Prognosen sind eine schwierige Sache, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. Das bekannte Bonmot von Mark Twain hinderte die REPORTER-Redaktion nicht daran, es dennoch zu versuchen. Wir präsentieren: die ultimative, nicht ganz todernst gemeinte Voraussage für den Wahltag.

Von Christoph Bumb, Laurent Schmit und Michèle Zahlen

Szenario 1: Eine zweite Chance für „Gambia“

14. Oktober 2018, 23.10 Uhr: Die Sensation ist perfekt. Das letzte Wahlbüro in Esch/Alzette hat gerade seine Resultate veröffentlicht. Schon früher am Abend bestätigte sich der Trend, dass es für DP, LSAP und Déi Gréng noch einmal reichen wird. Die Sozialisten verlieren einen Sitz, die Liberalen verteidigen ihre 13 Mandate. Mit dem Zugewinn eines Mandats durch die Grünen im Zentrum steht unter dem Strich die unveränderte Mehrheit der Regierungsparteien von 32 Sitzen. Die CSV, der in den Umfragen konstante Zugewinne von mindestens drei Sitzen vorausgesagt wurden, landet unverändert bei 23 Mandaten. Auch der in den Medien erwartete Aufwind für die ADR und die Kandidaten des „Wee 2050“ bleibt aus.

In der Nacht sprechen Xavier Bettel, Etienne Schneider und Felix Braz in einer Telefonschalte über das weitere Vorgehen. Alle drei sind sich einig, dass sie es bei diesem Wahlresultat noch einmal wagen wollen. Aufgrund des herausragenden persönlichen Ergebnisses von Bettel besteht auch kein Zweifel, dass die DP weiter den Premier stellen wird. Dieses Mal bedarf es für die Klärung der Führungsfrage auch keiner Zigarettenpause auf der Dachterrasse von Lucien Lux – und das liegt nicht nur daran, dass das fast schon historische Limpertsberger Penthouse, in dem die erste Auflage von Blau-Rot-Grün in der Wahlnacht des 20. Oktobers 2013 besiegelt wurde, nicht mehr im Besitz des LSAP-Politikers ist.

Beim ersten Treffen der Parteiführungen, am Montagmittag in den Räumen der DP-Fraktion, überwiegt dann die Euphorie. „Gambia ist noch lange nicht tot“, hatte Etienne Schneider schon am Wahlabend in die Mikrofone von „RTL“ posaunt. Nach wenigen Minuten der ersten Sondierungsrunde meldet sich jedoch ein gewisser Alex Bodry zu Wort und gibt zu bedenken, dass man zum Regieren, wenn schon kein gemeinsames Projekt, dann doch zumindest ein Koalitionsprogramm brauche. „Wat maache mer dann elo eigentlech?“, so die rhetorische Frage des LSAP-Fraktionschefs.

Bettel, Schneider und Braz wiegeln ab und verweisen auf die nächsten Tage. Das gemeinsame Programm werde sich schon finden. Später einigen sich die Parteien dann auf programmatische Eckpunkte, darunter eine großzügige Steuerreform für Mittelschicht und Betriebe, eine Erhöhung des Netto-Mindestlohns um 50 Euro, eine Arbeitsgruppe zur Prüfung einer vollständigen Individualisierung der Einkommensteuer, eine Impaktstudie zur Realisierung eines kostenlosen öffentlichen Transports und eine Taskforce für die administrative Vereinfachung.

Bei der CSV herrscht dagegen Katerstimmung. Michel Wolter sagt in einem Exklusiv-Interview im „Wort“, dass „Gambia“ schon wieder nicht den „Wählerwillen“ respektiere, ihm aber mittlerweile „alles sowieso egal“ sei. Jean-Claude Juncker wird bei „Reuters“ mit den Worten zitiert: „Das mit der Demokratie ist eben so eine Sache…“ Viviane Reding kündigt dagegen an, 2019 wieder bei den Europawahlen zu kandidieren. Luc Frieden ist für ein Statement nicht erreichbar.

Claude Wiseler tritt einige Tage nach den Wahlen als Fraktionsvorsitzender zurück und will sich – Zitat – „verstärkt meiner Familie widmen“. Auch Parteichef Marc Spautz stellt sein Amt zur Verfügung. Martine Hansen und Laurent Zeimet übernehmen die Führung von Partei und Fraktion. Beide warnen davor, dass die CSV sich jetzt endlich wirklich erneuern müsse, sonst laufe man Gefahr, „auf absehbare Zeit in der Opposition zu sein“.

Szenario 2: Premierminister Etienne Schneider

„Ech sot et iech dach!“ Als Etienne Schneider am Abend des 14. Oktober 2018 vor seine Genossen tritt, kommt er aus dem Strahlen nicht mehr heraus. Er habe gerade mit „Xav“ und „Felix“ telefoniert und man sei sich einig, dass LSAP, DP und Déi Gréng Sondierungsgespräche aufnehmen wollen. Wenige Minuten zuvor war sicher, dass die Sozialisten bei 13 Sitzen landen werden, die DP bei zwölf (minus 1) und die Grünen bei sieben (plus 1). Schneider hatte sofort die Initiative übernommen und noch am Wahlabend stand das Gerüst für „Gambia II“ – dieses Mal jedoch mit einem anderen Chef.

Um der DP die Fortführung der Koalition unter diesen Umständen schmackhaft zu machen, war Schneider zu einigen Kompromissen bereit. Die sozialistischen Forderungen nach Mindestlohnerhöhung und Arbeitszeitverkürzung waren schnell vom Tisch. Zudem würde man den Grünen ein Super-Nachhaltigkeitsministerium und den Liberalen das Außen-, Finanz- und Wirtschaftsministerium überlassen. Xavier Bettel, fortan Vizepremier und Außenminister, musste nicht lange überlegen. Auch der gestärkte grüne Koalitionspartner ist mit an Bord.

Dagegen wurde Jean Asselborn vor vollendete Tatsachen gestellt. Etienne Schneider bot dem langjährigen Diplomatiechef noch den Parlamentsvorsitz und die Spitzenkandidatur bei den Europawahlen an. Doch Asselborn warf frustriert das Handtuch und verabschiedete sich mit den Worten „Merde alors, Etienne“ auf eine längere Radtour.