Die Macher der „Intercontinental Railway Company“ haben einen Traum. Russland und die USA sollen sich einen Schritt näher kommen. Und das bitte schön in der Arktis, per Tunnel in der Beringstraße. Eine Reportage über ein ambitioniertes Langzeitprojekt.

Oft sind es die scheinbar bedeutungslosen Momente im Leben, die große Ideen anstoßen. Genauso war es im Frühjahr des Jahres 1986. George Koumal, Bergbauingenieur, saß in seinem Haus in Tucson, Arizona, und las zufällig einen Artikel über Alaska, in dem es hieß, die  Wirtschaft dort sei in der Krise. Grund sei der plötzliche Fall der Öl- und Gaspreise, dem wichtigsten Exportgut des Bundesstaates im äußersten Nordwesten der USA. Na klar, dachte Koumal, die sind ja auch ganz schön isoliert da drüben.

Aber als er sich dann die Weltkarte genauer anschaute, stellte er fest, dass Alaska von seiner Lage her eigentlich ein Tor zum Rest der Welt sein könnte: An der engsten Stelle des Beringmeeres trennen nur achtzig Kilometer die Westküste Alaskas von der Ostküste Russlands, die Beringstraße.  Würde es dort eine Verbindung zwischen den USA und Russland geben, würde sie Europa, Asien und die USA aneinanderkoppeln.

Das war der Moment, in dem die Idee für den „Intercontinental Railway“  geboren wurde, so erzählt es George Koumal heute, über dreißig Jahre später: eine Tunnelverbindung unter der Beringstraße mit einem dazugehörigen Eisenbahnnetz.

Lobbyarbeit für einen Lebenstraum

Es ist ein sonniger Herbstmorgen, George Koumal trägt eine quietschorangefarbene Weste und einen weißen Schutzhelm, er steht auf der Baustelle des Mauerparktunnels in Prenzlauer Berg. Koumal blinzelt  und schaut auf die riesige Bohrmaschine, in die ein Kran gerade einen Zylinder einsetzt, der Stauraumwasserkanal soll erweitert werden. Es ist ein natürliches Umfeld für jemanden, der sein ganzes Leben damit verbracht hat, Tunnel für Minen zu bauen.

Koumal und seine Kollegen von der „Intercontinental Railway Company“ (IRC) sind für die Inno Trans, eine Messe für Verkehrstechnik, nach Berlin gereist. Koumal ist sehr beschäftigt in diesen Tagen, aber für den Besuch einer Tunnelbaustelle hat er immer Zeit.

Die Verbindung ist der Panamakanal des 21. Jahrhunderts.“George Koumal

„Werden Sie bloß nicht alt“, raunt er mir zu, als er sich in den Schatten setzt. Er ist als einziger oben geblieben; mit seinen 76 Jahren, sagt er, sei das Herumturnen in matschiger Dunkelheit nichts mehr für ihn. Unten im Tunnel zeigt der Berliner Bauleiter Koumals russischem Kollegen und Mitbegründer der IRC, Victor Razbegin, die Baustelle. Ebenfalls dabei ist der Filmemacher Rick Minnich, er dreht  einen Dokumentarfilm über das Vorhaben der IRC, er trägt den  Titel „The Strait Guys“. „Strait“ ist das englische Wort für Meerenge: Bering Strait.

Wenn Koumal mit seiner Idee um die halbe Welt fliegt, dann ist das immer auch Lobbyarbeit. Der Tunnel unter der Beringstraße ist zu einem Lebenstraum geworden, den er mit einer Entschlossenheit verfolgt, die über die Jahre nicht weniger, sondern, im Gegenteil, immer größer geworden ist.

Eine bahnbrechende, nicht ganz neue Idee

Einer der ersten Schritte, die Koumal unternahm, um seine Idee Wirklichkeit werden zu lassen, war zu der Zeit einen Brief zu schicken, an den damaligen Gouverneur von Alaska, Wally Hickel. Er schrieb einen Zeitungsartikel, den Joe Henri, ein Anwalt aus Anchorage, las. Er nahm mit Koumal Kontakt auf, die beiden freundeten sich an und begannen, zusammenzuarbeiten. Es einte sie die gemeinsame Vision.

Eine Tunnelverbindung unter der Beringstraße ist das Projekt der „Intercontinental Railway Company“.

Ganz neu war die Idee schon damals nicht: Um 1860, zu Abraham Lincolns Zeiten, wurde bereits davon gesprochen, Lenin und Zar Nikolaus der Zweite sollen ihr Interesse ebenfalls bekundet haben. Aber der Tunnel wurde nie gebaut.

1992 organisierten George Koumal und Joe Henri eine Konferenz. Victor Razbegin, ein Berater für Tunnelbau, der viele russische  und internationale Eisenbahnprojekte betreut hatte, erfuhr über die Russische Akademie der Wissenschaften davon und flog nach Washington. Auch er war derart begeistert, dass er seither Teil der IRC ist.

Politische Trägheit ist in etwa so undurchdringlich wie die Erde, durch die man Tunnel bohrt.“Scott Spencer, Projektberater