Impfstoff wird gebunkert, Impfzentren sind im Leerlauf, die Pannen häufen sich: Die Regierung lässt im Kampf gegen die Pandemie wertvolle Zeit verstreichen. Das liegt nicht nur an den Lieferengpässen. Die Kommunikation ist unübersichtlich und die Umsetzung mitunter chaotisch. 

1.100 Menschen könnten in der Victor-Hugo-Halle bei voller Auslastung täglich geimpft werden. Am Dienstag waren es genau 374. Im Impfzentrum in Mondorf liegt die maximale Kapazität bei etwa 800. Am Dienstag wurde gerade einmal ein Fünftel davon erreicht. Die Regierung erklärt die schleppende Kampagne mit der Knappheit der Impfstoffe. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Eine Analyse der verfügbaren Daten zeigt: Luxemburg hortet einen wachsenden Anteil seines Impfstoffes. Die Impfungen hinken den Lieferungen hinterher. Zusätzlich werden die Probleme der Aufklärungskampagne immer offensichtlicher: Die Phase 2 läuft bereits, doch die Listen der zu Impfenden sind noch nicht fertiggestellt.

Sinnbildlich für die Strategie ist der Zickzackkurs rund um den AstraZeneca-Impfstoff. Am 1. März verschickte das Gesundheitsministerium eine Pressemitteilung. Darin hieß es: Die Phase 4 der Impfkampagne werde vorgezogen. Eine halbe Stunde später folgte eine Richtigstellung: Nicht die Phase 4, sondern die Phase 5 sei angelaufen. Der Grund: Der „Conseil Supérieur des Maladies Infectieuses“ hatte den Einsatz des AstraZeneca-Impfstoffes nur für Personen unter 65 Jahren empfohlen.

Nach fünf Tagen legte die Regierung die Phase 5 nun wieder auf Eis, sie soll zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgenommen werden. Der Grund war ein erneutes Gutachten des „Conseil Supérieur des Maladies Infectieuses“ mit der Empfehlung, dass AstraZeneca nun doch auch älteren Menschen verabreicht werden könne.

Übertriebene Vorsicht

„Wenn wir so arbeiten würden, würde man uns lynchen“, sagt Edmée Anen, Generalsekretärin der „Amicale des personnes retraitées, âgées et solitaires“ (Amiperas), im Gespräch mit Reporter.lu. Sie kritisiert den vorherrschenden Informationsmangel, man fühle sich von der Planung ausgeschlossen.

Premierminister Xavier Bettel (DP) und Gesundheitsministerin Paulette Lenert (LSAP) wehrten vergangen Freitag jede Kritik am langsamen Start der Kampagne ab. Alles laufe nach Plan. Die Verteidigungslinie der Regierung ist klar. Die zweite Dosis für jeden Geimpften soll gesichert sein. Demnach könne der nationale Vorrat stets nur zur Hälfte aufgebraucht werden.

Nur vom AstraZeneca-Impfstoff dürften bis zu Dreiviertel des Bestands verabreicht werden. Tatsächlich fiel die Lieferung von AstraZeneca kleiner aus als geplant. Eigentlich sollte der Pharmakonzern in der letzten Woche 9.600 Dosen liefern, angekommen sind allerdings nur 2.400. Das bestätigte eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums. Eine detaillierte Anfrage von Reporter.lu zu Daten der Impfkampagne ließ das Gesundheitsministerium unbeantwortet – trotz einer Woche Vorlauf.

Europäischer Extremfall

Durch diese Strategie des Hortens wolle die Regierung sicherstellen, dass sie auch bei Lieferengpässen den zweiten Impftermin garantieren könne, sagten Bettel und Lenert vergangene Woche. Allerdings ist Luxemburg mit diesem Vorgehen ein Extremfall. In der EU verabreicht kein anderes Land einen geringeren Anteil des gelieferten Impfstoffs als Luxemburg.

Laut dem Europäischen Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hat Luxemburg etwa 55 Prozent des vorhandenen Impfstoffs verabreicht. In Belgien liegt der Wert bei 66 Prozent. Im Gegensatz zu Luxemburg hat das Nachbarland bereits Anfang Februar beschlossen, den Vorrat von AstraZeneca vollständig auszuschöpfen. In Frankreich und Deutschland wurden währenddessen fast Dreiviertel des Vorrats aufgebraucht …