Nach dem Völkermord an den Tutsi in Ruanda wurde Belgien zum Zufluchtsort für Opfer und Täter gleichermaßen. Verantwortliche des Genozids und deren Sympathisanten können so bis heute ein verzerrtes Geschichtsbild verbreiten. Ihre Spuren führen auch nach Luxemburg.

Brüssel, neun Uhr abends. Jeanne* ist spät dran, der Babysitter wartet. Sie sollte eigentlich längst zu Hause sein. Sie entscheidet, ein Taxi zu nehmen, will Zeit sparen. Jeanne öffnet die Tür, grüßt den Fahrer. „Er sieht ruandisch aus“, denkt sie. Der Fahrer erwidert ihren Gruß nicht; reagiert auch nicht, als sie ihre Adresse nennt. Er würdigt sie keines Blickes und fährt los. Auf einmal stimmt er ein Lied an, er singt in Kinyarwanda, einer Sprache Ruandas.

Jeanne erstarrt vor Angst. Sie kennt die Melodie. Es ist eins der Lieder, das die Täter des ruandischen Völkermordes anstimmten, während sie Tutsi ermordeten. Jeanne senkt den Blick. Sie weiß, sie muss die Fahrt über sich ergehen lassen. Aus den Augenwinkeln sieht sie, wie der Fahrer sie durch den Rückspiegel ansieht, während er immer weiter singt. Die Botschaft ist klar: Die Arbeit ist noch nicht getan. Die Arbeit, das ist der Völkermord an den Tutsi, bei der auch Jeannes Familie getötet wurde. Sie selbst konnte entkommen. Doch die Angst bleibt.

Von Ruanda nach Belgien

Etwa 13.000 Personen ruandischer Herkunft leben in Belgien. Die meisten von ihnen kamen nach dem Völkermord als Schutzsuchende ins Land. Zunächst waren es die ruandischen Eliten, ehemalige Minister und hohe Beamte unter Juvénal Habyarimana, sowie wichtige Mitglieder seiner Partei, der Nationalen Republikanischen Bewegung für Demokratie und Entwicklung (MRND).

„Die Drahtzieher des Genozids fassten hier sehr schnell Fuß. Sie dachten wohl, sie müssten sich nie für ihre Taten verantworten. In den 1950er und 1970er Jahren konnte man in Ruanda schließlich auch ungestraft Tutsi umbringen“, erzählt Bernadette Mukagasana, die 1994 fast ihre gesamte Familie verloren hat. Nur ihr Bruder hat den Völkermord überlebt. Seitdem setzt sich Bernadette dafür ein, dass die Täter des Genozids nicht ungestraft davonkommen. Der Erfolg ließ lange auf sich warten. Erst 2001 kam es in Brüssel zum ersten Prozess: Zwei Ordensschwestern, ein Intellektueller und ein Notar mussten sich wegen ihrer Beteiligung am Völkermord verantworten.

Die ehemaligen ruandischen Machthaber leerten die Staatskassen, bevor sie sich in den Kongo (damals Zaire) und später nach Europa absetzten. Sie verfügten über die nötigen Mittel, um Ruandas neuer Regierung und in vielen Fällen der Justiz zu entkommen. Die meisten haben den Völkermord nicht selbst ausgeführt, sondern ihn geplant oder finanziert. Belgien hat einige Täter gefasst. Doch es kam nur vereinzelt zu Prozessen. Der letzte fand 2019 statt …