Der Tod von Mahsa Amini hat im Iran eine landesweite Protestwelle entfacht, die seit Wochen andauert. Das Regime schlägt gnadenlos zurück. Doch die vom Freiheitskampf der iranischen Frauen angetriebene Revolte trifft den autoritären Gottesstaat mitten ins Herz.

Ayatollah Ali Khamenei, einer der am längsten regierenden Führer der Welt, saß am 11. September auf einem Podium vor einer Versammlung von Sportlern und zeigte sich überraschend gut gelaunt. Trotz aller Gerüchte über seinen Tod feierte der 83-Jährige die frommen verschleierten Sportlerinnen, die im Ausland an Wettkämpfen teilgenommen hatten. Eine von ihnen, so schwärmte er, habe sich geweigert, „einem fremden Mann“ die Hand zu schütteln. Ein siegreicher Ringer hatte sich vor Gott niedergeworfen und die Namen der Imame rezitiert, die von schiitischen Muslimen als heilig verehrt werden. Die Athleten, sagte er, hätten einen „enormen Sieg“ gegen westliche Bemühungen errungen, „ihre Kultur zu exportieren und sie gegen die unsrige durchzusetzen“.

Der oberste Führer hatte noch andere Gründe, guter Dinge zu sein. Mit Blick auf seine Nachfolge hatte er sein Regime von den Reformern gesäubert, die drohten, die Islamische Republik infrage zu stellen. Ein Jahr zuvor hatte er den an einer schottischen Universität promovierten Präsidenten Hassan Rohani durch Ebrahim Raisi ersetzt, einen unerfahrenen, engstirnigen Jasager. Er hatte westliche Bemühungen durchkreuzt, die Atompläne des Iran zu blockieren. Trotz westlicher Wirtschaftssanktionen wurden die Staatskassen des Iran mit Petrodollars aufgefüllt. Und er hatte eine neue Keuschheitskampagne gestartet, die darauf abzielte, das moralische Leitmotiv der Islamischen Revolution wieder zu beleben.

Zwei Tage nach dem Sportereignis hielt Khameneis Sittenpolizei Mahsa Amini, eine 22-jährige Kurdin, auf einer Reise in die iranische Hauptstadt Teheran an, weil sie ihren Hidschab nicht „korrekt“ getragen haben soll. Sie packten sie in ihren Lieferwagen und brachten sie zu einer Umerziehung mit Prügeln. Ihr Tod in der Haft löste eine Frustration aus, die sich seit einem Jahrzehnt aufgestaut hatte. Bei der Beerdigung rissen Frauen ihre Kopftücher ab. Die Polizei antwortete mit Tränengas und verursachte dadurch Proteste, die sich schnell ausbreiteten. In Dutzenden von Städten in mehreren Provinzen skandierten die Demonstranten Aminis Namen und riefen: „Tod dem Diktator!“ – derselbe Slogan, der 1979 den Schah gestürzt hatte. Könnte das auch den Ayatollahs passieren?

„Wir sind eine Revolution“

Proteste gegen das Regime gab es schon früher. Große Protestbewegungen sind etwa alle zehn Jahre aufgetreten, aber in letzter Zeit sind sie spontaner und heftiger geworden. Der aktuelle Protest gehört allerdings zu einer ganz anderen Größenordnung. Die Demonstranten fordern nicht mehr größere materielle Unterstützung oder politische Reformen innerhalb des Systems, sondern den Sturz der Theokratie. Der Protest hält länger an als zuvor und hat sich über die Mittelschicht hinaus ausgebreitet …