Beleidigungen, Drohungen, körperliche Übergriffe: Für viele Polizisten gehört all dies zum Alltag. Eine interne Untersuchung offenbart nun, warum viele Vorfälle nie in der offiziellen Statistik auftauchen – und warum es kaum eine einfache Lösung des Problems geben kann.

Als Polizisten an einem Nachmittag im September 2025 vor einem Café in Esch eintreffen, geht es zunächst um einen Streit zwischen Kunden. Wenige Minuten später kämpfen sie in einer Wohnung mit einem Mann, der sich seiner Festnahme widersetzt. Einer der Beamten wird dabei so schwer am Kiefer verletzt, dass er mehrere Tage arbeitsunfähig ist. Ein Kollege erleidet eine Verletzung im Halsbereich.

Auch neun Monate zuvor beginnt im hauptstädtischen Bahnhofsviertel alles mit einer Auseinandersetzung. Ein Mann zückt in der Rue de Strasbourg ein Messer und bedroht mehrere Personen. Als die Polizei ihn festnehmen will, beißt er einem Beamten in die Hand und behauptet, an HIV und Hepatitis C erkrankt zu sein. Das stellt sich später als falsch heraus. Doch wegen der Bissverletzung fällt der Polizist dennoch fünf Tage aus.

Beide Angreifer mussten sich in diesem Jahr vor Gericht verantworten. Beide wurden in erster Instanz zu Haftstrafen ohne Bewährung verurteilt. Der Mann, der in Esch gegen Polizisten handgreiflich wurde, muss ein Jahr ins Gefängnis. Jener, der dem Beamten in die Hand biss, wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt. Gegen dieses Urteil kann noch Berufung eingelegt werden.

Es sind Einzelfälle, doch sie reichen weit über die Gerichtssäle hinaus. Sie stehen stellvertretend für durchschnittlich rund 90 Fälle von sogenannten Rebellionen, die jährlich registriert werden. Noch häufiger werden Polizisten beleidigt: Rund 260 Mal pro Jahr erstatten Beamte Anzeige wegen Verunglimpfung. Auch im rezenten Prozess wegen mutmaßlicher Polizeigewalt gegen ehemalige Beamte der früheren Bahnhofswache erklärten Angeklagte und Zeugen, regelmäßig mit Anfeindungen und auch körperlichen Angriffen konfrontiert gewesen zu sein. Von der Justiz hätten sie sich diesbezüglich im Stich gelassen gefühlt.

Zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit

Doch spiegeln diese Aussagen sowie auch die offiziellen Zahlen die Realität auf der Straße tatsächlich wider? Um unter anderem diese Frage zu beantworten, hatte Innenminister Léon Gloden (CSV) bereits Anfang 2025 die „Inspection générale de la police“ (IGP) mit einer umfassenden Untersuchung zu Gewalt gegen Polizeibeamte beauftragt. Kernstück der Studie ist eine Befragung von 392 Polizistinnen und Polizisten – rund 18 Prozent der infrage kommenden Beamten. Die wichtigsten Ergebnisse wurden im Mai 2026 im zuständigen parlamentarischen Ausschuss vorgestellt. Der vollständige, 192 Seiten lange, Bericht blieb öffentlich nicht zugänglich. Reporter.lu liegt er aber vor.

Für viele Polizisten bedeutet das Ausbleiben einer strafrechtlichen Reaktion einen Mangel an institutioneller Anerkennung ihrer Arbeit.“Auszug aus der IGP-Studie

Die Studie zeichnet das Bild eines Berufsalltags, in dem Anfeindungen und Gewalt für viele Einsatzkräfte zur Normalität geworden sind. 97 Prozent der Befragten geben an, im Laufe ihrer Karriere mindestens einmal Opfer von Beleidigungen, Gewalt, Widerstand oder Befehlsverweigerung geworden zu sein. Fast zwei Drittel waren allein in den vorangegangenen zwölf Monaten von mindestens einem solchen Vorfall betroffen. Mehr als jeder zweite Beamte erlitt dabei Verletzungen, fast jeder dritte war zeitweise arbeitsunfähig. Nach besonders schweren Übergriffen berichten knapp 40 Prozent zudem von psychischen Belastungen …