen christlich-abendländischen Wurzeln? Was hält Deutschland zusammen und was macht Europa zu Europa?

Hinter Goethes aufrichtigem Interesse für den Islam steht auch sein starkes Bemühen um die interreligiöse Harmonie in der Gesellschaft seiner Zeit. So schlug Goethe in seinen Schriften vor, religiöse Feste miteinander zu feiern und nicht nur nebeneinander, sondern miteinander zu leben im Geiste einer religionsübergreifenden Humanität. Bei Goethe sieht man eine Aufgeschlossenheit und Neugier gegenüber dem Ergründen, gar dem Erfahren von fremdartigen Glaubensausdrücken, die man heute in Deutschland und Europa vermisst.

Dringendere Fragen der deutschen Identität

Goethes Beschäftigung mit dem Islam zeigt außerdem, dass er sich nicht durch seine eigene Religion, den Protestantismus, einengen lassen wollte. Anstatt Symboldebatten über den Islam zu führen, müssten sich Deutschland und Europa als Ganzes einmal viel dringendere Frage stellen: Worin liegen eigentlich die so oft heraufbeschworenen christlich-abendländischen Wurzeln? Was hält Deutschland zusammen und was macht Europa zu Europa? Ist Deutschland ein geographisches Gebilde mit Staatsgrenzen? Oder ist es vielmehr ein Gedanke, ein abgesteckter kultureller Rahmen? Dass Deutschland tatsächlich so fragil ist, dass es den Islam nicht ertragen kann, lässt sich in der Tat nur schwerlich glauben.

Der Religionswissenschaftler Farid Hafez kritisierte in einem Interview mit dem Online-Portal „Qantara“ zurecht, dass die strukturelle Privilegierung der christlichen Tradition zu einer Zweiteilung der Bevölkerung führe: Wenn ein Staat muslimische Feiertage nicht anerkennt und Kirchen religionsrechtlich anderen Gotteshäusern gegenüber bevorzugt werden, dann entsteht ein gesellschaftliches Ungleichgewicht, welches das so oft kritisierte Integrationsdefizit befördert.

Das heißt allerdings nicht, dass man die in Deutschland lebenden Muslime nicht in die Pflicht nehmen sollte. Radikalisierung muss mit vereinten Kräften entgegengewirkt werden. Die muslimischen Verbände haben in den letzten Jahren auf die sogenannte Islamdebatte vor allem mit Abschottung reagiert, anstatt selbst Verantwortung zu übernehmen und sich aktiver in der Gesellschaft einzubringen. Trotz und Isolation helfen jedoch nicht weiter. Stattdessen braucht es Graswurzelinitiativen des Aufeinanderzugehens im Sinne von Goethes Vorstoß – im Zwischenmenschlichen, wenn schon nicht in Politik und Verbänden.