Sechs Jahre nach dem Tod des zweijährigen Emran auf einem Weihnachtsmarkt steht der Prozess bevor. Recherchen von Reporter.lu zeigen: Zur Katastrophe führte eine Kette aus unklaren Kompetenzen, technischen Mängeln und ignorierten Warnungen.

Es war ein Sonntagabend, an dem die festliche Stimmung des Weihnachtsmarktes auf der Place Guillaume II in der Hauptstadt jäh endete. Gegen 20 Uhr geschah am 24. November 2019 das Unfassbare: Ein Teil einer mehr als zwei Tonnen schweren Eisskulptur geriet ins Wanken, stürzte um und begrub einen kleinen Jungen unter sich.

Die Bilder vom abgesperrten Weihnachtsmarkt und die Trauer um den zwei Jahre alten Emran sind seither im kollektiven Gedächtnis des Landes verankert. Die Familie des Opfers musste allerdings mehr als sechs lange Jahre warten und gegen juristische Hürden ankämpfen, bis die Frage der Schuld für das tragische Unglück endlich vor Gericht geklärt werden soll. Insgesamt sind zehn Personen wegen fahrlässiger Tötung angeklagt, wie die Staatsanwaltschaft Anfang Dezember mitteilte. Bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt für alle die Unschuldsvermutung.

Bei der Aufarbeitung des bis heute unbegreiflichen Geschehens geht es jedoch nicht nur um die strafrechtliche Schuld, sondern auch um die politische Verantwortung der Stadt Luxemburg. Die Ermittlungsakten und andere neue Dokumente, die Reporter.lu einsehen konnte, werfen jedenfalls erstmals ein Licht auf die fatalen Entscheidungen, die in den Wochen zuvor sowie am Tag des Unglücks getroffen wurden.

Wie das Unglück seinen Lauf nahm

Bereits am 24. September 2019 nimmt das Unglück seinen Lauf. Bei einem Mitarbeiter des „Luxembourg City Tourist Office“ (LCTO) geht an jenem Tag eine E-Mail des Künstlers Samuel Girault ein. Dieser fragt einen für „Events & Culture“ zuständigen Mitarbeiter, ob das LCTO erneut an einer Eisskulptur-Performance für den anstehenden Weihnachtsmarkt interessiert sei. Samuel Girault, der sich unter der Bezeichnung „Ice and Art“ als Eisbildhauer einen Namen gemacht hat, hatte bereits für die „Winterlights“ 2018 zwei Live-Shows dargeboten – mit großem Publikumsinteresse und zur Zufriedenheit des LCTO.

Der Mitarbeiter sieht also keinen Grund, nicht noch einmal eine solche Performance zu bestellen, zumal er zu diesem Zeitpunkt noch Mittel aus dem Budget dafür übrig hat. Nach einigen Vorschlägen des Künstlers entscheidet sich der Mitarbeiter für die Option eines stehenden Weihnachtsmannes, mit Stühlen, Schlitten und einer überdachten Holzchalet-Fassade. Es ist eben jene 2,5 Meter hohe Fassade aus Eis, die zwei Monate später zum tödlichen Unglück führen wird.

Die Staatsanwaltschaft ist der Ansicht, dass die genannten Verfehlungen in einem ursächlichen Zusammenhang mit dem Tod des Kindes (…) stehen, da das Kind ohne diese Verfehlungen nicht ums Leben gekommen wäre.“Anklageschrift der Staatsanwaltschaft

Ein Kaufangebot für die Skulptur in Höhe von 5.500 Euro wird am 4. Oktober 2019 unterschrieben. Neben dem Mitarbeiter unterzeichneten auch der damalige LCTO-Direktor Tom Bellion und LCTO-Präsident Marc Angel (LSAP) das Dokument. Die Performance mit dem massiven Eisblock soll laut Bestellung zwei bis drei Stunden dauern.

Am 11. November 2019 findet im Rathaus der Hauptstadt eine Pressekonferenz statt. Dort wird das Programm der „Winterlights“ 2019 vorgestellt. Auch die Eisskulptur von Samuel Girault wird erwähnt: „Am Sonntag, dem 24. November, ab 15.30 Uhr werden die Eisbildhauer von ‚Ice and Art‘ einen Eisblock von mehr als zwei Tonnen in ein Kunstwerk verwandeln: Die Besucher sind auf der Place Guillaume II willkommen, um dieses vom LCTO angebotene einzigartige Spektakel zu entdecken …