Im Prozess um den Tod eines zweijährigen Jungen auf dem Weihnachtsmarkt im Jahr 2019 sehen die Angeklagten die Schuld beim jeweils anderen. Für die Staatsanwaltschaft stehen vor allem die Eiskünstler in der Verantwortung – und das hauptstädtische Tourismusbüro.
Neun Jahre alt wäre Emran dieses Jahr geworden. Doch sein Leben endete mit zwei Jahren und zehn Monaten auf dem hauptstädtischen „Knuedler“ am 24. November 2019. Damals stürzte eine in Eis geschnitzte Chalet-Wand in sich zusammen und begrub den kleinen Jungen unter mehr als 800 Kilo Eis. Für ihn kam jede Hilfe zu spät, er verstarb noch vor Ort in den Armen seines Vaters.
Das Drama machte damals national und international Schlagzeilen. Auch, weil ein solcher Unfall bis dahin noch nie vorgekommen war – hieß es zumindest in den Presseberichten nach der Tragödie. Und weil es sich bei dem Eiskünstler um Samuel Girault handelte, einen Weltmeister und Profi in der Branche. Was lief also damals schief und wer war dafür verantwortlich? Darum geht es im Prozess, der nun seit Anfang Mai am Bezirksgericht Luxemburg verhandelt wird.
Angeklagt sind neun Personen – drei Eiskünstler, vier Mitarbeiter der Stadt Luxemburg, zwei Vertreter des „Luxembourg City Tourist Office“ (LCTO) sowie das LCTO selbst als „juristische Person“. Der Vorwurf lautet fahrlässige Tötung und es drohen Haftstrafen zwischen drei Monaten und zwei Jahren sowie Geldbußen zwischen 500 und 10.000 Euro. Vor Gericht stehen zwei zentrale Fragen im Fokus: Warum stürzte die Eisskulptur in sich zusammen? Und: Warum gab es keinen Absperrbereich hinter dem Kunstwerk?
Lydie Polfer nicht mehr ganz so sicher
Beide Aspekte stehen im direkten Zusammenhang mit Emrans Tod. Jedoch werden viele der Aussagen aus der Ermittlungsakte, über die Reporter.lu letztes Jahr berichtet hatte, vor Gericht etwas verwässert oder in eine andere Richtung gelenkt. Angefangen mit Bürgermeisterin Lydie Polfer (DP), die als erste Zeugin vor die Richter trat. Hatte sie noch im Januar 2022 den Beamten der Kriminalpolizei gesagt, dass ihre Verwaltung „Evénements, Fêtes et Marchés“ (EFM) alleinig für die Sicherheit des Weihnachtsmarkts verantwortlich war, so war sie vor Gericht weniger eindeutig: „Es hat Mehrdeutigkeiten gegeben darüber, wer für die Sicherheit zuständig ist“, so die liberale Politikerin.
Herr Girault war eigentlich glücklich mit der Platzierung, denn sie gab seinen Skulpturen eine größere Sichtbarkeit.“Serge B., ehemaliger LCTO-Angestellter
Eigentlich sollte es klar sein: Das EFM organisiert den Weihnachtsmarkt und die gesamten Veranstaltungen des „Winterlights“-Programms. Das LCTO – ein Verein, der den Großteil seiner Gelder von der Stadt bekommt – ist nur Zulieferer. Laut internen Regeln, deren Protokolle Reporter.lu vorliegen, kam es 2017 zu einem „Splitting“. Darin wurde festgehalten, dass sich das LCTO nur noch um die Einladung, Bezahlung und Verpflegung der Künstler kümmern sollte. Alles andere sei Sache des EFM …
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