Die Regierung hat ihre Pläne für eine Pensionsreform vorgelegt. Die Vorschläge stoßen auf Kritik – auch, weil sie so von niemandem angefordert wurden. Dabei lagen Alternativen auf dem Tisch, mit denen eine gerechtere Reform hätte umgesetzt werden können.
„Zahlen lügen nicht, man kann sie schönreden, aber das macht sie nicht richtiger.“ Das sagte Martine Deprez (CSV) rezent während ihrer Pressekonferenz zu den Grundlinien einer Pensionsreform. Und zu diesen Zahlen gehört eben das reale Renteneintrittsalter, das im Fokus der Reformpläne der Regierung steht.
In den letzten zehn Jahren ist das durchschnittliche Alter von Frührentnern von 59,5 auf 60,1 Jahre gestiegen. In derselben Zeit habe die Lebenserwartung ebenfalls um vier Jahre zugenommen, so die Ministerin für Gesundheit und soziale Sicherheit. Langfristig könne das nicht aufgehen. Der logische Schluss der Regierung lautet deshalb, das reale Renteneintrittsalter über eine Erhöhung der Beitragsjahre näher an das legale Rentenalter heranzuführen.
Die Debatte zur Rentenreform verkommt somit zu einem rein mathematischen Problem. Denn die Variable Gerechtigkeit war offensichtlich nicht Teil der Gleichung der ehemaligen Mathematiklehrerin. Seit der Ankündigung der Regierung, eine Pensionsreform anzustreben, haben Akteure aus der Zivilgesellschaft, Parteien, Arbeitgeber und Arbeitnehmer eigene Vorschläge für eine Reform vorgelegt. Und aus diesen lässt sich ein Bild einer gerechteren Reform zeichnen, als jene, die die CSV-DP-Regierung nun als „Stoßrichtung“ beschlossen hat.
Lebenserwartung ist nicht gleich Lebensqualität
Zahlen aus Frankreich zeigen, dass die Lebenserwartung eines 35-jährigen Arbeiters etwa fünf Jahre geringer ist als die einer gleichaltrigen Führungskraft. Das führt dazu, dass Arbeiter und Arbeiterinnen im Schnitt zwei Jahre weniger eine Rente erhalten, weil sie zwar früher in den Ruhestand gehen, aber dafür auch deutlich früher sterben. Und auch wenn Romain Schmit anderer Meinung ist, stellt sich die Lage in Luxemburg wohl kaum anders dar. Der Generalsekretär der „Fédération des Artisans“ glaubt, dass die Robotisierung, Maschinen und bessere Sicherheitsstandards es auch Handwerkern erlaubten, 45 Jahre lang zu arbeiten. Darüber hinaus gebe es ja auch immer noch die Invalidenrente, so Romain Schmit. Dabei ist klar und mehrmals bewiesen worden, dass Arbeiter und Arbeiterinnen ein weitaus größeres Risiko haben, nicht mehr bei voller Gesundheit zu sein, wenn sie in Pension gehen.
Allgemein gilt ohnehin, dass die Lebenserwartung zwar gestiegen ist, dafür aber die Jahre bei guter Gesundheit kaum zugenommen haben. Laut der Weltgesundheitsorganisation sind diese für Luxemburg in den vergangenen zehn Jahren bei 60-Jährigen nur um 0,6 Jahre gestiegen. Das entspricht also genau der Zunahme des realen Eintrittsalters von Frührentnern. Die Zahl der Jahre bei guter Gesundheit hat sich bei Frührentnern in zehn Jahren also nicht verändert – auch wenn die Lebenserwartung stärker gestiegen ist. Weitere Zahlen der europäischen Statistikbehörde „Eurostat“ gehen sogar von einem Rückgang der Lebenserwartung bei guter Gesundheit aus.
Natürlich ist die Qualität der zusätzlichen Lebensjahre für die Nachhaltigkeit der Pensionskasse zweitrangig. Für sie gilt nur, dass dadurch eine Rente länger ausgezahlt werden muss als zuvor. Eine einfache Erhöhung der Beitragsjahre würde allerdings Menschen, die bereits in jungem Alter begonnen haben zu arbeiten, besonders hart treffen. Dazu zählen vor allem handwerkliche Berufe. Sie würden demnach bei einer solchen Reform doppelt bestraft: Ihre Lebenserwartung und -qualität ist ohnehin geringer als für Büroarbeiter, zudem müssten sie vergleichsweise länger arbeiten, weil bei Akademikern zusätzlich die Studienjahre angerechnet werden.
Die Sozialministerin will sogar noch weiter gehen und die Berücksichtigung der Studienjahre flexibilisieren …
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