Die neue US-Sicherheitsstrategie sorgt für Unruhe in Europa: Das ideologisch aufgeladene Dokument bricht mit langjährigen transatlantischen Traditionen. Doch es könnte für die europäischen Staaten auch weiterer Ansporn sein, sich von den USA zu emanzipieren. Eine Analyse.

Wie sehen die USA ihre Rolle in der Welt? Diese Frage soll seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die „National Security Strategy“ beantworten. Traditionell veröffentlicht jeder US-Präsident diese Strategie zu Beginn seiner Amtszeit. Das Dokument definiert Freund, Feind und die allgemeine Sicherheitslage für die USA – und das oft mit betonter Nüchternheit und Pragmatismus. Für die europäischen Alliierten war die Sicherheitsstrategie dabei oft so etwas wie ein Kompass, an dem man sich unabhängig vom politischen Tagesgeschäft orientieren konnte.

Selbst in der ersten Präsidentschaft von Donald Trump von 2016 bis 2020 stand dabei nicht zur Debatte, auf welcher Seite Europa, also die EU und die NATO-Verbündeten der USA, stehen. Die nationale Sicherheitsstrategie von 2017 stand in der langen Tradition transatlantischer Zusammenarbeit und legte klar den Fokus auf die vermeintliche Gefahr, die von China, Russland und Nordkorea ausgeht.

Doch seit dem 5. Dezember 2025 scheint alles anders. Die neue nationale Sicherheitsstrategie der USA ist gelinde gesagt ungewöhnlich. Nicht nur ist das Dokument mit lediglich 33 Seiten deutlich kürzer als seine Vorgänger, sondern auch ideologisch aufgeladener. Es liest sich wie eine hemmungslose „America First“-Strategie, ja wie ein Manifest der Make-America-Great-Again-Bewegung von Donald Trump, das in provokativer Tonart die vitalen wirtschaftlichen, aber auch die politisch-kulturellen Interessen der USA formuliert.

Ein Epochenbruch mit Ankündigung

Die ideologische Prägung der neuen US-Sicherheitsstrategie spiegelt sich auch in den scharfen Reaktionen aus Europa. Von einem „Bruch mit der Nachkriegsordnung“, einem „Scheidungspapier“ oder einer „zweiten Zeitenwende“ ist etwa die Rede. Die neue US-Strategie stelle „einen grundlegenden Bruch mit der konsequenten Einschätzung früherer US-Regierungen in der Zeit nach 1945 dar, dass eine dauerhafte globale Vorherrschaft der USA im besten nationalen Interesse der USA liege“, formuliert es der wissenschaftliche Dienst des Europäischen Parlaments. Die Strategie versuche, „globale Belastungen zu beseitigen, die ihrer Meinung nach keinen Bezug zum nationalen Interesse der USA haben und die Ressourcen der USA belasten“.

Das neue Rollenverständnis der USA kann in der Tat als Epochenbruch verstanden werden. Die USA unter Präsident Donald Trump verfolgen dabei ausdrücklich eine Machtpolitik, die eher an das 19. als an das 21. Jahrhundert erinnert. Die Sicherheitsstrategie betont zwar die Größe und das Gewicht der USA als Supermacht, dies jedoch nicht mehr global, sondern regional begrenzt. Die Formel, auf die das Dokument die Strategie herunterbricht, ist dabei ebenfalls ein Griff in die historische Mottenkiste: der Verweis auf die „Monroe-Doctrine“.

Von der Welt- zur Hegemonialmacht

Diese Doktrin geht in der Tat auf das frühe 19. Jahrhundert zurück. Der damalige US-Präsident James Monroe forderte 1823 eine Abkehr vom europäischen Kolonialismus in Nord- und Südamerika und definierte den Kontinent als Einflussbereich der USA. Es ist ein Anspruch, den Donald Trump mehr als 200 Jahre später erneut geltend macht. Dabei verwahren sich die USA gegen jeglichen Einfluss anderer Mächte in Lateinamerika und beanspruchen gleichzeitig einen Hoheitsanspruch auf die Ressourcen auf dem Kontinent für sich, also zur Not auch über die nationalen Interessen der betroffenen Länder hinweg …