Die Pandemie verschärft die sozialen Ungleichheiten – auch in Luxemburg. Die Mischung aus materieller Armut, Arbeitslosigkeit und Einsamkeit drängt immer mehr Menschen an den Rand der Gesellschaft. Vor allem viele junge Menschen geraten zunehmend in eine prekäre Lage.

Etwa zwei Dutzend Menschen stehen vor den Räumlichkeiten der „Stëmm vun der Strooss“ in Hollerich. Sie warten darauf, dass die Tür sich öffnet und die nächsten 15 Menschen eingelassen werden. Für eine warme Mahlzeit, vielleicht auch eine Dusche oder eine Winterjacke. Es hat angefangen zu schneien. Dieser feine Nieselschnee, der nicht liegen bleibt, sondern sofort zu Matsch wird. Der besonders nasskalt ist und hartnäckig bis in die Knochen dringt.

Ein älterer Herr in der Schlange summt Ben E. Kings „Stand by me“. Lachfältchen um die Augen lassen auf seine Freundlichkeit schließen. Er zupft an seiner Maske und macht eine Handbewegung, um auf die vorgeschriebenen zwei Meter Sicherheitsabstand hinzuweisen. Berühren, Umarmen, körperliche Wärme, das gebe es heutzutage nur noch in der Musik. Zumindest für Leute wie ihn, sagt der Mann.

Viele seiner Kollegen hätten sich noch weiter zurückgezogen. Einige habe er schon seit Wochen nicht mehr gesehen. Keine Ahnung, wo die sich herumtreiben. Ein Achselzucken, dann summt er weiter. Diesmal „I’ll make love to you“: Close your eyes, make a wish…

Sozialarbeit in der Corona-Krise

Die Tür geht auf, die nächsten 15 Personen aus der Warteschlange dürfen hinein. Für den älteren Mann reicht es noch nicht. Doch jetzt ist er der fünfte in der Schlange, beim nächsten Mal ist er dann auch dabei. Es gibt Nudeln mit Gulasch, dazu einen grünen Salat. Vorweg eine Suppe, zum Nachtisch Kuchen. Die Tische stehen weit auseinander, die Gäste sitzen alleine, ziehen ihre Masken unter das Kinn und beginnen zu essen. Die meisten legen ihre Jacke erst gar nicht ab, schließlich läuft der Countdown, auf einem großen Bildschirm an der Wand. Noch 22 Minuten und 16 Sekunden, dann müssen die Teller leer und weggeräumt sein, damit die nächsten Wartenden hineindürfen.

Früher kannten wir unsere Gäste besser. Da konnten wir auch besser helfen. Einige haben wir mittlerweile ganz aus dem Blick verloren.“Anaïs Morel, „Stëmm vun der Strooss“

„Es geht ums reine Überleben. Wir können ihren Hunger kurzfristig stillen. Das ist alles.“ Anaïs Morel sitzt am Empfang, hinter Plexiglas, begrüßt die Gäste und gibt die Jetons heraus. Die Pandemie habe die gesamte Funktionsweise in der Einrichtung verändert, erzählt die Diplompädagogin. Noch vor einem Jahr teilte das Team etwa 300 Mittagessen aus, die Leute blieben, rauchten gemeinsam mit den Mitarbeitern eine Zigarette auf der Terrasse, tauschten sich aus, boten sich gegenseitig Hilfe an, spielten Gesellschaftsspiele. Die „Stëmm“, das war für viele ein Platz, an dem sie ein paar Stunden des Tages eine Art „Zuhause“ hatten.

Durch die Pandemie ist die Sozialarbeit, wie etwa die Unterstützung bei der Job- oder Wohnungssuche, quasi zum Erliegen gekommen. Auch die Essensausgabe musste reduziert werden. „Heute schaffen wir höchstens 150 Mahlzeiten“, sagt Anaïs Morel. 30 pro Stunde, so lauten die neuen Regeln. Auch den Mitarbeitern ist anzumerken, dass sie unter der jetzigen Situation leiden. Sie wissen, dass die Nachfrage viel größer ist und immer mehr Menschen in der Stadt umherirren.

„Unsere Kundschaft hat sich verändert“

Anaïs Morel merkt zudem, dass es nicht nur die materielle Armut ist, die zunimmt, sondern vor allem auch die Einsamkeit auf der Straße. „Wir konzentrieren uns darauf, jene Menschen, die zu uns kommen, bei der Stange zu halten“, sagt die Sozialpädagogin. „Früher kannten wir unsere Gäste besser. Da konnten wir auch besser helfen. Einige haben wir mittlerweile ganz aus dem Blick verloren.“

Immer mehr Menschen fällt es schwer, für die gesamte Familie Essen auf den Tisch zu bringen, besonders wenn die Mahlzeiten für die Kinder in den Betreuungsstrukturen wegfallen.“Alexandra Oxaceley, „Stëmm vun der Strooss“

„Unsere Kundschaft hat sich verändert“, sagt auch Alexandra Oxaceley. Überwiegend junge Menschen, die in Folge der Restriktionen ihre Arbeit im Bausektor oder in der Gastronomie verloren hätten und die aufgrund von Zeitarbeitsverträgen auf keinerlei finanzielle Absicherung zurückgreifen könnten, würden die Einrichtung nun verstärkt aufsuchen, erzählt die Leiterin der „Stëmm vun der Strooss“.

Der Countdown läuft: Alle 30 Minuten bekommen die nächsten 15 Personen eine warme Mittagsmahlzeit in den Räumlichkeiten der „Stëmm vun der Strooss“ in Hollerich. (Foto: Eric Engel)

Auch Geflüchtete, besonders jene ohne anerkannten Asylstatus, geraten zunehmend in Armut. Darunter sind abgelehnte Asylbewerber, aber auch Menschen, die in einem anderen Land vergeblich versucht haben, Fuß zu fassen und dann weitergezogen sind, auf der Suche nach besseren Chancen.

Armutsrisiko nimmt kontinuierlich zu

Alexandra Oxaceley erzählt auch von Familien, die besonders während des Lockdowns aus dem ganzen Viertel zur Einrichtung kamen. Damals musste auch die „Stëmm“ schließen und konnte nur noch Essenstüten an der Tür verteilen. „Immer mehr Menschen fällt es schwer, für die gesamte Familie Essen auf den Tisch zu bringen, besonders wenn die Mahlzeiten für die Kinder in den Betreuungsstrukturen wegfallen“, sagt die Leiterin der „Stëmm“.

Wir können gar nicht alle auffangen. Die Probleme wachsen schneller als die Lösungen kommen.“Alexandra Oxaceley, „Stëmm vun der Strooss“

Rund dreißig Prozent der in Luxemburg lebenden Haushalte geben mittlerweile an, am Ende des Monats in finanziellen Schwierigkeiten zu sein, wie aus dem Sozialpanorama der Arbeitnehmerkammer von 2020 hervorgeht. 2011 waren es noch knapp 25 Prozent. Besonders betroffen sind Alleinerziehende sowie Haushalte mit mehr als zwei Kindern.

Das Armutsrisiko, das in Wirtschaftsstatistiken mit 60 Prozent des nationalen Medianeinkommens berechnet wird, verschiebt sich vom Rand verstärkt Richtung Mitte der Gesellschaft und nimmt auch in Luxemburg seit Jahren kontinuierlich zu. 2019 waren 17,5 Prozent der Bevölkerung gefährdet. Es betraf bereits jeden vierten Einwohner unter 18 Jahren und beinahe jede zweite alleinerziehende Familie.

Unter den sanitären Maßnahmen leidet das Sozialleben. Gemeinsames Essen, Freizeitaktivitäten, aber auch die Unterstützung bei der  Job- und Wohnungssuche fallen aus. (Foto: Eric Engel)

„Eine neue Kundschaft vertreibt zwangsläufig Teile der alten“, sagt Alexandra Oxaceley. Es klingt ein wenig, wie eine marktwirtschaftliche Analyse, in der das Gesetz des Stärkeren regiert. Die Folge: Die Schwächsten werden verdrängt, bis sie gar nicht mehr kommen. „Wir können gar nicht alle auffangen“, sagt Alexandra Oxaceley. „Die Probleme wachsen schneller als die Lösungen kommen.“

Viele Facetten der Prekarität

Wenige Häuserblocks von der „Stëmm“ entfernt, in der rue Michel Welter, steht ein Mann Mitte dreißig auf der Straße und wartet. Seine Frau kauft gerade ein, er ist zum Tragen mitgekommen. Nur eine Person pro Haushalt darf den Laden zur Zeit betreten, aus Sicherheitsgründen. Seit mehreren Monaten kommt der dreifache Familienvater nun schon in den „Caritas Buttek“, um Lebensmittel und Hygieneartikel für im Durchschnitt ein Drittel des regulären Preises einzukaufen.

„Am Anfang hatte ich ein schlechtes Gewissen. Immer das Gefühl, Menschen, die es noch nötiger haben als wir, etwas wegzunehmen“, erinnert er sich. Doch seine Frau habe während des Lockdowns im Frühjahr ihren Job verloren und sein Teilzeitgehalt reiche hinten und vorne nicht. Das habe zum Glück auch das Sozialamt eingesehen.

Die meisten unserer Patienten tauchen in den offiziellen Zahlen überhaupt nicht auf und längst nicht alle unter ihnen sind in der Lage, öffentliche Hilfsstrukturen überhaupt aufzusuchen.“Bernard Thill, „Médecins du Monde“

Die Leiterin des Sozialamtes der Stadt Luxemburg stellt trotz Pandemie und zahlreicher Jobverluste allerdings keinen nennenswerten Anstieg der finanziellen Hilfsanträge fest. „Das heißt aber nicht, dass die Armut nicht größer werden würde“, führt Sandy Lopes aus. Sie vermutet eher, dass viele der hilfsbedürftigen Menschen gar nicht erst bei ihnen auftauchen. Denn neben einer prekären finanziellen Situation, sind ein fester Wohnsitz sowie eine gültige Aufenthaltserlaubnis Voraussetzungen, um überhaupt Anrecht auf Sozialleistungen zu haben.

Soziale und medizinische Straßenarbeit

„Immer mehr Menschen fallen durch das Raster und werden vom Netz nicht aufgefangen“, sagt auch Bernard Thill, Vizepräsident der Luxemburger Zweigstelle der Hilfsorganisation „Médecins du Monde“. Knapp tausend Menschen betreuen die ehrenamtlichen Ärzte jährlich, 95 Prozent ihrer Patienten leben unter der Armutsgrenze, 89 Prozent haben keinen festen Wohnsitz und 79 Prozent keinerlei Krankenversicherung. So steht es im Jahresbericht 2019. „Die meisten unserer Patienten tauchen in den offiziellen Zahlen überhaupt nicht auf“, sagt Bernard Thill, „und längst nicht alle unter ihnen sind in der Lage, öffentliche Hilfsstrukturen überhaupt aufzusuchen.“

Hilfsstellen, die nur bedingt helfen können: Auch für das Personal ist das Wissen, dass sie der Nachfrage nicht gerecht werden können, belastend. (Foto: Eric Engel)

Die „Wanteraktioun“, die seit 2001 vom Familienministerium finanziert und von „Caritas“, „Croix-Rouge“ und „Inter-Actions“ organisiert wird, bietet Obdachlosen während den kalten Wintermonaten eine Schlafstätte. Über die Mittagsstunde wird zusätzlich ein warmes Essen angeboten. Doch die abgelegene Lage in der Nähe des Flughafens Findel sowie lückenhafte Öffnungszeiten führen dazu, dass die Einrichtung auch jetzt, im kalten Monat Januar mitten in einer sanitären Krise, nicht ausgelastet ist. 250 Betten stehen bereit, dennoch bleiben pro Nacht etwa 100 frei.

„Für jene, die nicht krank sind und keine Angst davor haben, sich registrieren zu lassen, ist die Winteraktion eine gute Option“, sagt Bernard Thill. „Wir versuchen, so viele Menschen wie möglich zu vermitteln“. Doch für viele ihrer Patienten sei der Weg dorthin schlicht unmöglich. 40 Prozent ihrer Patienten sind chronisch krank, haben Diabetes, Herzprobleme, Asthma oder auch Krebs.

Auch die psychischen Krankheiten nehmen zu, Existenzängste, Panikattacken, Suchtprobleme. Viele sind gehbehindert, einige haben Amputationen. „Wo sollen die Leute denn hin, wenn dort morgens um neun die Türen zugehen?“ fragt Bernard Thill. „Da bleiben sie doch lieber gleich auf der Straße und suchen sich ein Versteck.“

Mehr Menschen sterben auf der Straße

Streetworker erzählen zudem von immer mehr Hausbesetzungen, von Menschen, die sich in einem der leerstehenden Häuser der Stadt einen Unterschlupf suchen. So lange, bis sie vertrieben werden. Mehrmals die Woche schließen sich Mitarbeiter von „Médecins du monde“ den Streetworkern an, um den Schwächsten auf der Straße zu helfen und zumindest eine Notversorgung für sie zu gewährleisten. Bernard Thill wünscht sich ein Hospiz für Menschen ohne festen Wohnsitz, also einen Ort, an dem Kranke und Schwache aufgefangen und am Ende ihres Lebens begleitet werden können.

Alexandra Oxaceley sind mindestens sechs obdachlose Menschen bekannt, die seit März auf der Straße gestorben sind. Das seien deutlich mehr als noch in den Jahren zuvor. „Ich frage mich, ob unsere Gesellschaft nicht ihre Prioritäten überdenken müsste. Eine Gesellschaft hat schließlich die Pflicht, auch ihre Schwächsten im Blick zu behalten“, sagt die Leiterin der „Stëmm vun der Strooss“.

In ihrer Einrichtung in Hollerich steckt sich der ältere Herr währenddessen ein paar Mandarinen in den Rucksack. Ein paar Vitamine am Nachmittag werden ihm sicher guttun, sagt er. Er dreht sich noch einmal um, hebt die Hand zum Gruß und verschwindet im anhaltenden Schneeregen.