Eine neue Covid-19-Welle offenbart Mängel in Chinas Gesundheitssystem. Trotz Reformen sind die medizinischen Einrichtungen überfordert. Die steigende Zahl der Infektionen könnte im schlimmsten Fall zu 1,5 Millionen Todesfällen führen. 

Im kommenden Monat stehen Chinas medizinische Einrichtungen vor ihrer „dunkelsten Stunde“. Diese Warnung von Zhang Wenhong, einem prominenten Experten für Infektionskrankheiten, wurde kürzlich von staatlichen Medien verbreitet. Sie spiegelt eine Ansicht wider, die noch vor nicht allzu langer Zeit im „Null-Covid“-China als Ketzerei betrachtet worden wäre. Jetzt, da das Virus das Land, einschließlich seiner Krankenhäuser, im Griff hat, ist nicht mehr die Rede davon, es auszurotten. Menschen stehen stundenlang bei Fieberambulanzen an. Das medizinische Personal erkrankt in Scharen. In den kommenden Wochen wird die Zahl der Todesfälle stark zunehmen, da die Pandemie sich in einer unzureichend geimpften Bevölkerung rasch ausbreitet.

In den vergangenen drei Jahren, seit die ersten Fälle von Covid-19 in der Innenstadt von Wuhan entdeckt wurden, war die Regierung stolz auf ihren Umgang mit der Pandemie. Es sei gelungen, Covid und Todesfälle im Vergleich mit vielen anderen Ländern auf eine erstaunlich geringe Zahl zu beschränken. Es war der Regierung auch gelungen, dies mit großem propagandistischem Aufwand als Erfolg darzustellen. Zumindest bis Ende 2022, als das Virus außer Kontrolle geriet und Proteste gegen oft brutal durchgesetzte Zwangsmaßnahmen ausbrachen, schienen viele Menschen der offiziellen Linie zu glauben. Nämlich, dass Chinas Errungenschaften das Produkt eines überlegenen politischen Systems seien, von dem man sagt, dass es wie kein anderes Land fähig sei, Menschen und Ressourcen in einem Umfang zu mobilisieren, der erforderlich ist, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern.

„Covid-Chaos“ in den Krankenhäusern

Da „Zero-Covid“ jetzt so gut wie beendet ist und die Straßen nicht mehr wegen Ausgangssperren, sondern wegen der Furcht der Menschen fast leer sind, richtet sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf das Gesundheitssystem. In den vergangenen Tagen sind die Anrufe in Peking bei der 120, der Nummer für medizinische Notfälle, auf das Fünf- bis Sechsfache des normalen Niveaus gestiegen. Das „Covid-Chaos“, wie es eine Zeitung in Peking nannte, ist in den Krankenhäusern ausgebrochen. Die Menschen in vielen Städten, die bereits durch eine leichte Infektion mit dem Virus verängstigt sind, strömen massenweise dorthin. Ihnen wurde früher einmal gesagt, dass das Virus eine ernsthafte Bedrohung für ihr Leben darstelle. Jetzt bezeichnen Beamte die aktuelle Omikron-Variante verharmlosend als grippeähnlich. Aber die Immunität gegen Covid ist in China gering, sodass die steigende Zahl der Infektionen zu vielen Todesfällen führen wird: etwa 1,5 Millionen in den nächsten Monaten, nach der Worst-Case-Schätzung von „The Economist“.

Todesfälle in einem solchen Ausmaß wären als Anteil der Bevölkerung immer noch geringer als in vielen anderen Ländern infolge von Covid. Aber sie werden in China Fragen zu Mängeln im Gesundheitssystem des Landes aufwerfen, und ob sie möglicherweise zum Leid der Menschen und zur Überlastung des medizinischen Personals beigetragen haben.

Es wäre nicht das erste Mal, dass man mit einer derartigen Situation konfrontiert ist …