Lange nach ihrem Aufbruch in den Dschihad wird vier Islamisten in Abwesenheit der Prozess gemacht. Vor Gericht zeigt sich, wie eng vernetzt die Luxemburger Szene um den IS-Terroristen Steve Duarte war. Ob die Urteile je vollstreckt werden können, bleibt fraglich.
Ein Jahrzehnt nachdem sein Terror Städte wie Paris oder Brüssel in ihren Herzen traf, scheinen der „Islamische Staat“ (IS) und seine Gräueltaten in weiter Ferne zu liegen. Doch dieser Eindruck täuscht: In Syrien, in Libyen und im Irak gilt die Terrororganisation zwar als militärisch besiegt. Im Nahen Osten und in manchen afrikanischen Staaten tritt sie aber weiter als Guerillatruppe in Erscheinung. Zudem gibt es immer noch vereinzelte Taten von IS-Anhängern in Europa.
Parallel dauert im Westen die juristische Aufarbeitung des IS-Terrors an. So auch vergangene Woche vor der Kriminalkammer des Bezirksgerichts Luxemburg. Verhandelt wurden dort am Donnerstag und Freitag die Fälle von vier jungen Männern die, teils mit ihrer Familie, einst das Großherzogtum verließen, um sich im „Kalifat“ der Extremisten niederzulassen. Während Benisen R. sowie die Brüder Anes und Denis O. der Öffentlichkeit bisher unbekannt sein dürften, ist der vierte Angeklagte der wohl bekannteste „Foreign Terrorist Fighter“ (FTF) aus Luxemburg: Steve Duarte*.
Von Esch aus in den „heiligen Krieg“
Die vier Beschuldigten, die selbst nicht vor Gericht zugegen waren, weil sie mutmaßlich tot oder in ausländischer Gefangenschaft sind, eint aber mehr als der Schritt, dem IS beigetreten zu sein. Sie alle radikalisierten sich in den frühen 2010er Jahren im Umfeld einer Moschee in der Rue du Brill in Esch/Alzette, die von der „Association Multiculturelle de l’Ouest“ (AMCO) unterhalten wird. Die Institution erregte bereits vor einem Jahrzehnt mediale Aufmerksamkeit.
Auch heute noch ist die Escher Moschee die einzige, die nicht im islamischen Dachverband in Luxemburg, der „Shoura“, vertreten ist. Das liegt vor allem an ihrer radikaleren Auslegung des Islam, wie es auch aktuellen online verfügbaren Freitagsgebeten ihres „Sheikhs“ zu entnehmen ist. Wie aus Aussagen der Luxemburger Ermittler vor Gericht hervorgeht, war den Behörden bekannt, dass in der AMCO Material von fundamentalistischen Predigern im Umlauf war. Etwa von den deutschen Salafisten Pierre Vogel und Ibrahim Abou-Nagie.
Von Reporter.lu auf die aktuellen Beziehungen zwischen dem Dachverband und der AMCO angesprochen, antwortet ein Vertreter der Shoura: „Wir verfolgen die aktuellen Entwicklungen, sehen aber keine spezifischen Interventionen in diesem Fall vor.“
Die Personen, die wir befragt haben, erklärten, sicher zu sein, dass Steve Duarte irgendwann zum Attentäter werden würde.“Ein Ermittler vor Gericht
Die Verbindungen der vier Dschihadisten zur AMCO sind eng. Im Juli 2013 war Benisin R. sogar kurzzeitig Sekretär der Vereinigung. Offiziell verließ er den Posten aber wieder Anfang des darauffolgenden Jahres. Der Grund: Seine bevorstehende Reise nach Syrien. Auch Steve Duarte wendete sich kurz vor seiner Abreise von der Moschee ab, aus taktischen Gründen, wie die Polizeiermittler vermuten. Dieses Muster ist auch im Ausland bekannt: Vor ihrer Ausreise nehmen angehende Dschihadisten kurzzeitig den westlichen Lebensstil an, damit ihr Umfeld keinen Verdacht schöpft und glaubt, sie hätten ihre radikale Auslegung des Islam hinter sich gelassen.
Radikalisiert hatte sich Benisen R. durch seine Frau. Die Luxemburgerin war zum Islam konvertiert und trug freiwillig eine Vollverschleierung. Durch die Escher Moschee kam Benisen R. dann auch mit den anderen zukünftigen IS-Anhängern in Kontakt. Zusammen mit Steve Duarte und Anes O. verteilte er im November 2013 Korane in der Grand-Rue in Luxemburg-Stadt – wo sie etwa auf den damaligen Bürgermeister Xavier Bettel trafen. Dem DP-Politiker gefiel die Missionierung der jungen Männer nicht und so ließ er solche Aktionen auf dem Stadtgebiet verbieten. Auch in der Escher Innenstadt verteilten die Konvertiten das Wort Allahs.
Schrittweise Radikalisierung
Der Weg von einem streng konservativ gelebten Islam bis zum gewaltbereiten Fanatismus war bei den vier Angeklagten offenbar nicht sehr lang. Daran hatte sicher auch die damals sehr präsente Internet-Propaganda des IS und anderer Organisationen ihren Anteil. So reiste Steve Duarte den Ermittlern zufolge mehrmals mit seinen Kameraden zu Kongressen nach Deutschland, wo sie mit Gleichgesinnten Hasspredigern zuhörten, die ihren Extremismus noch steigerten.
Benisen R. war es dann, der zusammen mit seiner Frau und ihrem sechs Monate alten Kind als Erster den Weg nach Syrien einschlug. Für ihre „Hijra“, was so viel heißt, wie der Umzug in ein Land, in dem der pure Islam gelebt wird, nahmen sie Ende Dezember 2013 den gleichen Weg wie Tausende anderer junger Dschihadisten aus dem Westen: Mit dem Flugzeug nach Istanbul, dann ins südostanatolische Gaziantep und von da aus mit einem Schleuser über die Grenze nach Syrien …
Bereits Mitglied? Jetzt einloggen!

