Rohe Gewalt, kollektives Schweigen und Führungsversagen: Im Prozess gegen Beamte der Bahnhofswache geht es um mehr als die Aufarbeitung eines einzelnen Übergriffs. Recherchen von Reporter.lu liefern neue Details über die Hintergründe eines Polizeiskandals.

Es war die Polizei. Der Vorwurf steht von Anfang an im Raum, doch bleibt er zunächst folgenlos. Als ein Arzt am Abend des 20. Mai 2023 den alkoholisierten und verletzten Fernando V. in der hauptstädtischen Bahnhofswache untersucht, berichtet dieser von Schlägen durch Polizisten. Der Mediziner dokumentiert die Verletzungen, meldet den Verdacht jedoch nicht. Stattdessen bescheinigt er dem damals 43-Jährigen die Haftfähigkeit und Fernando V. verbringt die Nacht in einer Arrestzelle im Zentralkommissariat in Verlorenkost.

Das ärztliche Attest liest sich wie ein Protokoll erlittener Gewalt: Nasenbluten, Verdacht auf einen Nasenbeinbruch, ein geschwollenes Auge, Schmerzen im Rücken- und Rippenbereich sowie Rötungen. Später sagt der Mediziner Ermittlern der „Inspection générale de la police“ (IGP), die Verletzungen seien „ganz frisch“ gewesen – vermutlich nur wenige Stunden alt. Sie könnten kurz vor oder während der Festnahme entstanden sein.

Die Ermittlungen der Generalinspektion zeichnen jedoch ein anderes Bild. Nicht einmal 30 Minuten vor der ärztlichen Untersuchung soll der Polizeibeamte Tom D. Fernando V. in einer Sichtzelle der Bahnhofswache misshandelt haben, im Beisein seiner Kollegen Rick S. und Joe K.. Ein Vorgesetzter, André A., soll später versucht haben, die Tat zu vertuschen.

Neuer Anlauf für Strafprozess

Von diesem Dienstag an müssen sich die vier suspendierten Beamten vor dem Bezirksgericht Luxemburg verantworten. Der Prozess war ursprünglich für Dezember 2025 angesetzt, wurde jedoch verschoben. Nach Anträgen der Verteidigung, zusätzliche Zeugen zu hören, hat das Gericht nun sieben Verhandlungstage vorgesehen.

Drei der Beschuldigten und ein anderer Polizist müssen sich in den kommenden Tagen auch wegen weiterer Vorwürfe verantworten, wie Reporter.lu bereits berichtete. Die Anklagepunkte, mit denen die zwölfte Kriminalkammer befasst ist, lauten auf Folter, Körperverletzung, Fälschung, Justizbehinderung und Verletzung von Persönlichkeitsrechten. Sie richten sich in unterschiedlichem Ausmaß gegen die insgesamt fünf angeklagten Beamten.

Weitere Recherchen von Reporter.lu offenbaren jetzt neue Details zu den Vorwürfen und geben auch Einblick in das mutmaßliche Motiv der Tat. Demnach soll Fernando V. nicht zufällig Opfer von Polizeigewalt geworden sein, sondern gezielt. Tom D. habe sich an dem Mann rächen wollen. Zu diesem Schluss kommt die Generalinspektion in ihrem Abschlussbericht zu den Vorfällen von 2023, den Reporter.lu einsehen konnte …