Eine tödliche Messerattacke in Bonneweg sorgte 2021 für Empörung im Land. Fünf Jahre später beleuchtet der Prozess den Vorfall, der einem jungen Mann das Leben kostete. Dabei sind die Umstände der Tat banaler, als es damals von der Politik suggeriert wurde.

Alles beginnt mit einem unwahrscheinlichen Zufall. Drei Jugendliche vertreiben sich den Nachmittag des 26. Januar 2021 auf der Internetseite „Ome.tv“. Die Plattform verspricht, Menschen aus der ganzen Welt zufällig miteinander zu verbinden, eine Art Kennenlern-Roulette. Doch dieses Mal wird die Welt ganz klein.

Zwei Freunde in Howald werden mit einem dritten Nutzer in Bonneweg verbunden. Dieser hält sein Handy in Richtung Decke, damit die anderen sein Gesicht nicht erkennen sollen. Er hat die beiden nämlich direkt erkannt, sie besuchen dasselbe Lyzeum. Bereits kurze Zeit später beginnen wüste Beschimpfungen. Kurz danach erzählt er weiteren Freunden von der Begegnung in der App. Die Freunde, darunter das spätere Opfer Rafael C., planen eine List, um der „Gegenseite“ eine Lektion zu erteilen.

Wenige Stunden später ist Rafael C. tot. Der 18-Jährige erliegt in der Cour du Couvent im Bonneweger Ortskern einer Stichverletzung ins Herz. Was genau zwischen der virtuellen Zufallsbegegnung und dem Messerstich passierte, beschäftigte jetzt Mitte Oktober die 13. Strafkammer des Bezirksgerichts Luxemburg.

Der Fall schlägt damals sofort hohe Wellen. Er dominiert in den Folgetagen die mediale Berichterstattung. Der damalige CSV-Abgeordnete und heutige Minister für innere Angelegenheiten, Léon Gloden, beantragt im Parlament eine Aktualitätsstunde zu dem Thema. In der anschließenden öffentlichen Diskussion in den sozialen Medien vermischen sich Fragen zur Messergewalt mit Bandenkriminalität und einer möglichen Abrechnung zwischen Jugendgangs.

Rafael, Shayne und die Anderen

Die Wirklichkeit ist dabei weniger spektakulär. Oder wie es die Anwältin eines der Beteiligten am letzten Prozesstag resümierte: „Aus einer Banalität wurde Gewalt.“ Es ist eine Sichtweise, die auch mehrere Zeugenaussagen vor Gericht widerspiegeln. Eine Frau, die über einer Bäckerei mit Blick auf den Tatort wohnt, beobachtet damals die Auseinandersetzung. Als sie ihren Mann darauf hinweist, gibt der sich lakonisch: „Das ist hier so.“

Das sieht auch ein anderer Mann so, der nach der Arbeit Freunde im Viertel besuchen will. Für ihn ist der Streit auf den ersten Blick nichts Besonderes. Der gebürtige Italiener sagt vor Gericht aus, dass es für ihn im Vorbeigehen nach einem normalen „Kids fight“ ausgesehen habe – in seiner Heimat nichts Besonderes. Doch dann sieht er das Messer: „Ich weiß, was man in solchen Situationen zu tun hat. Zuerst sich selbst in Sicherheit bringen und dann die Polizei verständigen.“

Et war net gewollt. Ech entschëllege mech fir déi Situation.“
Angeklagter Shayne H. vor Gericht

Die Ernsthaftigkeit der Situation wird auch der Zeugin aus dem Apartment erst durch das Messer bewusst. „Ich sah, wie einer ein Messer rausholte und zustach. Da sagte ich zu meinem Mann: ‚Da ist jemand niedergestochen worden‘, woraufhin er meinte: ‚Du spinnst‘.“  Das Paar geht nach unten und versucht, zu helfen. Zufällig sind auch zwei Mitarbeiterinnen eines Pflegedienstes in der Nähe. Sie leisten Erste Hilfe. Vergebens …