Brexit, Aufschwung populistischer Parteien, Migration und Euroskepsis – die EU steht vor einer Zerreißprobe. Glauben junge Menschen noch an das Konzept „Europa“? Und was würden sie verändern?  Ein Gespräch über Identität, Religion und darüber, was es bedeutet „Europäer“ zu sein.

Interview: Charlotte Wirth (Reporter.lu) und Marius Buhl (Tagesspiegel)

Im Brüsseler Stadtteil Ixelles, nahe des europäischen Insitutionen, treffen sich an diesem Nachmittag fünf junge Menschen, um über Europa zu diskutieren. Zwei Frauen, drei Männer, aus Italien, Finnland, England, Ungarn und Irland. Die Italienerin Livia ist Regisseurin an einem Brüsseler Theater. Der Brite, Alfiaz, arbeitet als Diversity-Beauftragter für das Europäische Parlament. Der Ire, Kevin, ist Consultant. Die Finnin, Riina, arbeitet als Klimaforscherin. Als letztes trifft Aron ein, aus Ungarn. Er arbeitet als Assistent für einen Abgeordneten den EU-Abgeordneten József Szájer aus der Fidesz-Partei von Ungarns Premierminister Viktor Orbán. „Ich bin der Böse in dieser Runde“, sagt Aron.

Fünf junge Europäer streiten über die Zukunft des Kontinents (v.l.n.r.): Riina Haavisto, Alfiaz Vaiya, Áron Zsolt Giro-Szasz, Livia Andrea Piazza, Kevin Hiney. (Foto: Patrick Galbats)

Hallo alle. Da wir ähnlich alt sind, hoffen wir, es ist ok, wenn wir uns duzen. Bevor wir das Gespräch beginnen, zunächst eine kleine Aufgabe. Wir haben Knete gekauft. Jeder hat fünf Minuten Zeit, um damit das zu bauen, was ihm in den Kopf kommt, wenn er an Europa denkt.

Stille am Konferenztisch. Kevin, der Ire, knetet sofort los, Livia, die Italienerin, überlegt lange. Áron aus Ungarn knetet am elegantesten.

Áron, was hast du geknetet?

ÁRON: Ich habe zwei Hände gebaut, die ineinandergreifen. In Europa geht es um Kooperation, wir helfen einander. Die Hände stehen aber auch für etwas, das ich liebe: Jesus. Ich bin Christ, das ist mir sehr wichtig zu erwähnen.

Alfiaz, was hast du modelliert?

ALFIAZ: Ich habe Menschen gemacht. Einen Mann, eine Frau, eine Frau mit Kopftuch und einen Menschen ohne erkennbares Geschlecht. Europa ist für seine Bürger da, so sollte es sein. Das Motto lautet „United in diversity“. Ich bin schwul, Muslim und der Sohn von Flüchtlingen. Mir ist diese Diversität wichtig.

KEVIN: Sorry, meins sieht nicht sehr elegant aus.

Eine zusammengeflickte Kugel?

KEVIN: Sie hat eine Bedeutung. Aus der Ferne schaut sie aus wie ein einheitlicher Ball. Geht man nah ran, sieht man, dass es aus vielen kleinen Teilen zusammengesetzt ist, dann sieht man die Unterschiede. Ist das jetzt eine Einheit oder sind das viele Einzelteile, die mühsam zusammenkleben? Kann jeder selbst beantworten.

RIINA: Meins ist nicht gut geworden. Ich war vor allem von der blauen Farbe inspiriert. Das sind die Wellen eines Ozeans. Europa ist die Heimat von Millionen Tier- und Pflanzenarten. Die sollten wir schützen.

Ich finde die Europäische Idee großartig. Aber dennoch ist sie für mich eher ein abstrakter Gedanke.“Livia Piazza

LIVIA: Ich habe zwei Sterne gemacht, weil ich an die Flagge denken musste. Nicht sehr originell, oder? Mein Problem ist, dass ich keine unmittelbare Verbindung zur EU spüre. Sie steht für mich für nichts. Also musste ich an das Symbol denken, das die EU uns zeigt.

Du magst die EU nicht?

LIVIA: Doch, um Gottes Willen. Ich habe in drei europäischen Ländern gelebt, Deutschland, Belgien und Italien. Ich finde die Europäische Idee großartig. Aber dennoch ist sie für mich eher ein abstrakter Gedanke.

Länder haben Charakter, zumindest im Klischee. Welche zentrale Eigenschaft hat das Land, aus dem ihr kommt?

KEVIN: Wir Iren nehmen uns selbst nicht sehr ernst.

RIINA: Wir Finnen sind bodenständig.

ALFIAZ: Wir Briten sind skeptisch.

ÁRON: Das Erste, was mir zu den Ungarn einfällt, ist das Wort Mut. Wir sind eine starke Nation. Außerdem sind wir nicht so oberflächlich. Grauenhaft im Smalltalk zum Beispiel.

LIVIA: Wir Italiener können sehr schlecht mit Kritik umgehen.

Welches negative Klischee fällt euch zu einer der anwesenden Nationen ein?

RIINA: Die Italiener achten ständig auf ihr Aussehen.

LIVIA: Das stimmt, glaube ich. Soll ich was über Alfiaz sagen? Ihr Briten wirkt auf mich manchmal etwas verklemmt. Die Selbstkontrolle ist sehr tief im Nationalethos verankert.

ALFIAZ: Zu den Iren fällt mir nichts ein. In England nennen wir euch oft Bauern, aber Kevin sieht mir nicht nach einem aus

KEVIN: Wir seien ständig besoffen, das hören wir oft.

ALFIAZ: Ich glaube, wir Engländer stehen euch da in nichts nach.

KEVIN: Mir fällt was zu Ungarn ein. Das Land steht für mich für eine gewisse Rauheit. Ihr wart ja auch lange hinter dem Eisernen Vorhang.

Lasst uns das umdrehen. Beneidet ihr die anderen am Tisch um irgendetwas?

ÁRON: Kevin, ihr Iren habt eine gewisse Fröhlichkeit in eurer Identität, die mir gut gefällt. Wir Ungarn sind immer pessimistisch.

Kevin, neidest du den Briten etwa den Brexit?

KEVIN: Ich kenne wirklich niemanden, der das tun würde.

ALFIAZ: Im Gegenteil, ich beneide euch alle, dass ihr in der Union bleibt. Und ich hätte gern den Sinn für Design der Italiener. Autos, Mode, Style. Wir Briten sind nicht so kreativ.

LIVIA: Ich beneide Finnland um sein Wohlfahrtssystem.

RIINA: Finnen und Ungarn sind sich ein bisschen ähnlich beim Thema Pessimismus. Sprache und Mentalität gleichen sich auch. Neidisch bin ich vor allem auf eure Lage in Europa. Im wärmeren Süden.

Über Länder und ihre Eigenschaften zu sprechen, macht Spaß und fällt uns ziemlich leicht, stellen wir gerade fest. Warum ist das wohl so?

ALFIAZ: Italien ist ein gutes Beispiel. Man kann stundenlang über die Italiener reden. Überall auf der Welt kennt man sie, weiß, wofür sie stehen. Spaghetti, Pizza, die alten Römer, Venedig, Mafia. Italien hatte immer eine Pole Position.

KEVIN: Das Image Italiens ist in der Welt leicht zu verkaufen: fröhliche Menschen, die gutes Essen mögen, abends draußen unterwegs sind und laut miteinander sprechen.

Das Image Europas ist viel schwerer zu verkaufen.

ÁRON: Da sind wir beim Thema Identität. Und Europa ist keine Nation, da fällt uns das mit der Identität schwer.

ALFIAZ: Glaube ich auch. Was wir bräuchten, um eine Identität zu entwickeln, ist eine volle Integration. Wir sind erst bei der Hälfte angelangt.

ÁRON: Was meinst du mit voller Integration?

ALFIAZ: Wir brauchen eine komplette, ökonomische Union, mit demselben Steuersatz, eine Ausweitung der Eurozone auf alle Länder.

ÁRON: Und am Ende eine europäische Regierung?

ALFIAZ: Ja.

ÁRON: Da bin ich nicht einverstanden. Was du volle Integration nennst, bedeutet am Ende einen europäischen Staat, beziehungsweise: die Vereinigten Staaten von Europa. Ich glaube aber nicht, dass das je das Ziel der EU war. Für mich ist es das nicht. Die EU sollte nicht den USA nacheifern. Wir sind ganz anders.