Eine Fahrt mit der Indian Railways ist eine quintessentiell indische Erfahrung. Die Eisenbahngesellschaft ist auf dem Subkontinent das Volkstransportmittel schlechthin. Sie kämpft allerdings mit Überlastung und hoffnungslos veralteter Technik.

Während der Zug noch einrollt, springen die ersten schon aufs Trittbrett der offenen Waggontüren. Wer aussteigen will, muss sich jetzt durch ein Bollwerk von Eindringlingen kämpfen. Vom Bahnsteig aus hat ein Reisender durch das Fenster schon einen freien Sitzplatz erspäht. Siegessicher drückt er seine Aktentasche durch die Gitterstäbe – nur Dreistigkeit sichert einen Sitzplatz. Als der Zug zehn Minuten später den Bahnhof verlässt, gleicht er einer Legebatterie. Sitzbänke, für vier ausgelegt, sind doppelt besetzt. Koffer stehen auf dem Boden und Passagiere liegen auf der Gepäckablage. Andere drücken sich im Gang Ellenbögen in die Bäuche oder hängen im Fahrtwind aus der Tür.

Die General Class ist die Volksbeförderung der indischen Eisenbahngesellschaft und gleichzeitig eine Metapher für Indiens Überbevölkerung. Die General Class befindet sich an der untersten Fahnenstange einer unübersichtlichen Liste von Fahrklassen, sie ist die einzige Klasse, für die keine Reservierung nötig ist. Es kann einsteigen wer will, der Ticketpreis übersteigt in Euro umgerechnet selten den Centbereich.

Das Rückgrat des öffentlichen Fernverkehrs

Die Indian Railways sind das Rückgrat des öffentlichen Fernverkehrs in Indien – sie befördern täglich 23 Millionen Menschen. Das ist mehr als die zusammen genommene Bevölkerung von Belgien und den Niederlanden.

Indische Bahnhöfe dienen indes nicht nur der Beförderung, sondern sind gleichzeitig Schlafsaal, Picknickwiese und Basar in einem. Szenen von einer Stationshalle: Es ist sieben Uhr morgens, wenige Stunden vor Abfahrt wartet man am noch verriegelten Ticketschalter. Die Chancen auf einen reservierten Sitz- und Liegeplatz scheinen eher gering, aber bei der indischen Eisenbahn sollte man nichts unversucht lassen.

Wie groß ist dann das Glücksgefühl, wenn man auf reserviertem Untergrund Reis- und Zuckerrohrfelder an sich vorbeiziehen lassen kann, Dorfszenen beobachtet und die Gerüche aus der Landschaft mit einem Luftzug ins Abteil hereinwehen.“

Das Bahnhofspersonal ist gerade damit beschäftigt, dutzende auf dem Hallenboden schlafende Gestalten aufzuwecken. Einem Mann müssen sie die Decke wegziehen, weil er sich auch nach Rütteln und Schütteln nicht vom Fleck rühren will. Auf der metallenen Sitzbank sitzt ein kiffender Wandermönch und starrt mit herausgetretenen Augen ins Leere. Jemand fegt mit einem Reisigbesen Staub auf die Füße der Wartenden. Eine Minute nach acht zeigt sich ein Mann am Schalter. Dem Eisenbahngott im hinduistischen Pantheon sei Dank: Es gibt noch freie Liegen in der Sleeperklasse.

Wie groß ist dann das Glücksgefühl, wenn man auf reserviertem Untergrund Reis- und Zuckerrohrfelder an sich vorbeiziehen lassen kann, Dorfszenen beobachtet und die Gerüche aus der Landschaft mit einem Luftzug ins Abteil hereinwehen. Aus dem Zugfenster kann man Mädchen beim Haarekämmen und Kuhmelken zuschauen, Kinder im Spiel und Männer auf den Feldern sehen.

Es geht durch den Wüstenstaat Rajasthan. Wie Farbtupfer in brauner Öde heben sich hier die Frauen in bunten Saris von ihrer einfarbigen Umwelt ab. Eine Regel in Indien ist, dass je monotoner die Umgebung, desto gesättigter mit Farben kleiden und schmücken sich die Menschen. Klar ist: Kein anderes Transportmittel zeigt dem Reisenden so viel von Indien wie die Indian Railways.

Foto: Marian Brehmer

Die Briten verlegten in der Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Schienen auf dem indischen Subkontinent. Die indische Eisenbahn wird oft als Geschenk der britischen Kolonialherren an das indische Volk bezeichnet, eine willkommene Entschuldigung, dass die Briten ja nicht nur Unterdrücker gewesen seien. Dabei waren die Indian Railways in ihrer Konzipierung zunächst genau das: ein Instrument für den britischen Regierungs- und Militärapparat auf dem indischen Subkontinent.

Die Eisenbahn diente in erste Linie dazu, kolonial erbeutete Rohstoffe wie Eisen, Kohle oder Baumwolle aus dem Landesinneren in die Hafenstädte zu transportieren, von wo die Reichtümer anschließend nach Großbritannien verschifft wurden. Während die Verwaltung des Eisenbahnverkehrs ganz in den Händen der Briten lag, war die Verteilung der Zugtickets nach Wohlstandsklassen organisiert: Kaufkräftige Weiße genossen den Luxus von geräumigen Zugabteilen, während Inder sich meist nur Plätze in überfüllten Dritte-Klasse-Waggons leisten konnten.

Heute hat Indien 64.000 Schienenkilometer sowie über 7.000 Bahnhöfe und steht damit nach den USA, Russland und China an vierter Stelle, was die Eisenbahninfrastruktur angeht. Die Indian Railways sind eine Welt, ein Staat in sich. Sie spiegeln dabei adäquat die verwirrende Vielfalt des Subkontinents wieder.

Das Schienennetz gilt als hoffnungslos veraltet

Indiens Schienennetz jedoch gilt als hoffnungslos veraltet. Trotz Modernisierungsmaßnahmen in den letzten Jahren konnte die Erneuerung der Infrastruktur bisher nicht mit den stetig steigenden Passagierzahlen mithalten. Experten sprechen von Ressourcenmangel, chronischer Misswirtschaft und fehlenden Investitionen. Der Posten des Eisenbahnministers gilt als einer der schwierigsten in der indischen Innenpolitik.

Als die Indian Railways Anfang des Jahres 100.000 neue Jobs ausschrieben, gingen über zwanzig Millionen Bewerbungen ein.“

Die Überholung von unzähligen Signallampen, Bahnübergängen, Bahngleisen und Eisenbahnbrücken ist indes eine Mammutaufgabe, während das hohe Passagieraufkommen und neu eingesetzte Züge weiter den Druck auf das Netz erhöhen. In den letzten Jahren verzeichnete das indische Eisenbahnministerium rund 300 Fälle von Entgleisungen oder Zugunfällen, bei denen hunderte Menschen starben. Im September 2017 kamen bei einer Massenpanik auf einem Vorstadtbahnhof in Mumbai 29 Menschen auf einer hoffnungslos überfüllten Bahnüberführungsbrücke ums Leben. Der Vorfall löste wie so oft Debatten über den Zustand der Indian Railways aus.

Die staatliche Eisenbahngesellschaft Indiens ist zudem mit mehr als einer Millionen Angestellten einer der größten Arbeitgeber der Welt. Als die Indian Railways Anfang des Jahres 100.000 neue Jobs ausschrieben, gingen über zwanzig Millionen Bewerbungen ein. Indien kämpft mit einer hohen Arbeitslosigkeit, weshalb viele der Bewerber nach Angaben der Behörden überqualifiziert gewesen seien.

Nicht selten erreicht der Zug sein Ziel erst Stunden, unter ganz verworrenen Umständen manchmal auch erst einen Tag später.“

Wer einmal eine längere Fahrt mitgemacht hat, den brauchen solch gigantische Zahlen nicht zu wundern. Jeder der unzähligen Kofferträger an großen Bahnhöfen, die an ihrer roten Uniform zu erkennen sind, ist ein Zahnrad in der riesigen Maschine. Ebenso die Warenbelader, Verwaltungsbeamte, Köche, Reinungskräfte, Stationsaufseher und Zeitungsverkäufer.

Um die Teeausschenker nicht zu vergessen:  Im Zug durch Rajasthan bahnt sich ein nicht enden wollender Strom aus Getränke- und Snackverkäufern einen Weg durch die Gänge. Der langezogene „Chaaaai“-Ruf kündigt gezuckerten Milchtee an und drei Mal am Tag werden auf Bestellung aus dem Küchenwaggon Mahlzeiten an den Platz gebracht, ob warme Kartoffeltaschen, Zwiebelringe oder Chapatis mit Reis, Linsen und scharfen Soßen.

Gerade bei notorischen Verspätungen, die bei den Indian Railways an der Tagesordnung sind, geben solche essbaren Kleinigkeiten einen guten Zeitvertreib her. Nicht selten erreicht der Zug sein Ziel erst Stunden, unter ganz verworrenen Umständen manchmal auch erst einen Tag später. Nur ein gewisser Sichtwechsel kann einen mit der indischen Bahn versöhnen: Hier ist es nicht das Ankommen, sondern das Unterwegssein was zählt.