Engpässe bei den Betten, volle Psychiatrien, stark eingeschränkte Therapiemöglichkeiten: Die Behandlung von psychisch Kranken wird in der Coronavirus-Pandemie zunehmend schwieriger. Der Lockdown erschwert die Arbeit der Spezialisten gleich in mehrerer Hinsicht.

„Es kommen immer mehr Patienten wegen schweren psychiatrischen Notfällen“, sagt Dr. Paul Hédo. „Teilweise, weil ihre übliche Betreuung in Versorgungsstrukturen oder beim behandelnden Psychiater nicht mehr angemessen gewährleistet ist. Teils sind es auch Patienten, die bisher keine größeren psychischen Probleme hatten“, so der leitende Arzt der Psychiatrie-Abteilung des Centre Hospitalier de Luxembourg (CHL) im Gespräch mit REPORTER.

Paul Hédo und andere Kollegen schlagen Alarm, dass Menschen mit psychischen Problemen dringend wieder eine angemessene Betreuung brauchen. Diese sei durch die Corona-Maßnahmen momentan allerdings nicht möglich.

Pandemie führt zu neuen Problemen

Der plötzliche Anstieg der Fälle stellt die Ärzte vor eine neue Herausforderung. Während die Menschen anfangs noch „die Zähne zusammengebissen“ hätten, würde sich die Lage in den Psychiatrien langsam zuspitzen, so Paul Hédo. „Das allgemeine Stresslevel innerhalb der Gesellschaft ist natürlich höher als in einer normalen Situation“, erklärt der Arzt.

Zu dieser Feststellung kommt auch Dr. Jean-Marc Cloos der Hôpitaux Robert Schuman (HRS). Er berichtet im Gespräch mit REPORTER von zunehmend „hoch psychotischen Fällen“ in den Krankenhäusern. Auch die Jugendpsychiatrie sei mittlerweile komplett ausgelastet.

Zuvor berichtete der Psychiater bei Radio 100,7, dass neben Patienten, die bereits in Behandlung sind, auch immer mehr neue Fälle mit Paranoia, Angstzuständen und gesundheitlichen Sorgen verzeichnet werden. „Es handelt sich hierbei um einen Teil der Bevölkerung, der jetzt durch die Krise psychologische Probleme entwickelt“, so Jean-Marc Cloos.

Zu oft zu spät ins Krankenhaus

Am Anfang der Krise war es noch ein anderes Bild, das den Ärzten der Krankenhäuser Kopfzerbrechen bereitete: die leeren Notaufnahmen. „Menschen, die eigentlich in eine Notaufnahme gehören, kamen entweder gar nicht oder viel später als normalerweise“, sagt Dr. Paul Hédo. Das könnte daran gelegen haben, dass die Patienten Angst hatten, sich im Krankenhaus anzustecken. „Oder es ist ein altruistischer Akt. Sie dachten, dass andere Patienten prioritär sind.“

Ob es eine statistisch signifikative Erhöhung gibt, ist im Moment schwer zu sagen, jedoch betreuen wir mehrere Personen nach zum Teil sehr schweren Suizidversuchen.“Dr. Paul Hédo, CHL

Dabei sollten sich Patienten, die Hilfe bräuchten, lieber früher als später behandeln lassen, so der Arzt. Die Behandlung einer schweren Depression oder eines Suchtproblems, das außer Kontrolle geraten ist, sollte nicht hinausgezögert werden. Viele Menschen blieben dennoch zu Hause. Paul Hédo nennt außerdem das Beispiel von suizidgefährdeten Personen, die zu spät Hilfe suchen. „Ob es eine statistisch signifikative Erhöhung gibt, ist im Moment schwer zu sagen, jedoch betreuen wir mehrere Personen nach zum Teil sehr schweren Suizidversuchen.“

Der Aufruf der Regierung, dass man keine Angst davor haben soll, ins Krankenhaus zu gehen, kam demnach wohl zu spät. Denn die anfängliche Zurückhaltung der Menschen schlug innerhalb von zehn Tagen um, so die Spezialisten. Mittlerweile gehen mehr Anrufe in den Kliniken ein, mehr Menschen brechen unter der Last zusammen, die Notrufe haben sich vermehrt, die Fälle sind schlimmer geworden. Alleine beim „Support psychologique“, den die Regierung im Rahmen der Corona-Krise ab dem 1. April eingeführt hat, sind inzwischen 566 Anrufe (Stand 24. April) eingegangen.

Psychiatrie-Betten werden knapp

Mit den zunehmend schweren Fällen braucht es aber auch mehr Krankenhausbetten für die Betroffenen. Und genau die wurden teilweise für potenzielle Corona-Patienten freigeräumt. Im CHL stehen aktuell nur 15 statt den üblichen 45 Betten zur Verfügung, im Centre Hospitalier Emile Mayrisch (CHEM) sind es 28 statt 45. In den HRS in Kirchberg sind von 30 Betten in den Psychiatrien fünf Betten für Covid-19-Patienten reserviert. Von den restlichen 25 Betten, die für Psychiatrie-Patienten zur Verfügung stehen sind bereits 23 belegt.

Einige Patienten wurden durch die Anpassungen und Umstrukturierungen früher nach Hause entlassen als wir es unter anderen Umständen getan hätten.“Dr. Paul Hédo, CHL

Im anfänglichen Krisenmodus haben sich die Krankenhäuser für Covid-Patienten neu organisiert – zu groß war die Sorge vor einem Kollaps des Systems. „Einige Patienten wurden durch die Anpassungen und Umstrukturierungen früher nach Hause entlassen als wir es unter anderen Umständen getan hätten“, sagt auch Paul Hédo.

Während viele Zimmer für Covid-19-Patienten leer bleiben, sieht die Lage in den Psychiatrien mittlerweile dramatisch aus. Das gibt Ärzten wie Paul Hédo zu denken. Sie wünschen sich angesichts der Situation ein möglichst schnelles Handeln der Regierung: „Jetzt, wo die Krankenhäuser die Zeit nach der ersten Covid-19-Welle planen, müssten die psychiatrischen Abteilungen wieder so aufgestellt werden wie sie üblicherweise funktionieren um ihrem Versorgungsauftrag gerecht zu werden.“

Der Bettenmangel sei ein akutes Problem, so der Psychiater weiter. „Psychische Gesundheit und Krankheiten müssen auch weiterhin ein Schwerpunkt der Regierung, der betroffenen Verwaltungen und natürlich der Krankenhäuser sein. Auch die Teams der psychiatrischen Abteilungen brauchen eine gewisse Planungssicherheit.“

Vergleichsweise lange Aufenthaltsdauer

Ähnlich sieht es Jean-Marc Cloos. Er will die psychiatrischen Abteilungen der HRS in Kirchberg ab kommenden Montag gar wieder hochfahren – und dann auch wieder mehr Betten für seine Patienten. 44 sollen es statt der aktuell 35 werden. Damit stellt er sich gegen die offiziellen Entscheidungs- und Kommunikationswege der Regierung – doch die Wichtigkeit der Betten in den Psychiatrien sei nicht zu unterschätzen.

Denn Patienten mit psychischen Erkrankungen belegen im Normalfall die meisten Akutbetten in Luxemburgs Krankenhäusern. Wie aus der „Carte Sanitaire“ aus dem Jahr 2018 hervorgeht, belegen sie von insgesamt 1.666 Betten pro Tag 246,5 (14,8 Prozent). Hinzu kommt, dass sie im Vergleich zu anderen Patienten die längsten Aufenthalte in den Kliniken haben. Im Schnitt liegt die Aufenthaltsdauer in einem Krankenhaus bei 7,4 Tagen, bei Patienten mit „Troubles mentaux“ bei 17,2 Tagen.

Deshalb wird gerade jetzt die reduzierte Bettenanzahl in den Psychiatrien kritisch, wenn viele schwere Fälle in den Notaufnahmen landen. Die Regierung hat dem Gesundheitswesen und den Ärzten bereits einen Weg hin zu mehr Normalität versprochen. Gespräche zwischen der Ärzteschaft und den Krankenhausleitungen laufen, kommuniziert wurde bisher allerdings nichts.

Normale Therapien nicht mehr möglich

Ein Stück „Normalität“ wäre für die Behandlung von Menschen mit mentalen Krankheiten ein wichtiger Schritt. Auch wegen der Therapiemöglichkeiten. Aktuell ist der Alltag in den Psychiatrien noch schwieriger als sonst. Patienten haben weniger Ausgang, fast keinen Besuch, dürfen am Wochenende nicht nach Hause. Sie sind zu einem Großteil isoliert, obwohl sie keine Covid-19-Patienten sind.

Auch Gruppentherapien sind momentan kaum möglich. Zu hoch ist das Ansteckungsrisiko. Während sie im CHL in Zweiergruppen organisiert werden, werden sie im CHdN vor allem durch Einzelsprechstunden ersetzt. „Eine Gruppentherapie lässt sich nicht komplett durch Einzelgespräche ersetzen, weil es eine andere Form der Therapie ist. Die Patienten haben jetzt die Möglichkeit, mehr Einzelgespräche zu führen“, so Bernd Hoffmann, von der Direction des Soins im Centre Hospitalier du Nord (CHdN).

Es handelt sich hierbei um einen Teil der Bevölkerung, der jetzt durch die Krise psychologische Probleme entwickelt.“Jean-Marc Cloos, Hôpitaux Robert Schuman

Statt des herkömmlichen Therapie-Angebots werden Gespräche über Telefon und per Videoanrufe abgehalten. Hinzu kommt, dass Ärzte und Pfleger Mundschutz und in manchen Abteilungen Schutzkleidung tragen. Ein Gespräch mit dem Psychiater findet meist auf Distanz statt und der emotionale Draht ist durch den neuen, ungewöhnlichen Rahmen unterbrochen.

Die Patienten hätten das neue Angebot aber gut aufgenommen, meint Bernd Hoffmann. „Social Distancing bedeutet nicht, dass man sich auch sozial von einer Person fernhalten soll. Videos und Telefongespräche können die Distanz ein Stück weit reduzieren – auch, wenn sie sich nicht komplett aufheben können.“

Jean-Marc Cloos sieht dies kritischer. Er sagte im Gespräch mit Radio 100,7, dass die Telemedizin sicherlich ein „Notbehelf“ in der aktuellen Situation sei, allerdings sei eine Therapie dadurch „kompliziert“. Der Kontakt über Video oder Telefon sei nicht das Gleiche, als wenn man seinem Arzt gegenübersitze, meint auch Paul Hédo. „Unsere Teams müssen momentan äußerst kreativ sein“, so der Experte.

Patient mehr auf sich alleine gestellt

Hinzu kommen die Patienten, die normalerweise zu Hause von einem ambulanten psychiatrischen Pflegedienst betreut werden. Sie sind aktuell stärker auf sich alleine gestellt. Besprechungen finden auch hier mit dem Arzt und Betreuer über Telefon statt.

Normalerweise kümmern sich multidisziplinäre Teams um den Patienten, zu Hause gibt es Therapiestunden, sie führen ihn hin zu täglichen Routinen, zurück in ein soziales Leben und in einen Job. Diese Dienste wurden zurückgeschraubt. „Um unnötige Kontaminationsrisiken zu vermeiden, bieten wir ausschließlich die Pflegemaßnahmen ambulant an, die nicht über Telefon oder  Webgespräche geleistet werden können. Demzufolge haben die Medikamenten- und Injektionsverabreichungen natürlich Vorrang“, so Aurélie Lereboulet, Leiterin der Addiktologie aus dem CHEM. Der mobile Dienst des CHEM funktioniere aber noch größenteils weiter wie bisher.

Auch der Fokus des Dienstes des CHdN liegt momentan vor allem auf dem Verabreichen von Medikamenten und Depotspritzen – also von Präparaten, die über mehrere Tage und Wochen hinweg wirken. So soll die Stabilität des Patienten auch in der Krise weiterhin gewährleistet sein. „Die Reduktion des ambulanten Angebots war nötig, um die Kräfte im akut stationären Setting aufzustocken“, erklärt Bernd Hoffmann. So habe man versucht, einem möglichen hohen Patientenaufkommen in der Klinik gerecht zu werden.

Dieser „Rush“ auf die Krankenhäuser blieb allerdings aus. Die Behandlungen vieler psychischer Patienten sind zwischenzeitlich aber zu kurz gekommen oder laufen immer noch auf Sparflamme. Dabei sind gerade sie auf Kontakt, Medikamente, Gespräche – kurz – auf eine intensive Betreuung angewiesen. „Eine gewisse Normalität muss jetzt wieder langsam aber sicher möglich werden“, fordert deshalb Paul Hédo.