Die Regierung von San Marino betreibt eine ambivalente Außenpolitik, die auffallend russlandfreundliche Züge aufweist. Laut westlichen Geheimdiensten soll der Kleinstaat insgeheim als Plattform für Spionageaktivitäten aus Moskau und Peking dienen.

Emmanuel Goût ist seit Langem mit Wladimir Putins Russland verbunden. Der 65-jährige Franzose war für einige der führenden Energiekonzerne Russlands tätig und half beim Aufbau des französischsprachigen Dienstes des staatlich kontrollierten russischen Fernsehsenders „RT“. Im Jahr 2020 wurde ihm durch einen Sondererlass des Präsidenten die russische Staatsbürgerschaft verliehen.

Doch trotz seiner langjährigen engen Beziehungen zum Russland von Wladimir Putin war Emmanuel Goût in den letzten zwei Jahren der diplomatische Vertreter eines westeuropäischen Staates, wenn auch eines der kleinsten. Am 7. Februar 2022, als 17 Tage vor der Invasion russische Soldaten an den Grenzen der Ukraine aufmarschierten, ernannte ihn die Republik San Marino zum Sonderbotschafter. Laut Luca Beccari, dem Außenminister des Kleinstaates, geschah dies aufgrund seiner „langjährigen Erfahrung in zahlreichen Bereichen, die für die Republik von Interesse sind“. Dennoch erscheint sein Name nicht auf San Marinos offizieller Liste seiner Gesandten, die der Öffentlichkeit über die Website zugänglich ist. Seine Ernennung wurde nur auf einem für Diplomaten reservierten Regierungsportal mitgeteilt, blieb jedoch unbestätigt.

Am 18. Juli 2023 übertrug San Marino Emmanuel Goût als seinem Botschafter in Algerien offiziellere Aufgaben. Luca Beccari erklärte in schriftlichen Antworten auf Fragen von „The Economist“, dass zum Zeitpunkt der Ernennung des Franzosen „keine anderen Staatsbürgerschaften angegeben wurden, noch ergaben sich aus intern durchgeführten Überprüfungen andere Staatsbürgerschaften“. Das Dekret, mit dem Emmanuel Goût seine zusätzliche russische Staatsbürgerschaft verliehen wird, kann auf einer Website der russischen Regierung eingesehen werden.

Diese spät gestartete Karriere als Diplomat ist ein Ausdruck der ungewöhnlichen Außenpolitik San Marinos, die Russland – und auch China – eine wenig bekannte Hintertür nach Westeuropa und insbesondere Italien geöffnet hat. Dies wirft Fragen zu den Plänen der Europäischen Union für engere Beziehungen mit der Republik auf …