Fünf Polizisten der Bahnhofswache müssen sich vor Gericht verantworten. Recherchen von Reporter.lu enthüllen ein System von mutmaßlicher Polizeigewalt, inoffiziellen Hierarchien und Beamten, die sich als „Elite“ in einem „Krieg“ verstanden.

Wie ein wiederkehrender Schatten legen sich im Sommer 2023 die Vorwürfe über die Polizeieinheit der Bahnhofswache in der Hauptstadt. Ermittler der Generalinspektion der Polizei verhaften damals vier Mitglieder des Kommissariats. Die Anschuldigungen wiegen schwer: Der Beamte Tom D. soll am 20. Mai 2023, im Beisein seiner Kollegen Rick S. und Joe K., einen betrunkenen Mann in einer Zelle mehrfach geschlagen haben. Später soll ein Vorgesetzter, André A., am Versuch beteiligt gewesen sein, die Tat zu vertuschen.

Diese Woche sollte vor dem Bezirksgericht Luxemburg der Prozess gegen die vier suspendierten Beamten beginnen. Das Verfahren war auf drei Tage angesetzt. Am Mittwoch wurde die Verhandlung jedoch auf April 2026 verschoben.

Drei der Beschuldigten, und ein weiterer Polizist, müssen sich dabei auch wegen weiterer mutmaßlicher Verfehlungen im Dienst verantworten. Die Anklagepunkte lauten auf Folter, Körperverletzung, Fälschung und Justizbehinderung. Sie richten sich in unterschiedlichem Ausmaß gegen die beschuldigten Beamten.

Hinter der „Mauer des Schweigens“

Laut den Ermittlungen der „Inspection générale de la police“ (IGP) soll es sich bei den Vorfällen allerdings nicht um vereinzelte Entgleisungen handeln. Neue Recherchen von Reporter.lu weisen vielmehr auf ein größeres Ausmaß der Affäre hin, womit die Frage der Verantwortung für die Missstände stärker in den Fokus rückt. Demnach sollen diverse Fehlverhalten innerhalb der Bahnhofswache über Jahre hinweg zumindest geduldet worden sein.

Genau zu diesem Schluss kommt die Generalinspektion in ihrem Abschlussbericht zu den Vorfällen von 2023. Laut dem Bericht, den Reporter.lu einsehen konnte, sei es in der Bahnhofswache „im Laufe der Zeit zu deontologisch äußerst verwerflichem Fehlverhalten“ gekommen. Die Ermittler der IGP stellen darin schonungslos fest: Regelmäßig seien Dienstanordnungen missachtet worden und es sei seitens der Beamten zu Straftaten gekommen, „die ausschließlich durch die Art und Weise, wie diese Dienststelle geführt wurde, möglich waren“.

Hiermit soll nicht angedeutet werden, dass die Polizeiführung Kenntnis über die dort verübten Straftaten hatte, jedoch hat man die Problematik sicherlich unterschätzt.“Ermittlungsbericht der IGP

In dem betreffenden Auszug des Berichts der IGP stehen weniger die mutmaßlichen Verfehlungen der Angeklagten im Mittelpunkt als strukturelle Missstände der am Hauptbahnhof stationierten Polizeieinheit. Besonders kritisch hervorgehoben werden hier Verstöße gegen die Drogengesetzgebung, der Umgang mit jungen Beamten sowie eine regelrechte Kultur der Verschwiegenheit.

Selbst schwerwiegendere Verfehlungen seien jedenfalls nicht nach außen getragen worden. Innerhalb der Einheit habe ein ausgeprägter Zusammenhalt und eine fehlgeleitete Loyalität geherrscht. „Was auf dem C3R-Gare passiert, bleibt auch dort“, fasst es der IGP-Bericht zusammen. Bei ihren Untersuchungen seien sie denn auch häufig auf eine „Mauer des Schweigens“ gestoßen, so die Ermittler. Einige Beamte hätten sich hingegen durch ein bemerkenswert schwaches Erinnerungs- oder Wahrnehmungsvermögen ausgezeichnet.

Tätowierter Hai als Erkennungszeichen

Das Identitätsgefühl innerhalb der Einheit soll laut dem Bericht der IGP stark ausgeprägt gewesen sein. Einige Beamte ließen sich sogar das Logo der Dienststelle, einen Hai, tätowieren. „Sie fühlen sich als eine Elite und die besten Polizeibeamten aus dem Land, mit den meisten Verhaftungen und der meisten Arbeit“, schreiben die Ermittler …