Der gesellschaftliche Druck auf Intersex-Menschen ist groß. Immer noch wird von ihnen verlangt, Frau oder Mann zu sein. Sie sind aber beides. Eine neue Beratungsstelle soll Betroffenen nun eine Stütze sein und dabei helfen das Thema Intersex zu enttabuisieren.

Wird es ein Junge oder ein Mädchen? Bei der Geburt eines Kindes ist die Geschlechterfrage meist geklärt. Ein Baby kann aber auch beides sein – oder weder noch. Dass ein Kind beide Geschlechtsmerkmale aufweisen kann, ist immer noch ein Tabuthema. Und weil in der Gesellschaft nicht über Intersex gesprochen wird, wissen Betroffene oft nicht, wie sie mit ihrem Schicksal umgehen sollen. In Luxemburg soll sich das aber ändern.

Das « Familljen-Center Luxemburg » ist nun offizielle Anlaufstelle für Intersex-Menschen und all jene, die Fragen zum Thema haben. „Das gesamte Team hat an spezifischen Weiterbildungen teilgenommen, damit die Menschen, die sich bei uns melden, richtig betreut werden und sich gut aufgehoben fühlen“, sagt Caroline Pull, Psychologin beim Familljen-Center. Neu ist die therapeutische Begleitung, die Intersex-Menschen dort zur Verfügung gestellt wird.

„Es kann sein, dass Eltern Schwierigkeiten haben, eine liebevolle Beziehung zu ihrem Intersex-Kind aufzubauen – in dem Fall arbeiten wir an der Bindung und versuchen den Eltern dabei zu helfen, zu erkennen, wie wundervoll ihr Baby ist“, so Pull weiter. Viele Intersex-Menschen würden in ihrem Leben aber auch Schreckliches erleben. „Ihnen können wir, wenn sie dies wünschen, eine Traumatherapie anbieten.“

Reden, um zu enttabuisieren

Wichtig ist für Pull vor allem, dass es für Betroffene einen Ort gibt, an dem sie über sich, ihre Sorgen, Ängste, Probleme oder Fragen reden, ohne sich „outen“ zu müssen. „Unsere Gesellschaft lebte lange mit dem binären Gedanken von weiblich und männlich. Wir waren uns nicht bewusst, dass es ganz unterschiedliche Geschlechtsformen gibt. Und dass diese alle ganz natürlich zum Menschsein dazugehören. Dieses binäre Denken gilt es aufzubrechen.“

„Wir sind für alle da, die Fragen haben. Sei es Eltern, Betroffene, Familien oder beispielsweise Schulpersonal“, sagt Caroline Pull. „Unsere Aufgabe besteht nicht darin, ihnen zu sagen, was zu tun haben. Sondern ihnen zuzuhören, ihnen beratend zur Seite zu stehen und ihnen zu helfen, neue Perspektiven und Möglichkeiten zu entwickeln.“ Wer sich dennoch scheut, im Familljen-Center anzurufen, kann sich auch via Email an die Therapeuten wenden.

Die Psychologin betont aber auch, dass das Familljen-Center nicht die einzige Beratungsstelle ist. Vereinigungen wie « Intersex & Transgender Luxembourg » oder « Cigale » würden Betroffenen schon länger zur Seite stehen. Beim Familljen-Center gebe es zusätzlich eine psychotherapeutische Betreuung.

Ein Hilfsnetzwerk aufbauen

Entstanden ist die Idee für einen neuen Anlaufpunkt im ersten nationalen Aktionsplan zur Förderung der Rechte von LGBTI-Menschen in Luxemburg, der im Juli dieses Jahres von der Regierung auf den Weg gebracht wurde. Im Oktober startete das Familienministerium die Kampagne „Weiblich? Männlich? Intergeschlechtlich? Seien wir aufgeschlossen“. Parallel zur Entwicklung der Kampagne ist die Beratungsstelle für Intersex-Menschen des Familljen-Center entstanden.

„In Luxemburg ist Intersex immer noch ein extremes Tabu“, sagt auch Romaine Boever vom Familienministerium. Sie ist Mitglied der interministeriellen Arbeitsgruppe zum Thema. „Uns geht es jetzt darum, dieses Tabu langsam, aber sicher aufzubrechen. Danach werden dann auch weitere Schritte folgen. Im nationalen LGBTI-Aktionsplan sind die Zielsetzungen und Aktionen festgelegt. » Welche Aktion als nächstes umgesetzt wird, kann sie zu diesem Zeitpunkt aber nicht präzisieren.

„Wichtig ist erst einmal, ein nationales Netzwerk aufzubauen, in dem jede Intersex-Person je nach Bedürfnis die richtige Anlaufstelle findet. Und die therapeutische Beratung des Familljen-Center ist eine gute Ergänzung zu den bereits bestehenden Beratungen.“ Das Familljen-Center wird zum größten Teil durch eine Konvention mit dem Familienministerium finanziert, ein kleinerer Teil wird durch Spenden gedeckt.