Im kommenden Februar jährt sich der russische Angriffskrieg in der Ukraine zum zweiten Mal. Wie fünf ukrainische Städte trotz der andauernden Kampfhandlungen zurechtkommen: Vom Raver bis zum Müllmann erzählen die Einwohner ihre Geschichten.

Lviv: Die Stadt der Zuflucht

Orest Knodt befand sich am östlichen Ende der Ukraine, in der Nähe von Russland, als die Invasion begann. Im Gegensatz zu vielen seiner Landsleute hatte er die Berichte über einen russischen Aufmarsch ernst genommen. Als die ersten Raketen einschlugen, hatte er vier Rucksäcke vor seiner Tür in Charkiw bereitgestellt: medizinische Ausrüstung, Laptops, warme Kleidung. Innerhalb einer Stunde fuhr Orest Knodt, ein Technologieunternehmer, nach Süden in seine Heimatstadt Izyum, eine in einem Waldgebiet gelegene Stadt, von der er annahm, dass sie der Aufmerksamkeit der Invasoren entgehen würde. Er hatte Unrecht. Zwei Wochen später, als russische Truppen Izyum umzingelten, konnte er nur knapp entkommen. Protestierende Freunde von ihm wurden gefoltert: sie bekamen die Zähne eingeschlagen, mit Plastiktüten auf ihren Köpfen.

Orest Knodt reiste weit nach Westen, nach Lviv. Dieser malerische ehemalige Außenposten der österreichisch-ungarischen Monarchie war zu einem Sammelpunkt für Vertriebene, insbesondere junge, mobile Aufsteiger geworden. Die Stadt, einst eine spießige Bastion der Tradition, wurde durch ihre hippen neuen Bewohner verändert.

Halya Shyyan, eine lokale Schriftstellerin, sagt, der Krieg habe Lviv dazu veranlasst, eine offenere Version seiner selbst zu entdecken. „Die Stadt war immer charmant, aber sie war einengend, ein Vakuum, abgeschlossen“, sagt sie. In ihrer Kindheit betrachteten die Einheimischen den Osten mit Argwohn. Jemand aus dem nur 470 Kilometer entfernten Kyiv galt als „exotisch“. Jetzt lernen Schulkinder aus Lviv gemeinsam mit Kindern aus Charkiw, Sumy, Mykolajiw, Städten weit im fremden Osten. Das sei gesund, meint Halma Shyyan.

Nichts davon war Orest Knodt bewusst, als er im April 2022 in Lviv ankam. Die Vertreibung hatte ihm die Freude genommen. Dennoch fand er Trost in der Technomusik …