Die Herausforderungen für die Luxemburger Armee sind angesichts der Zeitenwende in der NATO groß. Im Interview mit Reporter.lu spricht General Steve Thull über die Lage in der Ukraine, neue Bündnisziele für Luxemburg und was es bedeutet, Soldat zu sein.

Interview: Pit Scholtes

General Thull, wenn Sie heute mit Ihren Soldaten sprechen, worauf stellen Sie sie in den kommenden Jahren ein?

Soldat sein heißt, bereit zu sein, sein Leben einzusetzen, um unsere Demokratie zu schützen und den Frieden bei uns zu erhalten. Konkret bedeutet das für unsere Soldaten, dass sie bereit sein müssen, zu kämpfen, sollte jemand sich trauen, uns anzugreifen. Das Allerwichtigste dabei ist, im Zusammenspiel mit unseren NATO-Partnern, so abschreckend wie möglich zu sein.

Wie kommunizieren Sie das denn in der Praxis?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Vergangene Woche habe ich in einem Lyzeum eine Vorbereitungsklasse für die Armee besucht. Dabei habe ich den Schülern genau diese Botschaft vermittelt. Wer in die Armee geht, muss sich bewusst sein, dass man einem übergeordneten Ziel dient. Und dass das damit einhergehen kann, dass man sein Leben geben muss, um Frieden und Demokratie zu verteidigen. Darum geht es. Das ist absolut nobel und das verlangt einem alles ab.

Und es ist auch eine Frage der Solidarität. Man könnte ja sagen: Ihr Luxemburger seid so klein, ihr werdet sowieso nichts ändern. Ob ihr alle Superhelden seid oder nicht, ändert hinter dem Komma überhaupt nichts. Das ist wahr. Aber dann darf man nie wieder von Solidarität reden. Wir sind als Land Teil einer Solidargemeinschaft und haben die letzten Jahrzehnte sehr vom Frieden profitiert.

In Luxemburg finde ich, dass das ‚Warum‘ nicht breit genug diskutiert wird.“

Vor einem Jahr habe Sie in einem Podcast-Gespräch betont, die Aufgabe der Armee sei es, sich auf den Worst Case vorzubereiten. Was ist für Sie heute der Worst Case?

Das Worst-Case-Szenario ist ein Szenario, bei dem wir nicht mehr an bloßen Wehrübungen teilnehmen, sondern wo wir das, was wir üben, in die Realität umsetzen müssen. Ich persönlich glaube nicht, dass das hier im Land passieren muss. Aber das kann an einem anderen Ort passieren. Und wenn es einmal dazu kommen sollte, darf der Schrecken nicht so groß sein, dass wir alle wie versteinert da stehen und umfallen, sonst sind wir nicht mehr fähig, das zu tun, wofür wir ausgebildet sind. Also muss man ein solches Szenario immer im Hinterkopf behalten. Wer hierhin kommt, muss sich dessen immer bewusst sein. Oberstes Ziel muss sein, dass wir „Fit for Purpose“ sind. Und das heißt: Durch Abschreckung den Frieden zu sichern.

Anfang Mai haben Sie gemeinsam mit Verteidigungsministerin Yuriko Backes die Ukraine besucht. Was haben Sie von diesem Besuch mitgenommen?

Die Ukrainer haben verstanden, dass sie für sich selbst einstehen müssen, wenn sie weiter in Freiheit leben wollen. Sie sind sich zutiefst bewusst, dass, wenn sie diesen Kampf verlieren, dann ihre Art zu leben, in Zukunft nicht mehr möglich ist. Wir haben mit der Ministerin eine Drohnenfabrik besucht, in der Tag und Nacht produziert wird. Und wissen Sie, welchen Satz die Mitarbeiter auf ihrem Oberarm aufgedruckt hatten? „Wenn nicht wir, wer sonst.“ Das sagt doch alles.

Wie haben Ihre ukrainischen Gesprächspartner Ihnen die derzeitige militärische Lage geschildert?

Sehr sachlich. Und immer mit der strikten Überzeugung, sich bis zum Schluss zu wehren. Die Ukrainer sind davon überzeugt, dass sie die Mittel und Kapazitäten haben, sich weiterhin zu verteidigen. Sie haben verstanden, dass die Unterstützung vielleicht abnehmen könnte und deshalb haben sie ihre eigene Waffenproduktion so gesteigert, dass sie unter allen Begebenheiten in den Spiegel schauen und sagen können, wir haben wirklich alles gemacht. Allein die Tatsache, dass sich das Land mit knapp 40 Millionen Einwohnern nun bereits seit mehr als drei Jahren standhaft gegen die vermeintliche russische Übermacht zur Wehr setzt, zeigt doch, wie entschlossen die Ukraine ist.

General Steve Thull ist seit Herbst 2022 der ranghöchste Militär der Luxemburger Armee. Diese zählt aktuell etwas mehr als 1.200 Beschäftigte, darunter rund 900 aktive Soldaten. (Foto: Laurent Sturm)

Für wie realistisch halten Sie es, dass es in den kommenden Monaten zu einer Verhandlungslösung mit Russland kommt?

Ich sehe von russischer Seite null Bereitschaft, auf Verhandlungen einzugehen. Das darf aber niemanden überraschen. Der Krieg ist von Russland ausgegangen. Das Endziel, die Vasallisierung oder die totale Annektierung der Ukraine, wurde bisher nicht erreicht. Deshalb wird Russland weitermachen. Die Anzeichen der letzten Monate, dass die Ukraine-Hilfen teilweise wegfallen könnten, diente Russland dabei als zusätzliche Motivation. Ich sehe nicht, dass es demnächst zu einem Ende kommen könnte …