Ein Notarzt schlägt Alarm. Die Krankenhäuser erwarten eine weitere Eskalation der Coronavirus-Krise. Im Vergleich zum Ausland scheint Luxemburgs Gesundheitssystem zwar durchaus belastbar. Doch es gibt ein potenzielles Problem, das kein anderes Land in dieser Form kennt.

„Bleift all doheem!!!“ Deutlicher könnte der Aufruf von Emile Bock kaum sein. Der Chef-Koordinator der Notaufnahme der „Hôpitaux Robert Schuman“ machte am Montagabend per Facebook auf die „absolute Dringlichkeit“ der Lage aufmerksam. „Die Situation ist mehr als kritisch“, schreibt der erfahrene Notarzt und richtet den Appell an alle Bürger, zu Hause zu bleiben, damit sich das Coronavirus im Land nicht noch weiter ausbreitet.

Der Grund: Falls die Pandemie weiter voranschreitet, steht Luxemburgs Gesundheitssystem schlicht vor dem Kollaps. Wenn ein Großteil der Bevölkerung gleichzeitig krank wird und intensivmedizinisch behandelt werden muss, tritt das „Worst-Case-Szenario“ ein, so Emile Bock. Die Folge: Viele Menschen würden nicht mehr adäquat behandelt werden und könnten sterben.

Wovor der Mediziner implizit warnt, ist eine Situation wie sie Italien aktuell erlebt. Nach China ist es das Land mit den meisten Corona-Infizierten (rund 25.000) und 1.809 Toten (Stand 16. März). Die italienischen Kliniken ächzen unter der Last der vielen Patienten, das Pflegepersonal steht unter Druck – sowohl zeitlich als auch psychisch.

Die Lage in Luxemburg ist zwar bei weitem noch nicht so dramatisch. Die offizielle Zahl der Infizierten liegt bei 335 Personen (Stand 19. März). Bisher sind vier Menschen im Großherzogtum an den Folgen der Covid-19-Krankheit gestorben. Und doch warnen manche Experten, dass sich die Situation in Italien in anderen Staaten der EU wiederholen kann, wenn die jüngst von vielen Regierungen beschlossenen Maßnahmen nicht wirken sollten.

„Nicht für breite Öffentlichkeit gedacht“

Wie lange kann Luxemburgs Gesundheitssystem dem Druck des Coronavirus standhalten? Bis Montag hatte das „Centre Hospitalier de Luxembourg“ (CHL) 15 Menschen behandelt. Sechs Personen konnten das Krankenhaus wieder verlassen. Auf den Intensivstationen der vier Krankenhausgruppen gibt es landesweit 169 Betten, die zur Behandlung der kritischeren Fälle von Covid-19 geeignet sind.

Im „Centre Hospitalier de Luxembourg“ (CHL), also dort, wo vorerst alle schweren Corona-Fälle behandelt werden, stehen 50 solcher Betten zur Verfügung. Dr. Romain Nati, Generaldirektor des CHL, sagte am Montag bei einer Pressekonferenz, dass zurzeit neun mit dem Virus infizierte Patienten im CHL in stationärer Behandlung seien. Darunter sei eine Person, die künstlich beatmet werden muss. Aktuell hat man also die Lage im Griff, so die Botschaft.

Das Virus macht nicht vor unseren Grenzen Halt und der Höhepunkt wird wohl erst noch kommen.“Marie-Lise Lair, Beraterin für Gesundheitspolitik

Wie hoch die Auslastung der Intensivbetten in den anderen Krankenhäusern des Landes ist, wollte Gesundheitsministerin Paulette Lenert (LSAP) am Montag auf Nachfrage jedoch nicht sagen. Auch die stellvertretende Direktorin der „Direction de la santé“, Dr. Françoise Berthet, konnte diese Zahlen nicht nennen. Diese würden bisher landesweit nicht ständig aktualisiert, hieß es. Laut einer seit Montag geltenden Verordnung müssen die Krankenhäuser ab sofort aber jegliche Belegungsgrade ihrer Intensivbetten täglich dem Ministerium mitteilen.

Wie viele Betten landesweit für die intensive Behandlung von Covid-19-Patienten zur Verfügung stehen, sei allerdings eine Information, die „nicht für breite Öffentlichkeit gedacht“ sei, sagten sowohl Paulette Lenert als auch Françoise Berthet. Damit wird die Beantwortung der Frage, wie gut Luxemburg für eine weiter eskalierende „sanitäre Krise“ (Paulette Lenert) aufgestellt ist, natürlich erschwert.

3,7 „Lits aigus“ pro 1.000 Einwohner

„Luxemburg ist im internationalen Vergleich gut aufgestellt“, sagt Marie-Lise Lair. Sie ist Beraterin im Bereich für gesundheitliche Dienstleistungen in Luxemburg und wurde vom Gesundheitsministerium mehrfach für Audits zu den Notaufnahmen beauftragt. Etwa 75 Prozent der Klinikbetten sind hierzulande in der Regel belegt. Es gebe demnach einen gewissen Spielraum und Reservepotenzial für Extremsituationen wie die aktuelle Pandemie, so die Expertin im Interview mit REPORTER.

Zwar hat Luxemburg im europäischen Vergleich weniger Betten pro Kopf als viele andere Staaten. Doch sei die Anzahl der sogenannten „Lits aigus“, also Betten für die Akutpflege, repräsentativer, sagt Marie-Lise Lair. Und dort schneidet Luxemburg laut einer OECD-Studie von 2019 eher gut ab (siehe Grafik). Im Großherzogtum sind diese Betten alle mit Atemmasken ausgestattet. Nimmt man jegliche Einheiten der Krankenhäuser des Landes zusammen, zählte das Großherzogtum 3,7 solcher Betten zur Akutpflege pro 1.000 Einwohner.

Dennoch stellt die Corona-Krise das Gesundheitssystem vor ungeahnte Herausforderungen. Andere dringende Behandlungen oder Eingriffe werden bis auf Weiteres verschoben, damit genügend Personal und Räumlichkeiten für die Patienten zur Verfügung stehen. Außerdem werden Ärzte aus anderen Krankenhausabteilungen wie der Chirurgie zur Unterstützung der Notfall- und Intensivstation hinzugezogen, heißt es aus den Krankenhäusern.

Wie ernst und komplex die Lage in Luxemburg tatsächlich wird, kann zwar niemand abschätzen. Fest steht aber, dass sie schon jetzt angespannt ist. Dem Personal im Gesundheitssektor wird einiges abverlangt. „Das Virus macht nicht vor unseren Grenzen Halt und der Höhepunkt wird wohl erst noch kommen“, sagt Marie-Lise Lair. Positiv sei aber, dass etwa 85 Prozent der Fälle bis heute nur leichte Symptome aufweisen und gar nicht erst ins Krankenhaus müssten, so die Expertin.

Eine Eskalation soll vermieden werden

Schwierig wird es dann, wenn viele Menschen gleichzeitig mit Komplikationen ins Krankenhaus kommen, wie auch der medizinische Direktor der „Hôpitaux Robert Schuman“, Gregor Baertz, in einer Videobotschaft erklärte. Laut dem „European Centre for Disease Prevention and Control“ in Stockholm zeigt die Analyse bisheriger Infektionen mit Covid-19: In rund 80 Prozent der Fälle bewirkt das Virus maximal eine leichte Lungenentzündung, bei 14 Prozent geht man von einer schwereren Erkrankung aus und bei sechs Prozent hat man es mit einem kritischen Krankheitsbild zu tun.

Legt man diese Zahlen der aktuellen Infektionsrate in Luxemburg zugrunde, lässt sich die Situation durchaus kontrollieren. Anders sieht es aus, wenn die Infektionen und damit zwangsläufig auch die kritischeren Krankheitsverläufe steigen. Zwar sind die Betten für die Akutpflege alle mit Sauerstoffmasken ausgestattet. Es gibt aber lediglich 169 Intensivbetten, für die Beatmungsmaschinen und Überwachungsgeräte vorgesehen sind. Die Grenze der Belastbarkeit des Systems könnte so, wie in Italien, ziemlich rasch erreicht sein.

Unser Gesundheitssektor steht und fällt mit den Pendlern. Wir müssen alles daransetzen, diese Menschen hier zu halten.“Paulette Lenert, Gesundheitsministerin

„Wie wir es im Ausland gesehen haben, müssen Covid-19-Patienten mit schwerer Atemnot in schlimmen Fällen über einen längeren Zeitraum beatmet werden. Wenn innerhalb kürzester Zeit viele Neuzugänge mit Komplikationen eingeliefert werden, können Ressourcen und Material irgendwann knapp werden“, sagt Marie-Lise Lair.

Auch deshalb versucht die Regierung durch neue Vorgaben und Regeln, die Menschen dazu zu bewegen, ihre sozialen Kontakte zu minimieren. Nur so können die Neuinfizierungen eingedämmt und die Krankenhäuser nicht innerhalb von kurzer Zeit überlastet werden. Damit die Sache nicht aus dem Ruder läuft, „ist es wichtig, dass die Menschen sich an die Vorgaben halten“, wiederholt auch die Gesundheitsministerin Paulette Lenert immer wieder gebetsmühlenartig.

Was, wenn das Personal dauerhaft fehlt?

Mehr Sorgen als die Ausstattung in den Krankenhäusern dürfte den Verantwortlichen ohnehin das Personal machen. Hier ist Luxemburg besonders vom Ausland abhängig. Etwa 65 Prozent der Krankenpfleger sind Berufspendler – 30 Prozent kommen aus Frankreich, 23 Prozent aus Deutschland und zwölf Prozent aus Belgien. Premier Xavier Bettel fasste es mit drastischen Worten zusammen: „Wenn wir die Grenzen schließen, dann können wir auch die Krankenhäuser schließen.“

Doch das Szenario der Grenzschließung ist heute längst nicht mehr irreal. Nicht Luxemburg schließt seine Grenzen, dafür aber seine Nachbarn. Erste Schwierigkeiten gab es für Pendler bereits am Montag, nachdem Deutschland Grenzkontrollen einführte. Pendler dürfen zwar noch nach Luxemburg, brauchen aber eine Bescheinigung. Das kann zumindest zu langen Wartezeiten beim Grenzübertritt führen.

Die Ministerin befand sich am Montag in hoher Alarmbereitschaft, nachdem sie vom deutschen Nachbarn sehr kurzfristig über diese Maßnahmen informiert worden war. Heute ist sie auf alle möglichen Szenarien unserer Nachbarländer gefasst, sagt sie – inklusive einer Schließung der Grenze zu Frankreich. „In dem Fall werden wir alles daransetzen, damit uns auch Frankreich eine Ausnahmereglung für Pendler gewährt“, sagte die Ministerin entschieden.

Der luxemburgischen Bevölkerung wollte die Gesundheitsministerin dabei nichts vormachen. „Unser Gesundheitssektor steht und fällt mit den Pendlern. Wir müssen alles daransetzen, diese Menschen hier zu halten.“ Belastend wäre eine solch protektionistische Maßnahme nicht nur für das Krankenhauspersonal. Die Ministerin rechnete vor: Die Belegschaft des gesamten Pflegesektors, der Kranken- und Altenhäuser sowie ambulante Pflegedienste umfasst, besteht zu 62 Prozent aus Pendlern.

Hohe Abhängigkeit von französischen Pendlern

Ein Ausfall der französischen Fachkräfte hätte für Luxemburg die schwerwiegendsten Folgen: Das Land stellt 30 Prozent der nationalen Pflegekräfte und fast 19 Prozent des Intensivpflegepersonals (siehe Grafik). Die Angst vor dem Ausfall der Grenzgänger verdeutlichte die Regierung letztlich durch das Angebot, Pendler aus dem Krankenhaus- und Pflegesektor mitsamt ihren Familien in Luxemburgs leerstehenden Hotels unterzubringen.

Darüber wurden die Pendler bereits am Montag informiert. Man versuche jene Pendler, die man für den Gesundheitssektor dringend brauche, mit allen Mitteln hier zu behalten. Auf kurz oder lang brauchen wir die Hilfe von geschulten Fachkräften, betonen die politischen Verantwortlichen.

Wenn ein Nachbarland seine Leute zurückbeordert, dann würde unser System wohl nicht mehr funktionieren.“Dr. Hansjörg Reimer, Generaldirektor des CHEM

Luxemburg ist sich seiner hohen Abhängigkeit von den französischen Grenzgängern schon länger bewusst. Die Regierung hatte gar versucht, einer Notsituation vorzubeugen: Im Juli 2018 hatte Luxemburg einen Rahmenvertrag zur „coopération sanitaire franco-luxembourgeoise“ unterschrieben. Darin wurde unter anderem festgehalten, dass das Teilen der materiellen Ausstattung und des Personals des Gesundheitssektors zwischen beiden Ländern gefördert werden müsse.

Was, wenn Grenzgänger zurückbeordert werden?

Auch ohne eine komplette Grenzschließung könnte die Ressource Pflegepersonal in Luxemburg allerdings knapp werden. Einerseits, wenn die Beschäftigten selbst krank werden. Andererseits, wenn sich die Lage in und um Luxemburg herum verschärft.

„Angesichts des hohen Patientenzuflusses hat Frankreich bereits in einigen Regionen teilweise mit der Dienstverpflichtung („réquisition“) von Ärzten begonnen und sie ins Land zurückbeordert. Wenn diese Maßnahme auf Krankenpfleger übergeht, steht Luxemburg vor einer schwierigen Situation“, sagt Marie-Lise Lair. Die Expertin hofft, dass es nicht so weit kommt und Luxemburg weiterhin auf jene Grenzgänger zählen kann, die immerhin bereits seit Jahren viel Arbeit und Energie in die Pflege von Luxemburgs Bevölkerung investiert haben.

Wir befinden uns in einer sanitären Krise(…). Unser Ziel lautet, dass unser Gesundheitssystem diese Krise schafft.“Paulette Lenert, Gesundheitsministerin

Auch der Leiter des „Centre Hospitalier Emile Mayrisch“ (CHEM), Dr. Hansjörg Reimer, bestätigt ein solches Szenario. „Luxemburg ist eigentlich gut aufgestellt, um der hohen Nachfrage gerecht zu werden. Wenn ein Nachbarland seine Leute aber zurückbeordert, dann würde unser System wohl nicht mehr funktionieren.“

Deshalb lohne es sich, zu antizipieren. Denn konkrete, kreative Lösungen gibt es durchaus. „Dann müssten wohl Pfleger und Ärzte aus dem Ruhestand geholt werden“, so Marie-Lise Lair. Denn Luxemburgs Gesundheitsbereich kann sich den Personalmangel nicht leisten. Positiv ist immerhin: 66% der Fachärzte sind in Luxemburg ansässig. Außerdem wohnen 56% des Pflegepersonals und der Krankenschwestern der Intensivstationen in Luxemburg. Im wirklichen Krisenfall dürfte das aber nicht ausreichen.

Hoffen, dass das Ausland weiter liefert

Doch in einem weiteren wichtigen Punkt ist Luxemburg vom Ausland abhängig. Nämlich bei der Lieferung von medizinischem Material, seien es Masken, Schutzmäntel oder Handschuhe. Immer wieder betont die Regierung, dass es noch ausreichend Material gebe. Ähnlich wie bei der Auslastung der Intensivbetten, nennt sie dabei aber keine konkreten Zahlen. Dass es zu Engpässen kommen könnte, liegt dabei auf der Hand: „Wir müssen das Material und die Tests rational einsetzen“, sagte Ministerin Paulette Lenert noch am Wochenende.

Der Chef-Koordinator der Notaufnahme der „Hôpitaux Robert Schuman“ Emile Bock macht in seinem erwähnten Facebook-Post ausdrücklich darauf aufmerksam, dass „Material und Mittel“ zur Behandlung von Covid-19-Patienten „limitiert“ seien.

Zuversichtlich, aber dennoch mit klarem Bewusstsein über das mögliche Ausmaß der kommenden Krise: Gesundheitsministerin Paulette Lenert . (Foto: Reporter.lu)

Unabhängig davon, wie gut die Krankenhäuser aktuell ausgestattet sind: Luxemburg hat keine eigene Industrie, die Masken oder Westen im Notfall selbst produzieren könnte. Paulette Lenert versicherte am Montag, dass weiteres Material bereits bestellt wurde und bat das Personal um Geduld. Auch die Beraterin Marie-Lise Lair gibt sich zuversichtlich. Doch es brauche wohl Zeit, bis das Material, das im Ausland bestellt wird, im Land und an der richtigen Stelle ankommt.

Die Gesundheitsministerin, die erst Anfang Februar dieses Ressort von ihrem Parteifreund Etienne Schneider übernahm, findet klare Worte. „Wir befinden uns in einer sanitären Krise“, sagte sie am Montag vor der Presse. „Unser Ziel lautet, dass unser Gesundheitssystem diese Krise schafft.“ Dieses Ziel teilen sicher auch Emile Bock und seine Kollegen „an der vordersten Front“. Es gehe jetzt darum, jede verbleibende Zeit zu nutzen, um „alle unsere Kräfte und Mittel zu sammeln“ und die Ausgangsposition „um Terrain“ zu verbessern.

Auch die Ministerin weiß: Nur durch die in Etappen verschärften Schutzmaßnahmen und die damit erhoffte geringere Verbreitung des Coronavirus kann Luxemburg den drohenden Kollaps des Gesundheitssystems noch vermeiden. „Es geht jetzt darum, auf Zeit zu spielen“, sagt Paulette Lenert. Dabei weiß auch sie nicht genau, wie viel Zeit denn eigentlich noch bleibt.


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