Ein anderer Wochenrückblick ist möglich: Pünktlich zum Wochenende blickt unsere Redaktion mit einem Augenzwinkern auf jene Themen zurück, die uns und die Medien insgesamt beschäftigt haben. Dieses Mal: Staatsbeamte, Luxemburgs Klimapolitik und andere Pointen.

Es ist noch nicht Weihnachten und Luxemburg hat bereits seine Weihnachtsgeschichte. Am Montag fanden Polizisten einen Mann im ersten Stock des Finanzministeriums vor, der dort offenbar übernachtet hatte. Nicht, weil er an einem Plan arbeitete, um den Finanzplatz sauber zu bekommen, sondern, weil er obdachlos ist, wie das „Luxemburger Wort“ berichtete. Herzerwärmend wurde die Geschichte, als der Mann den Polizisten als Grund für seine Anwesenheit nannte: „Luc Frieden hat mich hereingelassen.“

Das ist mal „Housing first“. Klar, wenn im Ministerium Platz für die Sonnenbank des neuen Ministers Gilles Roth ist, dann ist auch Platz für Menschen, denen es gerade nicht so gut geht. Das ist Weihnachten: „der Mann mit dem kalten Herzen“ lässt Gnade walten. #NeieLuc

Die Frage ist natürlich, ob die Geschichte sich tatsächlich so abgespielt hat. Aber das ist im Grunde nicht so wichtig. Mit dem Erfolg dieser Regierung ist es wie mit dem Weihnachtsmann: Man muss nur ganz fest dran glauben. So wie die CSV-DP-Koalition an ihre Steuergeschenke, die sich wundersamerweise von selbst finanzieren. Dafür scheint dann Luc Frieden sich sicherheitshalber einen Schlüssel fürs Finanzministerium aushändigen haben zu lassen.

Bestversorgtes Stiefkind der Welt

Angesichts solcher Geschichten fühlen sich die Staatsbeamten natürlich völlig vernachlässigt. Als Stiefkind neben dem verhätschelten verlorenen Sohn. Gut, von ihrem Gehalt können sie sich als Einzige noch eine Wohnung oder gar ein Haus leisten.

Die Arbeitskonditionen beim Staat seien auch „effektiv net schlecht“, gab Beamtenvertreter-in-Chief Romain Wolff diese Woche im Radio zu. Aber nur, um dann doch darüber zu jammern, dass die Politik die armen Beamten immer links liegen lässt. Punktwert-Erhöhung, Steuerentlastung, Homeoffice-Gesetz: Es sei nun Schluss mit der Zurückhaltung, so der Tenor des Chefgewerkschafters. Nach dem Motto: Wenn Weihnachten uns eines lehrt, dann: Wenn man alles hat, will man trotzdem noch mehr.

Und in der Tat: Bekanntlich nagen vor allem die Bediensteten des Staates am Hungertuch. Manche können sich sogar die Staatskantine nicht mehr leisten und müssen deshalb in ein richtiges Restaurant essen gehen.

Dass Staatsbeamten zu wenig verdienen: Das ist jedenfalls das wirkliche Drama und das dringendste soziale Problem unserer Zeit. So sieht es zumindest die Satire-Vereinigung CGFP. All jenen, die jetzt denken „Geht’s vielleicht auch eine Nummer kleiner, Romain?!“, denen sei versichert: Vielleicht überzieht die CGFP ihre Forderungen manchmal im Ton. Andererseits: Satire darf alles!

Nur Spesen in Dubai

Und das ist auch gar kein Problem, wie wir aktuell bei der Weltklimakonferenz lernen. Wir können einfach weitermachen wie bisher und das CO2 irgendwie auffangen. Wenn die Erderhitzung weit genug fortgeschritten ist, dann wird uns vielleicht was einfallen, wie das tatsächlich auch konkret geht.

Es ist auf jeden Fall die Klimakonferenz (COP) mit den meisten Teilnehmern –knapp 100.000 sollen es sein. Man muss dazu sagen: Sie nehmen auch jeden. Selbst Luxemburgs Klimaminister Serge Wilmes reist gleich zweimal an. Dabei ist er noch gar nicht „im Dossier“, wie er „RTL“ anvertraute. Die LSAP kritisierte ihn dafür, dass er gleich zweimal hin- und zurückfliegt. Und nicht klar sei, was seine Position überhaupt ist.

Das erste, exklusive Foto von Klimaminister Serge Wilmes auf der „COP“. (Foto: Eric Engel)

Aber das ist unfair. Man muss auch mal gönnen können. Mit Serge Wilmes, Paul Galles und Franz Fayot hat Luxemburg einfach seine beste „Middle-aged Boyband“ nach Dubai geschickt. Quasi eine seichte Eingreiftruppe.

Bei Firlefranz kann man sich natürlich auch fragen, was seine Position im Klimaschutz ist. Als sozialistischer Wirtschaftsminister schwankte er zwischen Wachstum und Postwachstum. Aber der Trip zur COP ist auf jeden Fall eine gute Gelegenheit, die Spesenpraxis des Parlaments zu testen. Dubai ist dafür der ideale Ort.

Firlefranz‘ Vorgänger Etienne war ein paar Tage früher in Dubai für den informellen Teil der Klimakonferenz – das Formel-1-Rennen. Um Spesen musste er sich dabei nicht sorgen. Er war eingeladen in der Loge des sehr respektablen deutschen Unternehmers Dennis Uitz. Aber hey, ist der Ruf erst ruiniert …

Ein kleiner Fehler

Wenn wir Glück haben, dann hat auch Serge in seinen ersten 100 Tagen die 200 Maßnahmen des Luxemburger Klimaplans durchgelesen. Ein strammes Pensum. Da ist Xav besser dran. Aus seinem alten Job kennt er die Weltlage samt aller Krisenherde bestens … also zumindest die zwei ersten Absätze der Briefings seiner Beamten.

Xav macht einfach da weiter, wo er aufgehört hat – knapp vor dem Friedensnobelpreis. „Ich hatte eine gute Beziehung zu Wladimir Putin“, gestand Xav der Weltöffentlichkeit. „He told me about de Naysis (sic)“. „Es ist nie zu spät einzusehen, dass man einen großen Fehler gemacht hat. Hört einfach auf!“, erzählte er den erstaunten Delegierten der OSZE.

Es ist auch einfach so schnell passiert: Kurz nicht aufgepasst und du stehst mit deiner ganzen Armee im Nachbarland. Aber klar, Fehler passieren. „Einen Krieg zu starten, ist einfach. Aber den Krieg zu Ende zu bringen, das zeigt, wie Leader wirklich sind“, philosophierte Xav. #MerdeAlors

Man sieht: Jang ist nicht mehr Außenminister und trotzdem besteht die Luxemburger Außenpolitik noch immer aus medialen Stunts, nicht zu viel Sachkenntnis und einer guten Dosis Naivität in der Russlandpolitik. Es ist schön, dass manches einfach bleibt, wie es ist.

Unfaires Lydie-Bashing

Außenpolitik ist sowieso was für Memmen. Richtig zur Sache geht es in der Innenpolitik.. „Wenn Lydie Polfer noch sechs Jahre so weitermacht, ist die Stadt kaputt“, zitiert das „Lëtzebuerger Land“ den Fränz Bausch. Es geht um sein Baby, die Tram. Iron Lydie will partout nicht Autos für den Ausbau dieses Fortbewegungsmittels für Arme opfern.

Lydie versteht die Kritik der Grünen nicht. Sie lässt das einfach an sich abperlen. Die Zusammenarbeit sei immer gut gewesen, mit Sam Tanson zusammen habe sie die Farben der Straßenbahn ausgesucht. „Mir hunn den allerschéinsten Tram“, lässt sie sich im „Land“ zitieren.

Déi Gréng machen Iron Lydie aber auch für alles verantwortlich: von der Wohnungsnot über Sicherheit bis Verkehrschaos. Ein wahres Lydie-Bashing. Dabei regiert sie die Stadt ja erst knapp vier Jahrzehnte. Da muss man ihr doch erst mal Zeit zum Eingewöhnen geben.

Lifestyle testen

Ungerecht behandelt fühlte sich kürzlich auch Martine Dieschburg-Nickels. Die DP-Gemeinderätin aus Strassen wehrte sich gegen unsoziales Verhalten in ihrer Gemeinde. Dort wurde dieser Tage ein Tiny House eingeweiht. Doch wer in den Edel-Verschlag einziehen will, darf nicht mehr als 100.000 Euro im Jahr verdienen. „Diskriminierend“ sei diese Einkommensobergrenze, befand die liberale Rätin. Denn, so Martin Dieschburg-Nickels, durch diese Klausel schließe man jene Menschen aus, die ein Interesse haben, diesen Lebensstil einmal zu testen.

Für diese Vorkämpferin des „Slumming“, hat die Retrospect-Redaktion weitere Armuts-Rollenspielideen: Wieso nicht einmal mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren statt mit dem Süvchen? Oder eine Nacht in der „Wanteraktioun“, ganz umsonst? Für die Feiertage empfehlen wir einen Besuch bei der Weihnachtsfeier der „Stëmm vun der Strooss“. Mit etwas Glück bedient Sie sogar der neue Außenminister Xavier Bettel.

Und wer weiß, vielleicht behält François Bausch sogar recht und Lydie Polfer fährt die Hauptstadt wirklich gegen die Wand. Dann könnte für manchen DP-Wähler aus dem spontanen Lifestyle-Check ganz schnell ein neuer, permanenter Lebenswandel werden. #DreamBig


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