Immer weniger junge Erwerbstätige können sich in Luxemburg eine Wohnung leisten. Deshalb zieht es sie zunehmend über die Grenze. Die Regierung erkennt das Problem der „atypischen Grenzgänger“ zwar an, verweist aber auch auf den „offenen Markt“ der Großregion.

An der deutschen Moselseite, ein paar Kilometer flussaufwärts von Grevenmacher, liegt das beschauliche Dorf Nittel. Seit Jahrhunderten als Weinort bekannt, erweist es sich heute als Musterschauplatz für das Phänomen der „atypischen Grenzgänger“: Luxemburger, die ins Ausland ziehen, aber weiterhin in der Heimat arbeiten und jeden Tag hin- und herpendeln. Bei der Ankunft fällt sofort die Anzahl der gelben Nummernschilder auf; sie sind zwar in der Unterzahl, aber quasi in jeder Straße vertreten. Besonders viele stehen in der Moselstraße, von wo aus man nach Westen einen schönen Blick auf das Großherzogtum werfen kann.

Ein Passant, der seit knapp 20 Jahren in Nittel lebt, empfindet sein Leben als sehr angenehm. Er stamme aus der Nähe von Grevenmacher, wo immer noch viele Freunde und Familienmitglieder leben würden, und arbeite in Potaschberg, erzählt der Mann. Damit habe er „das Beste aus beiden Welten vereint“, sagt er mit einem Schmunzeln.

Auf der Terrasse eines Winzerhofs genießen zwei Deutsche ihren Feierabend. Einer von ihnen arbeitet in Luxemburg und findet es merkwürdig, dass er bei der Arbeit kaum Luxemburgern begegnet, sie dann aber daheim beim Bäcker oder in der Kneipe antrifft. Der andere murrt, dass durch die Luxemburger im Dorf alles teurer werde, weil diese bereit seien, nahezu jeden Preis zu zahlen.

Der hier beobachtbare Trend zur Abwanderung über die Grenze zeugt in der Tat nicht nur von der Attraktivität des postkartenreifen Nittel. Er deutet auch auf die sozialen und wirtschaftlichen Realitäten auf der anderen Seite der Mosel hin. In jenem Land, das vielen Grenzgängern einen lukrativen Job, aber manchen Einwohnern kein Dach mehr über dem Kopf bieten kann, das sie sich leisten können. Für immer mehr Luxemburger ist die Lösung im wahrsten Sinn des Wortes naheliegend: Sie werden zu Grenzgängern im eigenen Land.

Die Schere zwischen Löhnen und Wohnkosten

Dabei ist die in Luxemburg herrschende Wohnungskrise genauer genommen eine Krise der Wohnraumerschwinglichkeit. Miet- und Kaufpreise schießen in die Höhe, während die Löhne hinterherhinken. Über die letzten 20 Jahre ist das Medianeinkommen im Großherzogtum um 71 Prozent gestiegen, der Quadratmeterpreis im gleichen Zeitraum jedoch um sage und schreibe 316 Prozent. Diese Entwicklung hat ihren Ursprung im stetigen wirtschaftlichen Aufschwung seit den 1980er Jahren. Sie beschleunigte sich seitdem stetig und erklärt die anhaltende Notlage auf dem Wohnungsmarkt.

In der Großregion gibt es Angebote auf dem Immobilienmarkt, die in einzelnen Fällen den finanziellen Möglichkeiten, den Lebensmodellen oder den individuellen Erwartungen der Leute besser entsprechen.“Wohnungsbauminister Claude Meisch

Denn während viele Luxemburger als Wohnungseigentümer durch die Preissteigerung profitieren, bleiben andere Einwohner auf der Strecke. Besonders die Löhne von Berufseinsteigern können heute kaum noch ein eigenständiges, lebenswertes Dasein im Land garantieren …