Nach einem Berufsverbot behandelt ein Allgemeinmediziner wieder Patienten in seiner Praxis in der Luxemburger Oberstadt. Recherchen von Reporter.lu belegen jedoch: Die Liste seiner Vorstrafen im Ausland ist länger, als den Behörden bisher bekannt war.

Als Waël Naeseh im August 2023 die ersten Patienten empfängt, glaubt er, seine Vergangenheit hinter sich gelassen zu haben. Luxemburg ist für den Arzt eine neue Heimat, ein neues Kapitel, eine neue Chance. Denn innerhalb von rund zehn Jahren hatte der Allgemeinmediziner mehrere Praxen in der Schweiz und in Frankreich eröffnet – und wieder schließen müssen.

Doch die Schattenseiten seiner Biografie holen Waël Naeseh bald wieder ein. Am 3. Juni 2024 entzieht Gesundheitsministerin Martine Deprez (CSV) ihm die Zulassung für 18 Monate. In ihrer Begründung ist von mangelnder „Ehrbarkeit und moralischer Integrität“ die Rede. Der Arzt habe bei seinem Antrag auf Approbation wesentliche Informationen verschwiegen, so die Ministerin.

Der Hintergrund: Ärzte müssen bei einem solchen Antrag bestehende Sanktionen sowie laufende disziplinarische oder strafrechtliche Verfahren gegen sich offenlegen. Waël Naeseh tat das aber nicht. Er gab nicht an, dass zu diesem Zeitpunkt ein Disziplinarverfahren in Frankreich gegen ihn lief. Und damit verschwieg er auch die schweren Vorwürfe, um die es dabei geht: Laut den französischen Behörden sollen grobe Nachlässigkeiten des Arztes zum Tod eines ungeborenen Kindes geführt haben. Auch dass in diesem Zusammenhang bereits im Juni 2023 seine Approbation suspendiert wurde, unterschlägt der Mediziner bei seinem Antrag in Luxemburg.

Verurteilt wegen Millionenbetrugs

Inzwischen hat die Sanktion der Gesundheitsministerin jedoch keinen Bestand mehr. Der 61-Jährige behandelt seit Ende 2025 wieder Patienten in Luxemburg-Stadt. In der Rue du Fossé in der Oberstadt weist ein auffälliges Schild den Weg zu seiner Praxis. Es ist der Versuch eines weiteren Neuanfangs. Denn erneut holt den Mann seine eigene Vergangenheit ein. Recherchen von Reporter.lu zeigen nämlich, dass das Ausmaß der von ihm verschwiegenen Verfahren größer ist, als den Luxemburger Behörden bislang bekannt war.

Afin d’éviter que les patients se rendent compte des prestations qu’il facturait à tort, il a délibérément omis de leur transmettre une copie des factures qu’il adressait aux assureurs (…)“Urteil des Schweizer Berufungsgerichts

Die Spur führt in die Schweiz, wo Waël Naeseh im Mittelpunkt eines Millionenbetrugs stand. Im November 2022 wurde er von einem Berufungsgericht unter anderem wegen Berufsbetrugs, Urkundenfälschung und Fälschung ärztlicher Atteste zu einer Haftstrafe von drei Jahren, davon die Hälfte auf Bewährung, verurteilt. Zudem verbot das Gericht dem Arzt für zwei Jahre, medizinische Dokumente auszustellen, die in der Schweiz Wirkung haben, und verwies ihn für fünf Jahre des Landes. Ein letzter Rekurs wurde im Dezember 2023 vom Schweizer Bundesgericht abgewiesen. Das Urteil ist damit rechtskräftig.

Reporter.lu liegt die schriftliche Urteilsbegründung vor. Demzufolge soll der französische Staatsbürger mit syrischen Wurzeln zwischen 2013 und 2016 fast drei Millionen Schweizer Franken an ungerechtfertigten Honoraren von den Versicherungen erhalten haben. In seinen beiden Praxen in Genf und Montreux stellte er entweder überteuerte Rechnungen für Leistungen aus oder ließ sich für fiktive Leistungen bezahlen …

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