Über 260 Millionen Euro an Beute, raffinierte Maschen, ruchlose Hintermänner: Recherchen von Reporter.lu legen die Methoden der Betrugsnetzwerke offen. Die Justiz tut sich mit der Verfolgung schwer, die Dunkelziffer vergleichbarer Fälle ist hoch – auch in Luxemburg.
Es ist das Gesicht des französischen Fußballstars Kylian Mbappé, das Pierre Martin (Name von der Redaktion geändert) verleitet. Der Spediteur aus Lothringen, der auch in Luxemburg aktiv ist, klickt auf die Facebook-Anzeige. Er hinterlässt Anfang Januar 2023 seine E-Mail-Adresse und seine Telefonnummer bei einer Firma namens „RN Investing“, die erfolgreiche Investitionen verspricht. Was der Unternehmer nicht weiß: Die Werbung ist gefälscht und das Unternehmen ist nicht die seriöse Trading-Plattform, für die es sich ausgibt.
Kurz darauf bekommt Pierre Martin einen Anruf von einem Mann, der sich als Samuel Schneider vorstellt und ihn dazu bewegt, eine erste Überweisung in Höhe von 237 Euro zu tätigen. „Ich hatte keinen Grund, an ihm zu zweifeln. Er klang seriös und sein Französisch war perfekt“, sagt Pierre Martin heute, mehr als zwei Jahre später, im Gespräch mit Reporter.lu. Im Laufe der Zeit entsteht eine richtige Nähe zwischen Opfer und Betrüger. „Wir duzten uns am Telefon und redeten oft auch über private Dinge“, erinnert sich Pierre Martin.
Am Ende haben er und seine Familie über 400.000 Euro verloren. Sie waren in die Fänge eines internationalen Betrugsnetzwerks geraten. Und sie sind nicht die Einzigen: Zwischen 2021 und 2024 nahm das israelisch-europäische Netzwerk hinter der Masche mehr als 230 Millionen Euro von knapp 27.000 angeblichen Kunden ein. Hunderte Angestellte riefen aus Callcentern Menschen an und drängten sie zu vorgeblichen Investitionen in Kryptowährungen.
„Bedeutendste Form des Internetbetrugs“
Dabei handelt es sich nicht um einen Einzelfall: Im Schnitt verzeichnet die Abteilung „Cybercrime“ der Luxemburger Kriminalpolizei jährlich 15 Fälle von Krypto-Betrug. „Die Schadenssumme liegt pro Fall meist im fünf- bis sechsstelligen Bereich“, erklärt Pascal Enzinger, Leiter dieser Abteilung der „Police judiciaire“, im Gespräch mit Reporter.lu. Luxemburg sei vor allem im Visier von Callcentern, die in Osteuropa angesiedelt sind.
Ein Datenleak von knapp zwei Terabytes erlaubt es nun erstmals, im Detail zu verstehen, wie diese Callcenter und die Netzwerke dahinter operieren. „Scam Empire“ ist eine gemeinsame Recherche von 32 Medien weltweit, die auf Dateien fußt, die ein Whistleblower an den schwedischen Fernsehsender „SVT“ weitergab, und die von der internationalen investigativen Journalismus-Plattform „Organised Crime and Corruption Reporting Project“ (OCCRP) koordiniert wurde.
Das Personal der Callcenter ist gut geschult und betreibt eine regelrechte Kundengewinnung.“Pascal Enzinger, Kriminalpolizei
Das Leak umfasst vor allem Daten zu dem bereits erwähnten israelisch-europäischen Netzwerk, das Callcenter hauptsächlich in der bulgarischen Hauptstadt Sofia und kurzzeitig auch im spanischen Barcelona betrieb. 2023 zählte die Gruppe laut internen Unterlagen 480 Mitarbeiter, die ein Gehalt bezogen. Zudem enthält das Leak eine umfassende Datenmenge zu einem zweiten Netzwerk: der „AK Group“ aus Georgien. Diese Gruppe betreibt drei Callcenter in der Hauptstadt Tiflis, die allein zwischen Mai 2022 und Februar 2025 über 33 Millionen Euro erwirtschafteten.
Dabei sind beide Netzwerke nur die Spitze des Eisbergs. „Cybertrading, also der Betrug über vermeintlich seriöse Anlageplattformen im Netz, ist definitiv ein absolut boomender Markt“, sagte dazu der Bamberger Oberstaatsanwalt Nino Goldbeck im Interview mit dem „ZDF“. Allein in Bayern belaufe sich der Schaden durch derartigen Betrug auf rund 400 Millionen Euro, für den deutschsprachigen Raum geht der Chefermittler von einem Milliardenschaden aus. „Was sicherlich nach unserer Einschätzung auch die bedeutendste Form des Internetbetrugs der Gegenwart ist“, sagte er. Und das betrifft nur die Fälle, die die Betroffenen auch bei Polizei und Justiz anzeigen. „Wir gehen von einer sehr hohen Dunkelziffer aus“, so der Staatsanwalt der Zentralstelle Cybercrime Bayern.
Wenn der Betrug zur Industrie wird
„Diese Callcenter sind ausgesprochen professionell strukturiert und organisiert und werden auch entsprechend gemanagt“, erklärt Nino Goldbeck. „Das Personal der Callcenter ist gut geschult und betreibt eine regelrechte ‚Client acquisition‘, also eine Kundengewinnung“, sagt auch Pascal Enzinger von der Luxemburger Kriminalpolizei. Ermöglicht werde dies durch spezialisierte Software …
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