Die Ermittlungen rund um die Immigrationsaffäre dauern an. Recherchen von Reporter.lu zeigen, wie ein regelrechtes Netzwerk mithilfe gefälschter Dokumente und mutmaßlicher Komplizen in den Verwaltungen das Einwanderungssystem ausnutzen konnte.

Ein vereidigter Übersetzer sollte dem jungen Montenegriner den Weg zu einem neuen Leben in Luxemburg ebnen. Landsleute hatten ihn schließlich als jemanden empfohlen, der immer alles regelt. So erzählte es der damals 29-jährige Antragsteller im Sommer 2023 der Kriminalpolizei.

Nach eigenen Angaben traf der junge Mann den Übersetzer am 11. Juli 2022 in dessen Büro in Esch/Alzette, um über die Beschaffung eines Aufenthaltstitels zu sprechen. Der Übersetzer habe ihm bei diesem Treffen erklärt, dass sein Dossier „nicht gut“ sei. Um den Antrag dennoch erfolgreich durchzubringen, habe er 8.000 Euro in bar verlangt. Davon sollen 6.000 Euro für eine Person in einem Ministerium bestimmt gewesen sein, die restlichen 2.000 für seine eigenen Dienste.

Dem Antragsteller war zu diesem Zeitpunkt wohl schon klar, dass etwas nicht stimmte. Denn er zeichnete das Gespräch heimlich mit seinem Mobiltelefon auf und übergab die Aufnahme später der Kriminalpolizei. Nachdem der Übersetzer im Mai 2023 weitere 4.000 Euro für die Verlängerung des Aufenthaltstitels verlangt haben soll, erstattete der junge Montenegriner schließlich Anzeige.

Eine Anzeige als Auslöser der Affäre

Diese Strafanzeige sollte der Justiz entscheidende Hinweise liefern. Laut Informationen von Reporter.lu ist sie ein zentraler Ausgangspunkt der Ermittlungen zur Aufdeckung jener Korruptionsaffäre, die Anfang Juli durch eine Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft öffentlich wurde. Wenige Wochen nach der Anzeige beantragte die Staatsanwaltschaft jedenfalls die Einsetzung eines Untersuchungsrichters.

Schon zuvor waren erste Vorwürfe gegen Mitarbeiter der „Direction générale de l’immigration“ aufgekommen, die damals noch dem Außenministerium unterstellt war. Wie Reporter.lu exklusiv berichtete, wurde der Direktor der Behörde, Jean-Paul Reiter, bereits im Dezember 2022 in einem anonymen Brief auf den Korruptionsverdacht – und explizit auf die mögliche Beteiligung einer „kriminellen Vereinigung“ – hingewiesen. Zum damaligen Zeitpunkt fehlten jedoch noch belastbare Indizien.

Je me permets de vous contacter au sujet des malversations (pour ne pas dire ‚organisation criminelle‘, car c’est très bien organisé avec beaucoup de personnes impliquées) qui se font au Luxembourg.“
Anonymer Brief vom Dezember 2022

Die Ermittlungen zogen jedoch schnell weitere Kreise und dauern bis heute an. Wie die Justiz auf Nachfrage von Reporter.lu mitteilt, ermitteln die Strafverfolgungsbehörden gegen insgesamt 27 Beschuldigte. Die Staatsanwaltschaft geht zudem davon aus, dass mehr als 200 Menschen mithilfe illegal erlangter Aufenthaltstitel nach Luxemburg gelangt sein könnten. Bei den über drei Jahre andauernden Ermittlungen geht es daher auch um den Verdacht der unrechtmäßigen Inanspruchnahme von Sozialleistungen.

Laut dem bisherigen Ermittlungsstand wird hinter der Affäre ein organisiertes Netzwerk vermutet, das mithilfe von Fälschungen und Bestechungsgeldern über Jahre hinweg diverse Schwachstellen des Luxemburger Einwanderungssystems ausnutzte. Neue Recherchen von Reporter.lu zeigen, wie die Beschuldigten bei der ihnen angelasteten Betrugsmasche vorgingen und dabei mutmaßlich von Beamten verschiedener staatlicher Verwaltungen unterstützt werden konnten.

Drahtzieher, Helfer und Helfershelfer

Im Zentrum der Ermittlungen stehen laut Informationen von Reporter.lu drei Hauptverdächtige. Ein Unternehmer und vereidigter Übersetzer gilt als mutmaßlicher Kopf hinter der Affäre. Der Mann mit montenegrinischen Wurzeln gilt in der ex-jugoslawischen Einwanderergemeinschaft als bestens vernetzt. Auch darüber hinaus engagierte er sich als Präsident einer Vereinigung für Ausländer in Luxemburg und ließ sich gerne mit Politikern fotografieren …