Ein anderer Wochenrückblick ist möglich: Pünktlich zum Wochenende blickt unsere Redaktion mit einem Augenzwinkern auf jene Themen zurück, die uns und die Medien insgesamt beschäftigt haben. Dieses Mal: Klima-Pragmatismus und andere glaubwürdige Prioritäten.

„Entspaant… Dat ass vläit e bessi ze relax“, sagte Luc Frieden im Mitte-Dezember-Aufgenommenen-Aber-Dann-An-Neujahr-Ausgestrahlten-Interview mit „RTL“. Entspannt und relax: Das sind in der Tat zwei Begriffe, die man spontan mit dem neuen Premier verbindet. Nur bezog sich #Luc damit nicht auf seine eigene Lässigkeit, sondern auf die Dringlichkeit des Klimaschutzes. Das sollte man in der Tat nicht so verkrampft sehen. Erst mal reinchillen, abwarten und die wirklich wichtigen Probleme lösen wie das aggressive Betteln in der Hauptstadt. #Priorities

Unverkrampft, relaxed und mit ordentlich „Pragmatismus in der DNS“ geht auch der neue Umwelt- und Klimaminister die Sache an. Seinen Kritikern, die behaupten, er habe Null Erfahrung in seinen Ressorts, entgegnet Serge Wilmes, das stimme so nicht, denn er habe auch in jeglichen anderen Politikbereichen keinerlei Spuren hinterlassen.

Ach nee, nur ein Scherz. #Serge ist in Wahrheit noch viel humorvoller. Im „Tageblatt“-Interview meinte der Neu-Minister nämlich: „Ich habe schon Erfahrung in der Umweltpolitik aus der Kommunalpolitik mitgebracht. In den vier Monaten, bevor ich Minister wurde, war ich als Schöffe in der Gemeinde für Umwelt und Klima zuständig. Und in den Jahren zuvor habe ich mich intensiv mit Urbanismus beschäftigt und war unter anderem für die Grünflächen verantwortlich.“

„Schwarz ist das neue Grün“

In der Tat: Auch wir hätten nach dieser Logik das Zeug zum Klimaminister. Hat doch so manches Mitglied der Retrospect-Redaktion schon einmal im Garten gearbeitet und im Park auf einer Bank gesessen. Wo wir allerdings nicht mithalten können: „Ich habe übrigens mein grünes Notizbuch (er hält es hoch; Anm. d. Red.) aus der Gemeindepolitik mitgebracht, nur um zu zeigen, dass grün nicht das Monopol der grünen Partei ist. Schwarz ist das neue Grün.“

„Herr Lehrer, ich weiß was Klimaschutz bedeutet…“ (Foto: Mike Zenari)

Dass #Serge voll grün, also schwarz, ist und schon mal vom Klimaschutz gehört hat, wäre also geklärt. Nun muss ihm nur noch jemand verklickern, dass sein neuer Chef so viel von progressiver Klimapolitik hält wie seine alte Chefin Iron Lydie von Fahrradwegen und sozialer Empathie. Aber auch da wird #Serge sicher irgendeine nette Antwort in sein grünes Notizbuch kritzeln und im nächsten Interview unters Volk bringen. Schließlich hat er auch die Fähigkeit zu geräuschlosem Gehorsam und Selbstaufopferung „aus der Kommunalpolitik mitgebracht“.

Nur irgendwie verwechselt Serge noch einiges: Er will alles anders machen als die nervigen Grünen. Als Beispiel nannte er dem „Tageblatt“ das soziale Leasing von Elektroautos. Doch woher hatte er diese geniale Idee? Von Paul Galles? Aus seinem grünen Notizbuch? Nein, die Besserwisser vom „Lëtzebuerger Land“ meinen, er habe das aus dem grünen Wahlprogramm abgekupfert. Das wär ja noch halbwegs originell. Denn er hat das natürlich im nationalen Klimaplan gelesen (Seite 190, bitte Serge). Wenn unsere Berechnungen stimmen, dann hat Serge nach 100 Amtstagen wohl die ganzen 435 Seiten des von Blau-Rot-Grün geschriebenen Plans durchgelesen. Wir können uns also noch auf so manch andere geniale Idee einstellen. #StableGenius

Mit dem neuen Tesla nach Verdun

Aber zurück zu den „Chefs“: Wer denn jetzt die Stimme Luxemburgs im Ausland vertreten werde, er oder Außenminister Xavier Bettel, wurde Luc Frieden noch bei „RTL“ gefragt. Auch das sieht der neue Premier ganz gelassen. Er sei nicht in einer Lebensphase, in der es ihm darum gehe, möglichst viele Interviews zu geben. Das Risiko, dass #Luc mit #Xav im deutschen Fernsehen in einen Schönheitswettbewerb treten, gebe es da nicht.

Apropos deutsches Fernsehen: Was macht eigentlich Jean Asselborn? Der ehemals dienstälteste und meistzitierte Außenminister des Universums bleibt sich treu und macht das Großherzogtum auf seinem Fahrrad unsicher. Er postet seine Erlebnisse natürlich samt Selfies in den sozialen Medien und macht sich dabei selbst Mut: „Mä net idealt Vëloswieder eleng darf keng Ursaach sinn fir ze lappen.“

Vom Brückenbauer zum Brückenfotograf. (Foto: Jean Asselborn/Facebook)

Recht hat der Jang: Lappen ist auch keine Lösung. Wer jetzt aber dachte, der abgetretene Außenminister und seine Sicht auf die internationale Politik seien nicht mehr gefragt, der unterschätzt die Verzweiflung deutscher Qualitätsmedien. Denn ob der Jang jetzt ein Amt hat oder nicht: Die „Süddeutsche Zeitung“ traf ihn trotzdem, und zwar in Verdun, und schilderte die Ankunft des Has-Been folgendermaßen: „Jetzt ist er nicht mehr im Amt, sodass er in seinem Privatauto zu dem Treffen kommt: einem neuen, elfenbeinweißen Tesla.“

Dabei entlockten die Journalisten dem interessierten Beobachter der Weltpolitik doch einige bahnbrechende Zitate. So etwa, warum man einem lupenreinen Demokraten wie Wladimir Putin lange Vertrauen schenken konnte, bis dieser irgendwann aus absolut unerklärlichen Gründen durchdrehte, so die Märchenstunde des Steinforter Politik-Analysten. „Bei anderen hätte ich gesagt: Dem traue ich keinen Millimeter. Das war bei Putin anders.“ #FrüherWarAllesBesser

Der Polizeiminister hat einen Verdacht

Léon Gloden, Minister für innere Angelegenheiten, bettlerfreie Geschäftsstraßen und christliche Nächstenliebe, musste sich derweil mit Schmierereien an seinem Privatanwesen herumschlagen. „Nee zum Heeschverbued“ war dort an einer Mauer zu lesen. Die Retrospect-Redaktion kann solche Aktionen nur aufs Schärfste verurteilen – also das Bettelverbot und auch den Vandalismus – und vertraut darauf, dass die unabhängige Justiz die Schuldigen ermitteln wird.

Léon Gloden ermittelt zur Sicherheit schon mal selbst und hat einen ersten Schuldigen ausgemacht: die Linke. Also, nicht die ganze Linke, sondern nur einen. Und auch keinen wirklichen Linken, sondern Serge Tonnar. Der Volksmusiker der Nation müsse sich nämlich fragen, inwieweit er mit seiner „Fotomontage“ und seinem „Gedicht“ über das Bettelverbot Verantwortung an der Aktion gegen seine Familie trage, so Léon Gloden bei „L’Essentiel“.

Da bleibt nur zu hoffen, dass Serge Tonnar sich nicht einmal als Straßenmusiker in die Rue Beaumont verirrt. Sonst Gnade ihm Léon. Und was schert einen Polizeiminister schon die Unschuldsvermutung.

Firlefranz im Wolkenkuckucksheim

Unsere Politiker ließen es sich aber natürlich auch diesmal nicht nehmen, uns ungefragt frohe Feiertage zu wünschen. Die einen vor dem heimischen Kamin, Finanzminister Gilles Roth braungebrannt aus dem Skiurlaub (what else?). Aber das ist alles ein bisschen ordinär, um nicht zu sagen „e bëssi penibel“, wie Franz Fayot es ausdrücken würde.

Eine solche Stillosigkeit passiert dem Firlefranz der Luxemburger Politik natürlich nicht. Lässig stehend in einem Meer aus weißen Federn, wünscht er uns allen mehr „Menschlichkeit, Solidarität und Frieden“. So schön. Aber den Spagat zwischen Wunsch und Wirklichkeit schafften die Sozialisten immer schon besonders gut. Darauf einen letzten Glüh-Brunello.

In diesem Sinne wünschen wir uns und Ihnen einen entspannten und unverkrampften Start in das neue Jahr! Wenn man sich die ersten Schritte der neuen Regierenden so anschaut, dann kann 2024 – zumindest aus der Sicht der Retrospect-Redaktion – nur eine phänomenale Zeit werden.


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