Neues Material beschaffen, Personal umschulen, Kliniken umstrukturieren: Luxemburgs Krankenhäuser bereiten sich auf die nächste Stufe der Coronavirus-Pandemie vor. Es ist ein Rennen gegen die Zeit, bei dem letztlich niemand weiß, wie schlimm und dauerhaft die Krise wird.

Die sanitäre Krise um die Coronavirus-Pandemie schreitet voran und mit ihr die Frage, wie gut Luxemburgs Gesundheitssystem darauf vorbereitet ist. Wie REPORTER bereits berichtete, sind die aktuellen Kapazitäten von Luxemburgs Krankenhäusern begrenzt. Für die Einlieferung vieler Patienten auf der Intensivstation und eine künstliche Beatmung ist die Ausgangsposition zwar im internationalen Vergleich nicht die schlechteste. Und doch droht jedem Gesundheitssystem der Welt bei einer schnell voranschreitenden Pandemie die Überlastung – so auch dem luxemburgischen.

Damit die Lage beherrschbar bleibt, laufen die Vorbereitungen in den Krankenhäusern seit Tagen auf Hochtouren. Experten sagen, dass das Schlimmste erst noch kommt. Die Planungen gleichen einem Stresstest. Wie ernst die Verantwortlichen die Lage nehmen, zeigt nicht zuletzt die Entscheidung, ein provisorisches Hospital einzufliegen und vor dem „Centre Hospitalier de Luxembourg“ (CHL) in Strassen aufzubauen. Die Vorbereitungen dazu laufen laut „RTL“ auf Hochtouren. 100 zusätzliche Betten mit Beatmungsgeräten sollen so innerhalb von kürzester Zeit bereitgestellt werden.

Krankenhäuser richten sich neu aus

Schon vor diesem außergewöhnlichen Schritt waren massive Einschnitte in die gewöhnlichen Abläufe der Krankenhäuser spürbar. „Wir wurden nervös, als wir vergangene Woche die Bilder aus Italien sahen“, gestand Dr. Gregor Baertz, medizinischer Leiter der „Hopitaux Robert Schuman“ (HRS), am Donnerstag in einem Interview. Die Epidemie verbreitet sich exponentiell. Wenn man zu spät reagiert, droht der Kollaps der Krankenhaus-Infrastrukturen, warnten mehrere verantwortliche Ärzte in den vergangenen Tagen.

Sämtliche Krankenhäuser verfolgen momentan die gleiche Strategie: Ziel ist es, ein Maximal an Betten und Personal für den Notfall bereit zu stellen. Dafür wird versucht, den gewöhnlichen medizinischen Betrieb so weit wie möglich herunter zu fahren. „Wir haben alle geplanten Operationen und alle vorgesehenen Sprechstunden abgesagt“, sagte Dr. Gregor Baertz.

Die Devise lautet: Es soll nur noch derjenige ins Krankenhaus, der wirklich muss. Es geht dabei nicht nur um eine Überlastung des Systems. Ebenso soll verhindert werden, dass Patienten das Virus mit ins Krankenhaus bringen oder sich dort an einer infizierten Person anstecken.

Nur noch Notfälle werden behandelt

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das „Centre Hospitalier Emile Mayrisch“ (CHEM). Die Radiologie bleibt geschlossen und sämtliche geplanten Eingriffe und Sprechstunden wurden abgesagt. Allein im CHEM werden jährlich 228.500 radiologische Untersuchungen gemacht. Ist die Krise erst einmal überstanden, kann es zu Engpässen und langen Wartezeiten für die bereits heute oft wartenden Patienten führen. Die Coronavirus-Pandemie droht demnach auch, die ohnehin schon vorhandenen Probleme im Luxemburger Gesundheitssystem noch weiter zu verschärfen. Angesichts der aktuellen dringenden Lage muss diese Perspektive aber notgedrungen ausgeblendet werden.

Was nicht unbedingt ins Krankenhaus muss, wird dabei in externe Strukturen verlagert. Potenzielle Covid-19-Patienten sollen sich bei „Drive-Through“-Teststationen oder in einer der drei Maisons Médicales testen lassen. Auch Hausärzte können Patienten über Telefon oder E-Mail beraten.

Die Plätze in den Krankenhäusern sind weitestgehend Covid-19-Patienten vorbehalten. Nur absolut notwendige Bereiche laufen weiter: Notfallmedizin, Geburten oder andere lebenswichtige Eingriffe. Weil in der Bevölkerung eine große Unsicherheit herrscht, bieten die HRS-Gruppe und das CHEM seit dieser Woche auch vermehrt Online- und Telefonsprechstunden an.

Neue Struktur und mehr Material

Auch zwischen den vier Krankenhausgruppen findet eine Umstrukturierung statt. Die Notaufnahmen laufen nur noch in Ettelbrück, in Esch sowie in Kirchberg. Die Notdienste der Krankenhäuser in Wiltz, Düdelingen und Niederkorn bleiben dagegen bis auf Weiteres geschlossen. Patienten, die dort noch in Behandlung sind, werden auch weiterhin versorgt, das Personal aber reduziert. Alles, Personal und Material, wird in diesen Tagen neu gebündelt und zusammengelegt.

Bei der HRS-Gruppe wurden indessen alle Krebspatienten im Zitha-Krankenhaus in Luxemburg-Stadt gruppiert. „Ich weiß nicht, wie es jetzt weitergeht. Aber wenn wir jetzt auch noch das Zitha-Gebäude für Covid-19-Patienten brauchen, dann müssen wir die Behandlung der Onkologie-Patienten auch herunterfahren“, so Dr. Gregor Baertz.

Diese Überlegungen zeigen: Die Bedenken sind groß, dass trotz aller Maßnahmen der Platz in den Krankenhäusern nicht ausreichen könnte. Die Regierung kündigte deshalb an, dass auch Teile der Luxexpo in Kirchberg mit Betten und Material ausgestattet werden sollen. Hinzu kommt das im Aufbau befindliche provisorische Lazarett beim CHL, in dem bei zu hoher Überlastung der Krankenhäuser Covid-19-Patienten behandelt werden können.

Außenminister Jean Asselborn (LSAP) bestätigte dem „Luxemburger Wort“ am Freitag, dass Anfang kommender Woche eine Lieferung von 50 Beatmungsmaschinen eintreffen werde – weitere 100 solcher Maschinen würden später folgen. Zudem erwartet das Land große Lieferungen aus China von medizinischen Schutzmasken, Handschuhen, Schutzbrillen und Schutzkleidern. Die Rede ist von mehreren Millionen Einheiten an medizinischem Material.

Kampf gegen den Personalmangel

Fraglich ist bisher nur, wer diese weiteren Strukturen auf Dauer betreuen soll. Insgesamt arbeiten in Luxemburgs Krankenhäusern etwa 900 Ärzte und rund 3.000 Krankenpfleger. Damit diese Ressourcen nicht knapp werden, versuchen die Krankenhäuser alle Kräfte auf das Coronavirus auszurichten. Ein Teil des Personals bleibt jetzt zu Hause, damit es dann zum Einsatz kommen kann, wenn andere ausfallen.

„Wir haben eine Reserveliste mit Ärzten und Pflegern aufgestellt“, sagt Dr. Gregor Baertz im RTL-Interview. Daneben habe man bereits Kontakt mit Medizinstudenten und Ex-Kollegen im Ruhestand gehabt, um sie im Notfall einsetzen zu können. Freiwillige Helfer hätten sich auch bereits gemeldet – auch aus anderen medizinischen Bereichen, wie beispielsweise der Physiotherapie.

Damit all diese Helfer die nötigen Kenntnisse haben, läuft parallel auch eine interne Weiterbildung in den Kliniken an. Doch nicht jeder Pfleger und auch nicht jeder Arzt ist automatisch geschult für den Umgang mit dem hoch ansteckenden Virus. Eine Reserve an Personal ist aber auch deshalb wichtig, weil ein Blick in andere Länder zeigt, dass auch viele Mitarbeiter in den Krankenhäusern sich anstecken. Vereinzelte Fälle beim Personal des CHEM und der HRS-Gruppe gibt es bereits.

Wir wurden nervös, als wir vergangene Woche die Bilder aus Italien sahen.“Dr. Gregor Baertz, „Hopitaux Robert Schuman“

Bleibt die Frage der Requisition: Einige Ärzte und Verantwortliche im Gesundheitsbereich hatten Bedenken, dass Frankreich französisches Personal zurückberufen könnte. Premier Xavier Bettel versicherte aber am Mittwoch, er habe Garantien, dass Frankreich Luxemburg nicht im Stich lasse. Details wollte er jedoch nicht preisgeben.

Tatsächlich kommt etwa 65 Prozent des Pflegepersonals aus der Grenzregion, davon 30 Prozent aus Frankreich. Luxemburg ist demnach sehr auf die Pendler aus dem Nachbarland angewiesen. Denn auch hierzulande steigt die Zahl der Infizierten täglich. Am Samstag stieg sie von 484 auf 670. Mindestens 26 Patienten sind aktuell im Krankenhaus in Behandlung, drei befinden sich auf der Intensivstation. Stand Samstag (21. März) gab es acht Todesfälle.

„Daily business“ in der Krise

Durch die jüngsten Maßnahmen und die Lieferung von 150 Beatmungsgeräten dürfte sich die Ausgangslage der Krankenhäuser deutlich verbessern. Die Gesamtzahl dieser Geräte könnte damit ungefähr verdoppelt werden. Während Coronavirus-Patienten mit leichten Pathologien im Schnitt nach zehn bis 14 Tagen das Krankenhaus verlassen dürfen, müssen die Beatmungsmaschinen bei Patienten mit Komplikationen mit zwei bis drei Wochen vergleichsweise lange laufen.

Generell stellt die spezifische Behandlung des Coronavirus bereits eine Herausforderung dar. Laut einer Studie der OECD liegt die Aufenthaltsdauer von Patienten in Luxemburger Krankenhäusern im Schnitt bei 8,9 Tagen. Daneben gibt es ohnehin Langzeitpatienten in Krankenhäusern, die auch in Corona-Zeiten auf die dortige Pflege angewiesen sind. Menschen mit psychischen Erkrankungen belegen die Krankenhausbetten etwa im Schnitt am längsten.

Auch die Notaufnahmen beanspruchen weiterhin Personal und Platz: Allein dort zählt man pro Jahr etwa 65.000 Patienten mit sogenannten Traumata (Arbeits- oder Autounfälle, Schlägereien, etc). Für sie muss weiterhin Personal zur Verfügung stehen – auch wenn die meisten dieser Fälle (60.400) ambulant behandelt werden können.

Falls die Krise zum Dauerzustand wird

Dennoch kann die Inanspruchnahme einiger Betten ab sofort drastisch gekürzt werden. Menschen, die nicht mehr zwingend im Krankenhaus bleiben müssen, könnten früher entlassen werden. Beispiel Geburten: Im Schnitt bleibt eine Frau nach der Geburt 4,5 Tage im Krankenhaus, weitaus länger als in anderen europäischen Ländern. „Gab es keine Komplikationen, kann man diese Zeit verkürzen“, sagt Anne-Marie Hanff vom Berufsverband der Krankenpfleger. Es gibt noch weitere Beispiele, bei denen die aktuelle Krise zu einer neuen Praxis führen könnte.

Die Krankenhäuser spielen also weiter auf Zeit, und das gleich in mehrerer Hinsicht. Je mehr Zeit sie haben, um sich vorzubereiten, desto besser wird die Bewältigung der erwartbaren Zuspitzung der Krise verlaufen. Allerdings bleibt selbst bei der Verhinderung eines Kollapses des ganzen Systems ein Problem: Mit der längeren Dauer der Pandemie wird die Belastung des Personals und der hochgefahrenen Kapazitäten nicht so schnell geringer. Auch wenn niemand den weiteren Verlauf der Krise abschätzen kann, stellen sich die Ärzte und das Pflegepersonal vorsorglich auf einen Dauerzustand ein.


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