Der Bildungsminister drückt die Reform zur zweisprachigen Alphabetisierung durch. Der Mut zur Veränderung ist lobenswert, doch das Vorgehen von Claude Meisch schadet dem Vorhaben. Schüler, Lehrer und Eltern drohen, das Vertrauen zu verlieren. Ein Kommentar.

Knapp 6.300 Kinder starten im September in ein großes Experiment. Sie sind der erste Jahrgang, der Lesen und Schreiben entweder auf Deutsch oder Französisch lernen wird. Das „Projekt Alpha“ wird ihr Leben verändern – und das ist keine Übertreibung. Mehr Chancen für die, die nicht Luxemburgisch zu Hause sprechen. Das ist zumindest das Versprechen der Politik.

Doch die Herausforderungen für den Schulalltag sind enorm. Die Schüler lernen künftig während der Hälfte der Woche getrennt von ihren Klassenkameraden. Es fehlt in vielen Gemeinden an Schulräumen und an Lehrpersonal. In manchen Schulen wird jeweils eine krasse Minderheit entweder in der französischen oder der deutschen Gruppe sein. Die Eltern dieses Jahrgangs werden Anfang 2027 entscheiden müssen, wie ihr Kind alphabetisiert wird, ohne – Stand heute – wirklich informiert über die Reform zu sein.

„Wir haben immer einen guten Grund gefunden, nichts zu ändern“, hielt Bildungsminister Claude Meisch (DP) den Abgeordneten im parlamentarischen Bildungsausschuss entgegen. „Jedes Jahr wird uns anhand wissenschaftlicher Belege vor Augen geführt, wie ungerecht unser Schulsystem heute ist, und darauf müssen wir reagieren“, sagte er Mitte Juli.

Damit seine große Reform Realität wird, wischt er alle Bedenken zur Seite. Und er verliert damit aus dem Blick, dass das Vertrauen des Lehrpersonals, der Eltern und der Schüler entscheidend ist, ob das Projekt Alpha ein Erfolg wird. Der größte Stolperstein auf diesem Weg hat also einen Namen: Claude Meisch.

Ein Machiavelli der Bildungspolitik

Claude Meisch trickste und täuschte, um sein Her­zens­pro­jekt durchzudrücken. Erst ließ er die Öffentlichkeit im Unklaren, ob die Reform kommt, dann erhöhte er 2025 das Tempo und ließ das Parlament doch noch entscheiden. Immer wieder ließ er die potenziellen Gegner ins Leere laufen. Eine „brutale Effizienz“ bescheinigte ihm der grüne Abgeordnete Meris Sehovic fast bewundernd. Wie Machiavellis machtbewusster Fürst setzte der liberale Minister seinen Willen durch – auf Kosten einer öffentlichen Debatte und des Vertrauens der Beteiligten.

Das Projekt Alpha hat eine Chance verdient. Was es nicht braucht, sind Machtspiele eines Ministers, der glaubt, allein die Lösungen zu kennen.“

Das Ministerium von Claude Meisch lieferte in den vergangenen Wochen ein Paradebeispiel für diese Art der Machtpolitik. Während Monaten hielt es die Studie des „Luxembourg Centre for Educational Testing“ (Lucet) zurück, weil sie nicht die erhofften Erfolgszahlen lieferte, wie Reporter.lu berichtete. Die Forscher prüften, ob die Alphabetisierung auf Französisch den Schülern wirklich hilft. Das brisante Ergebnis: Bessere Leistungen konnten die Forscher in den Pilotklassen, die seit 2022 bestehen, nicht nachweisen. Die Resultate der Schüler in den Sprachen und Mathematik waren sehr ähnlich – unabhängig davon, ob etwa französischsprachige Kinder auf Französisch oder auf Deutsch alphabetisiert wurden.

Kurz: Das Versprechen von Claude Meisch von mehr Bildungsgerechtigkeit könnte verpuffen. Wie gefährlich dieses Ergebnis seiner Reform werden kann, war dem Machiavelli der Bildungspolitik und seinen Spindoktoren natürlich klar. Der 40-seitige Lucet-Bericht wurde in einem 360-Seiten-Dokument veröffentlicht – vorgeblich, um ein Gesamtbild zu vermitteln. Im Newsletter des Ministeriums wurde den Eltern geraten, die Lucet-Ergebnisse „mit Vorsicht zu interpretieren“. Tatsächlich umfasst die Testgruppe der auf Französisch alphabetisierten Schüler gerade einmal 37 Kinder. Eine statistische Auswertung ist hier schwierig, wie die Forscher selbst betonen. Doch das Ministerium lässt diese Vorsicht nicht walten, wenn es um Ergebnisse geht, die dem politischen Ziel entsprechen …