Schon junge Kinder stoßen im Internet auf sexuelle Inhalte und sind damit überfordert. Eltern und Lehrpersonal stellt das vor Herausforderungen. Die Nachfrage nach Aufklärung ist groß, entsprechende Programme können aber nur einen Teil der Arbeit leisten.

„Die Frage ist nicht mehr, ob ein Jugendlicher einen Porno sieht, sondern eher wann“, erklärt die Psychotherapeutin Charlotte Pull in einer Fortbildung für das Lehrpersonal. Wobei man mittlerweile oft schon von Kindern reden könnte, wenn es um den Kontakt mit pornografischen Bildern geht. Denn durch den frühen Zugang zu Smartphones und Internet sind entsprechende Inhalte nur einen Handgriff entfernt. In Luxemburg haben laut der Initiative zur sicheren Internetnutzung „Bee Secure“ schon 22 Prozent der Neunjährigen ihr eigenes Smartphone – mit zwölf sind es bereits 84 Prozent der Kinder.

Der Anteil an Kindern, die alleine im Internet surfen, steigt deutlich – besonders seit der Corona-Pandemie. Und damit steigt auch die Chance, unbemerkt auf nicht-altersangemessene Inhalte zu stoßen. Das geht aus der deutschen KIM-Studie hervor, die die Mediennutzung von Sechs- bis 13-Jährigen untersucht. Acht Prozent der befragten Kinder gaben 2022 an, dass sie schon Videos gesehen haben, für die sie eigentlich noch zu jung waren. In der Altersgruppe bis sieben Jahre waren es fünf Prozent, unter den Zwölf- bis 13-Jährigen schon zwölf Prozent. Neben Gewalt- und Horrorfilmen wurden hier explizit Erotikfilme genannt.

„Online-Pornografie ist ein Teil der Realität von Jugendlichen“, stellt Charlotte Pull vom „Zenter fir exzessiivt Verhalen a Verhalenssucht“ (ZEV) deshalb fest. Paradox daran: Pornokonsum ist einerseits tabuisiert, andererseits sind die Inhalte extrem leicht und auch anonym zugänglich.

Nebeneffekte des Konsums

Durch den frühen Kontakt mit pornografischen Inhalten würden Kinder bereits mit Sex konfrontiert, bevor sie ihre eigene Sexualität entdecken, erklärt Charlotte Pull. „Kinder, die im Internet auf solche Videos treffen, realisieren nicht, was sie dort sehen. Sie ekeln sich vielleicht, sind verwirrt oder überfordert. Wenn man auf das Thema nicht eingeht, lässt man sie mit diesen Gefühlen allein“, so die Expertin.

Denn während das Material im Internet meist nicht zur Aufklärung taugt, stellt es die Kinder und Jugendlichen vor allem vor jede Menge Fragen. „Gerade junge Männer stellen sich auch Fragen zu ihrem Körper, wenn sie sich mit Pornos vergleichen“, so Charlotte Pull. So sei die Länge des Penis oder auch die Menge an Ejakulat in Pornos nicht repräsentativ oder realistisch. Oder Mädchen fragen sich, ob sie ihren Freund oral befriedigen müssen. Ohne Vorwissen oder Erfahrung lässt sich das Gesehene nicht kontextualisieren.

Jugendliche haben ein größeres Risiko, in ein exzessives Verhalten zu fallen. Ihr Belohnungssystem läuft auf Hochtouren. Das ist ganz normal, aber sorgt eben auch dafür, dass sie anfälliger sind.“Charlotte Pull, Psychotherapeutin

Fabienne Michaux, die als Hebamme Kurse zur Aufklärung abhält, bemerkt die Einflüsse des Internets an den Fragen, die sie in Schulklassen gestellt bekommt. Insgesamt stellt sie fest: „Die Kinder und Jugendlichen stehen sehr unter Druck, sowohl in Bezug auf ihren Körper als auch bei der Performance“. Die Frage der Normalität ist dabei wichtig und sollte nicht dem Internet überlassen werden. „Das zeigt nicht die Realität, das sind Fantasien von Erwachsenen“, sollte man deshalb klarstellen, wenn Kinder auf entsprechende Inhalte gestoßen sind, so die Psychotherapeutin Charlotte Pull. „Dass Frauen und Männer immer kommen. Dass die Frau auf alles Lust hat. Und dass wenn sie Nein sagt, es ihr nachher trotzdem gefällt“, nennt sie als Beispiele von bedenklichen Stereotypen in Pornografie …