Die Coronavirus-Pandemie hat längst nicht mehr nur Auswirkungen auf die Funktionsweise der Krankenhäuser. Sie setzt auch Allgemeinmediziner zunehmend unter Druck. Sie werden in den kommenden Wochen besonders gefordert sein.

Um sich auszuruhen, setzt oder legt sich das Krankenhauspersonal nur noch kurz auf den Krankenhaus-Flur. Diese Bilder von überlasteten Krankenhäusern in Italien gingen bereits um die ganze Welt. Luxemburg will ein solches Szenario so gut wie möglich vermeiden.

„Wir wollen verhindern, dass unser Gesundheitssystem dem Ganzen ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr standhalten könnte“, sagte Gesundheitsministerin Paulette Lenert (LSAP) am Wochenende. Seitdem wird die Ministerin nicht müde, den Ernst der Lage zu betonen: Dass das Gesundheitssystem weiterhin funktionieren könne, sei „in den meisten Ländern die größte Herausforderung“.

Um Luxemburgs Kliniken vor einem solchen Kollaps zu bewahren, baut die Regierung zunehmend auf die Hilfe von Personal, das außerhalb der vier Krankenhaus-Gruppen tätig ist. Vor allem Allgemeinmediziner werden dazu in den kommenden Wochen gebraucht und vor ganz neue Herausforderungen gestellt. Denn unabhängig davon, wie schlimm die Lage letztlich wird, steht schon jetzt fest: Nur noch die schwersten und kompliziertesten Fälle sollen in dieser Situation im Krankenhaus behandelt werden. Also wird umstrukturiert und umorganisiert.

In die Maison Médicale statt ins Krankenhaus

Die drei Maisons Médicales wurden 2008 eingeführt, um die Notaufnahmen zu entlasten – und sie wurden als Entlastung wohl noch nie so dringend gebraucht wie heute. Seit diesem Mittwoch sind die Strukturen in Luxemburg-Stadt, Esch und Ettelbrück von acht Uhr morgens bis 16 Uhr nachmittags geöffnet. Sie dienen als Erstaufnahmestellen für Covid19-Patienten. Das Zentrum in Luxemburg-Stadt könnte laut Paulette Lenert von der Rue Michel Welter in das Institut National des Sports verlegt werden. Und auch im Osten des Landes würde man bereits nach einer passenden Struktur suchen, so die Ministerin am Dienstag im Parlament.

Luxemburgs „Maisons Médicales“

  • Zentrum: 59, rue Michel Welter, L-2730 Luxembourg
  • Süden: 70, rue Émile Mayrisch, L-4240 Esch/Alzette
  • Norden: 110, avenue Lucien Salentiny, L-9080 Ettelbruck
    Allgemeiner Hinweis: Patienten sollten nur nach Absprache mit ihrem Hausarzt und nach Terminvereinbarung eine Maison Médicale aufsuchen.

Obwohl die Zahl der Infizierten exponentiell steigt (Stand Mittwochmorgen: 203 Fälle, zwei Tote), will die Regierung durch die Hilfe der Ärzte in den Maisons Médicales die Diagnosekapazitäten auch weiterhin gewährleisten können.

„Sinn und Zweck der Maisons Médicales ist, dass wir Patientenströme aufteilen“, erklärte Paulette Lenert am Dienstag im Parlament. Wie das Gesundheitsministerium meldet, können sich dort Menschen mit akuten Atemwegsproblemen nach einer Terminvereinbarung untersuchen lassen. „Jede Maison Médicale funktioniert nach dem gleichen Prinzip für die Betreuung der Patienten: Empfang und Einteilen der Patienten, medizinische Untersuchung und Test“, heißt es von der Pressestelle. Die Diagnose des Coronavirus soll in den medizinischen Zentren so weit wie möglich zentralisiert werden.

Damit bekommen nicht nur die Maisons Médicales in dieser Ausnahmesituation eine ganz neue Aufgabe – auch den Allgemeinmedizinern, die sie betreiben, steht eine neue Herausforderung bevor. Hausärzte sollen sich freiwillig gemeldet haben, um in den Maisons Médicales zu helfen. Jean-Claude Schmit, Direktor der Santé, sprach am Samstag bei RTL von einer großen Solidarität unter den Ärzten.

Wichtige Maßnahme, schwierige Umsetzung

Groß war vor zwei Wochen allerdings die Überraschung bei einigen Ärzten über die Ankündigung der Regierung. „Wir haben aus der Presse über die neuen Öffnungszeiten der Maisons Médicales erfahren“, so eine Allgemeinmedizinerin im Gespräch mit REPORTER. In ihren Augen ist die Idee schwer umsetzbar. „Es müssen sich erst einmal Mediziner finden, die freiwillig bereit sind, ihre eigene Praxis zu schließen um dann in den Zentren auszuhelfen“, sagt sie.

Außerdem sei man in den Maisons Médicales selbst einem erhöhten Risiko der Ansteckung durch die Covid-19-Krankheit ausgesetzt. „Ich habe zwar keine Angst, aber Bedenken. Bin ich selbst erst einmal Träger, könnte ich es auch an andere Menschen und Patienten weitergeben“, so die Ärztin.

Bedenken haben einige Mediziner auch bei der praktischen Umsetzung der Initiative. Der Allgemeinmediziner Dr. David Heck gab im Interview mit RTL zu bedenken, dass die Maisons Médicales möglicherweise von Menschen aufgesucht werden, die noch gar nicht krank sind – und sich dann dort anstecken könnten. Um diesem Risiko entgegenzuwirken, hat die Regierung entschieden, dass Patienten die drei Zentren nur mit einem Bescheid ihres Hausarztes aufsuchen dürfen.

Zudem stellt sich die Frage, ob die Infrastruktur der Maisons Médicales für potenzielle Corona-Patienten überhaupt geeignet ist. Die Zentren sind klein, ebenso deren Behandlungsräume und Wartezimmer. „Wir stellen uns die Frage, ob das opportun ist. Morgens und mittags werden ab jetzt Menschen mit Corona-Infektionen behandelt und abends kommt dann ein anderer Kollege und kümmert sich um andere Fälle“, so David Heck. „In unseren Augen erscheint die Sache etwas kompliziert.“

Das Gesundheitsministerium bestätigte mittlerweile, dass der Nachtbetrieb der Maisons Médicales von 20 Uhr abends bis 7 Uhr morgens wie gewohnt weiterlaufen soll.

Diagnose auf Distanz für Nicht-Notfälle

Die neuen Öffnungszeiten der Maisons Médicales sollen aber nicht die Schließung der herkömmlichen Arztpraxen bedeuten. Wer seine Praxis nicht schließt – oder nicht schließen will – der kann seinen Patienten ab dieser Woche auch eine Konsultation via Telefon und E-Mail anbieten. Die Telemedizin soll ermöglichen, dass nur noch Notfälle ihren Arzt in der Praxis aufsuchen.

Über die Einführung von Telemedizin wird in Luxemburg schon lange diskutiert. Der „Plan d’Action eSanté“ stammt aus dem Jahr 2006. 2018 sagte die damalige Gesundheitsministerin Lydia Mutsch noch, dass „die Umsetzung der Telemedizin keine Priorität“ sei. Damals war der Grund, dass sich Mediziner allgemein gut über das ganze Land verteilen und somit jeder Zugang zur medizinischen Versorgung habe. Im Koalitionsvertrag ist die Umsetzung der Telemedizin zwar wieder verankert worden – bis heute aber nicht verwirklicht worden.

Nun wird sie schneller Realität als über den traditionellen Instanzenweg. Das bringt aber auch mit sich, dass sich sowohl Ärzte als auch Patienten viele Fragen stellen: Wie kann ein Arzt auf Distanz eine Diagnose stellen? Wie beschreibt man seine Symptome am besten in einer E-Mail? Und wie werden die Kosten erstattet? All diese Fragen werden wohl erst nach und nach von den Ärzten selbst beantwortet werden können.

„Wenn allerdings eine Dringlichkeit besteht, werden die Termine beim Arzt so organisiert, damit die soziale Distanz zwischen Patienten eingehalten wird“, sagte Alain Schmit bei RTL. Der Arzt soll auch weiterhin für den Patienten zugänglich sein – wenn auch in einer für Patienten und Ärzte ungewöhnlichen Form. Auch dürfen aktuell nur Patienten mit Symptomen krank geschrieben werden – für alle Risikopatienten sei eine Krankschreibung gesetzlich nicht möglich.

Besondere Umstände, besondere Maßnahmen

Hausärzte berichten, dass die Zahl ihrer Patienten in den vergangenen Wochen ohnehin zurückgegangen ist. „Viele kommen nicht mehr“, sagte ein Mediziner vergangene Woche im Gespräch mit REPORTER. Die Angst sei bei vielen zu groß, dass man sich anstecken könnte.

Mitte Februar fand bereits ein Treffen zwischen dem Gesundheitsministerium und den Allgemeinmedizinern statt. Den anwesenden Medizinern wurden insgesamt über 100.000 Masken für die Patienten mit Atemwegsbeschwerden und Husten ausgeteilt. So sollten andere Patienten im Wartesaal vor Menschen mit Symptomen und einer potenziellen Ansteckungsgefahr geschützt werden. Dabei handelte es sich jedoch um die einfachen Schutzmasken, deren Effizienz laut mehrerer Virologen beschränkter als die der FFP2-Masken ist.

Die Initiative des Gesundheitsministeriums soll zudem nicht dazu beitragen, den Patienten die Angst vor einer Ansteckungsgefahr zu nehmen. „Stellen Sie sich vor, Sie betreten als Patient ein Wartezimmer und da sitzen mehrere Menschen mit einer Maske“, sagt eine Hausärztin. „Da bekommt man doch automatisch Angst.“

Ein befragter Mediziner hatte alternativ eine effizientere Idee. Er hat bereits vor einer Woche ein neues Sprechstunden-System eingeführt, um seinen Patienten die Angst zu nehmen. Der Mediziner, der namentlich nicht genannt werden will, hat seinen Patienten geraten, im Auto zu warten, statt im Wartesaal. Erst als er den Patienten aus der Praxis anrief, sollte er diese betreten. „Die Idee dahinter ist, dass nicht mehrere Patienten gleichzeitig im Wartesaal warten müssen, und sich vielleicht anstecken“, so der Mediziner. Fraglich bleibt aber, ob solche kreativen Maßnahmen in den kommenden Wochen noch ausreichen, um mit der neuen Situation umzugehen.


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