„Die Tour seines Lebens“ erzählt das Leben und Wirken von Jean Asselborn. Die Biografie erfüllt zwar kaum den Anspruch einer politisch-kritischen Analyse. Doch das Buch hat eine andere Stärke. Denn selten kam man als Leser dem Menschen Jean Asselborn so nahe.

Jean Asselborn gehört sicher nicht zu den medial untererforschten politischen Wesen. Unzählige Interviews, Porträts und sogar ein Kinofilm behandelten bereits den Politiker, der vor bald zwei Jahren als gefühlt ewiger Luxemburger Außenminister in den politischen Ruhestand trat. Es war also zu erwarten, dass sich nun auch Biografien verstärkt dem Phänomen Asselborn widmen.

„Jean Asselborn. Die Tour seines Lebens“ ist erst das zweite Buch dieser Art. Sein Vorgänger zeigte bereits, worin die große Herausforderung dieser Gattung besteht – zumal wenn es um ebendiesen Politiker geht. Das 2020 veröffentlichte Werk „Merde alors! Jean Asselborn – eine politische Biografie“ verdient nämlich eher das Label einer vorzeitigen, fast schon fanatischen Heiligsprechung als das einer Biografie.

Vorab lässt sich feststellen: Die am 24. September erscheinende Biografie „Die Tour seines Lebens“ fällt nicht in die Kategorie der einseitigen Asselborn-Huldigung. Kenntnisreich, kurzweilig und eingebettet in eine originelle Erzählstruktur zeichnet der Journalist Michael Merten („Luxemburger Wort“) die Karriere von Jean Asselborn nach und spart auch kontroverse Themen seiner Amtszeit nicht aus. Und doch steht die kritische Auseinandersetzung mit der Politik des LSAP-Politikers nicht im Vordergrund.

In der Nähe liegt die Kraft

Wie der Titel erahnen lässt, folgt das Werk einem besonderen Skript, nämlich einer eigens für das Buchprojekt veranstalteten Radtour mit Jean Asselborn. Zudem enthält es einen wichtigen Disclaimer: „Um es offen zu sagen: Auch ich bezeichne ihn inzwischen als guten Freund“, schreibt Michael Merten im „Prolog“ des Buches über seinen Protagonisten. Dabei bezieht er sich auf die Anziehungskraft, die Jean Asselborn offenbar auch auf andere Journalisten im In- und Ausland ausübe.

Zwar fügt der Autor hinzu: „Welche Gefahr das aus journalistischer Sicht birgt, dessen bin ich mir seit Jahren bewusst.“ Dieses Bewusstsein kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Journalist notgedrungen seine Objektivität verliert, wenn er über einen „guten Freund“ schreibt. Man könnte das Geständnis zwar als transparenten Hinweis an die Leser verstehen. Dennoch dürfte es gleich zu Beginn all jene enttäuschen, die sich den Autor bis dahin als unvoreingenommenen Beobachter vorgestellt hatten.

Er ist ein richtig Getriebener. (…) Er braucht es auch. Die Aufmerksamkeit, das in der Öffentlichkeit stehen, es ist eine unglaublich harte Droge.“
Sylvie Asselborn über ihren Ehemann Jean

Michael Mertens Motto lautet: In der Nähe liegt die Kraft. Dass sich Nähe und Distanz rein logisch ausschließen, weiß auch der Autor. Zwar gehört das Balancieren zwischen Vertraulichkeit und kritischer Distanz gerade für politische Journalisten zum beruflichen Alltag. Doch das gewählte Setting einer gemeinsamen Radtour unter Freunden, hebt dieses Gleichgewicht schon zu Beginn des Buches auf.

Das zeigt nicht zuletzt die für eine Biografie doch sehr ungewöhnliche „Wir“-Perspektive, aus der manche Passagen geschrieben sind. Doch das Werk entstand eben, wie Merten schildert, aus der Idee einer geselligen Fahrradtour zweier Menschen, die eine „gemeinsame Leidenschaft“ teilen. Als Leser lässt sich erahnen, dass der Autor irgendwann wohl ganz bewusst die Entscheidung traf, die journalistisch eigentlich gebotene Distanz gegen den fast schon exklusiven Zugang zum Menschen Jean Asselborn einzutauschen.

Über die 320 Seiten des Buches wechseln sich die Szenen der gemeinsam absolvierten „Tour de France“ ständig mit biografischen Rückblicken und rekonstruierten Dialogen zwischen Autor, Politiker und anderen Gesprächspartnern ab. Diese Dramaturgie macht die Lektüre interessant und abwechslungsreich. Doch sie führt auch dazu, dass das Politische in der Biografie am Ende zur Nebensache wird.

Der Mensch hinter dem Politiker

Die Nähe zum „Objekt“ hat allerdings auch bedeutende Vorteile. Denn dadurch schafft Merten etwas, was die kritischeren Beobachter mit ziemlicher Sicherheit nicht erreichen würden: ein tieferes, persönliches und am Ende doch sehr nuanciertes Verständnis des Menschen hinter dem Politiker Jean Asselborn. Und das ist zumindest für die Gattung Biografie wohl nicht das schlechteste Resultat.

Behält man die Vorwarnung im Hinterkopf, wonach hier „gute Freunde“ miteinander in Richtung Mont Ventoux radeln, liest sich das Buch nicht nur viel entspannter. Es ergibt auch dann erst richtig Sinn. Denn nur so vermag es der Autor, neue Facetten seines Protagonisten offenzulegen, die selbst bei erfahrenen Beobachtern der Luxemburger Politik zum Erkenntnisgewinn beitragen können …