In der Debatte um die Zukunft der EU kommt oft die Frage einer gemeinsamen Identität auf. Doch dieser klassische Diskurs unterliegt einem Denkfehler. Denn die Suche nach einem europäischen Wir-Gefühl fördert letztlich auch die Ausgrenzung. Ein Kommentar.

Gibt es so etwas wie eine europäische Identität? Im Vorfeld von Europawahlen rückt diese Frage immer wieder in den Mittelpunkt. Pro-europäische Parteien sprechen sich für eine stärkere Integration aus. Politiker setzen auf Bürgernähe. Die sonst als Inbegriff der Bürokratie verschriene Europäische Kommission versucht mit positiver politischer PR ihr Image aufzupolieren.

In diesem Jahr wirbt die EU-Kommission mit dem Slogan „The EU and Me“. Beim Spitzenkandidat der EVP und möglichen nächsten Kommissionspräsidenten, Manfred Weber, ist es gar: „The power of We“. Die Botschaft lautet: In Brüssel sitzen keine realitätsfernen Bürokraten, die den Blick für die Sorgen der Bürger verloren haben. Nein, in Brüssel trifft man Entscheidungen, die alle betreffen und die das europäische Projekt zum Wohle aller Europäer vorantreiben.

Doch wer oder was ist dieses „wir“? Kann es ein europäisches Gemeinwohl überhaupt geben? Was verbindet die Europäer zu dieser suggerierten homogenen Gruppe, in der sich jeder mit der Idee eines gemeinsamen Europas identifizieren kann?

„Nie wieder Krieg“ reicht nicht mehr aus

Die EU hat es jahrzehntelang versäumt, Antworten auf diese Frage zu liefern. Auch deswegen, weil es diese Antworten gar nicht gibt. Durch die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges legitimierte sich das Projekt eines vereinten Europas quasi von selbst. Das gemeinsame Wir-Gefühl entstand durch die geteilten Erfahrungen von Krieg und Zerstörung. „Nie wieder Krieg in Europa“: Das reichte lange aus, um die Menschen zu vereinen.

Doch das Problem ist tiefgründiger. Denn weder haben diese Erfahrungen heute noch bestand, noch reichen sie als Gründungsmythos aus.