Ein Beamter verletzte 2019 einen wehrlosen Mann schwer und versuchte anschließend mit Kollegen, die Tat zu vertuschen. Sechs Jahre später müssen sie sich vor Gericht verantworten – in einem Prozess über falsch verstandene Loyalität und das Schweigen in Uniform.

In den meisten Gerichtsverhandlungen kann eine Tat nur mit Worten rekonstruiert werden – durch Zeugenaussagen, Protokolle, Erinnerungen. Doch in diesem Fall ist es anders: Im Saal 1.10 des Bezirksgerichts Luxemburg läuft die Tat über eine riesige Leinwand. Ohne Ton, in kaltem Licht zeigen die Aufnahmen zweier Überwachungskameras, was am 16. Februar 2019 in einer Garage des „Centre hospitalier Emile Mayrisch“ (CHEM) in Esch/Alzette geschah – wie der Polizist Nicolas H. mit einem Schlag nicht nur die Knochen eines wehrlosen Mannes, sondern auch das Gesetz brach.

Mitte Oktober sitzt der inzwischen 41-Jährige nicht allein auf der Anklagebank, sondern mit vier seiner ehemaligen Kollegen. Unter der hohen Decke des großen Verhandlungssaals des Bezirksgerichts wirken die drei Männer und die zwei Frauen klein. Ihr Blick ist gesenkt, ihre Schultern eingefallen, als laste die Schwere der Vorwürfe auf ihren Körpern. „Den Här B. hätt kéinte stierwen“, hält der vorsitzende Richter den Angeklagten mehrfach während der Verhandlung vor.

Die fünf suspendierten Polizisten müssen sich vor der zwölften Kriminalkammer wegen eines Gewaltexzesses im Dienst und anschließender Vertuschungsversuche verantworten. Sie sind angeklagt wegen Fälschung, Justizbehinderung und unterlassener Hilfeleistung. Nicolas H. droht als Haupttäter das höchste Strafmaß von bis zu 20 Jahren Haft. Er steht zusätzlich wegen Folter und schwerer Körperverletzung vor Gericht.

Gefesselt, erschöpft, ausgeliefert

Während der drei Verhandlungstage wird schnell klar: Für das, was geschah, gibt es keine einfache Erklärung – und keine Entschuldigung. Überlastung mag eine Rolle gespielt haben, dass bei Nicolas H. im Februar 2019 die Sicherungen durchbrannten. Bei seinen Kollegen war es wohl ein falsch verstandener Zusammenhalt innerhalb der Polizei, der sie dazu brachte, die Tat zu vertuschen – und das Leben eines Mannes aufs Spiel zu setzen. Doch all das erklärt nur einen Teil. Die größere Frage bleibt, ob nicht auch Strukturen innerhalb der Polizei die Tat begünstigt haben. Und ob es sich um einen Einzelfall handelt.

Sechs Jahre liegen die Ereignisse nun zurück. Ihren Anfang nahmen sie den Ermittlungen zufolge im Februar 2019 mit einem Routineeinsatz im „Café Gambrinus“ in der Rue Jean-Pierre Bausch in Esch/Alzette. Die Polizei war wegen einer Schlägerei dorthin gerufen worden. Als die Beamten eintrafen, hatte sich die Situation bereits weitgehend beruhigt.

Wa mir dat, wat e Polizist schreift, net méi gleewe kënnen, da kënne mir hei apaken.“
Vorsitzender Richter

Mohamed B. saß oben ohne im hinteren Bereich des Cafés. Er war sichtlich betrunken, weshalb die Einsatzkräfte beschlossen, ihn in Gewahrsam zu nehmen. Die Nacht sollte der Mann in einer Ausnüchterungszelle im Escher Kommissariat verbringen. Zuvor brachten ihn die Beamten jedoch ins CHEM-Krankenhaus, wo ein Arzt seine Haftfähigkeit bescheinigen sollte.

Dort, in einer Garage für Rettungsfahrzeuge, hängen die Kameras, die später zur wichtigsten Beweisquelle werden. Die Aufnahmen beginnen, als der Polizeibus in die Garage fährt …