Im lothringischen Vittel tobt der Kampf ums Grundwasser. Im Zentrum steht der Lebensmittelkonzern Nestlé. Nun droht ein Prozess wegen Interessenkonflikten, der das System Nestlé ins Wanken bringen könnte. Exklusive Einblicke in dubiose Netzwerke aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

„Vittel“ ist nicht gleich „Vittel“. Während das Nestlé-Mineralwasser in Supermärkten in Frankreich und Luxemburg unter der Marke „Grande Source“ verkauft wird, steht in Ländern wie Deutschland, der Schweiz aber auch im weit entfernten Japan „Bonne Source“ im Regal. Beide Marken werden in der gleichnamigen lothringischen Gemeinde abgefüllt, mit einem entscheidenden Unterschied: Während „Grande Source“ aus einer Mineralwasserschicht entnommen wird, saugt Nestlé Waters France „Bonne Source“ aus der Grundwasserschicht, dem Trinkwasser-Reservoir der Stadt Vittel und Umgebung, zu der rund 60.000 Menschen gehören.

Damit Nestlé trotz sinkenden Pegels seine Entnahmen nur reduzieren und nicht einstellen muss, soll die Bevölkerung künftig zusätzlich über eine Pipeline aus Nachbargemeinden mit Wasser versorgt werden. Und weil diese strategische Entscheidung unter fragwürdigen Bedingungen zustande gekommen ist, steht nun ein Gerichtsprozess an, wie REPORTER in Kooperation mit dem Recherche-Kollektiv „We Report“ und der französischen Online-Zeitung „Mediapart“ aufdeckt.

Verdacht der Vorteilnahme zugunsten von Nestlé

„Substitutions-Lösung zur Wasserversorgung“, so wird das Vorhaben genannt, das ganz Frankreich schon länger kontrovers diskutiert. Diese Wasser-Pipeline soll über dutzende Kilometer weniger edles Leitungswasser aus entfernten Gemeinden nach Vittel und Umgebung heranschaffen und geschätzt 15 bis 30 Millionen Euro kosten. Hinter der bisher nur strategischen Entscheidung steckt die Viteller Lokalpolitikerin Claudie Pruvost, gleichzeitig langjährige Leiterin der örtlichen Wasserkommission und Ehefrau des Ex-„Nestlé International“-Managers Bernard Pruvost. Beiden droht nun ein Gerichtsprozess wegen Interessenkonflikten, an dessen Ende die Pipeline-Idee wieder gekippt werden könnte.

Am Anfang stand eine Meldung der französischen Anti-Korruptions-NGO „Anticor“ an die lokale Staatsanwaltschaft in Epinal zu möglichen Interessenkonflikten rund um das Pipeline-Vorhaben im Sommer 2016. Drei Jahre später hat sich dieser Verdacht nun erhärtet. „Die Vorermittlungen sind abgeschlossen und wir planen, Madame Pruvost wegen unzulässiger Vorteilnahme vor Gericht zu bringen“, sagte François Perain, zuständiger Staatsanwalt in Nancy, auf unsere Nachfrage. Ehemann Bernard wird dafür zwar nicht als Privatperson verklagt, jedoch ein Nestlé-naher Verein, dessen Vorsitzender Pruvost war. Der Prozess soll in Nancy vor dem Tribunal correctionnel stattfinden, einem Strafgericht. Ein genaues Datum für den Auftakt der Verhandlungen stehe allerdings noch nicht fest, so Staatsanwalt Perain. Auf „prise illégale d’intérêts“ stehen in Frankreich bis zu fünf Jahre Haft.

Wie Nestlé Einfluss auf politische Entscheidungen nimmt

REPORTER und Mediapart liegen Unterlagen vor, die aufzeigen, wie Nestlé konkret Einfluss auf die Politik genommen hat. Ein wichtiger Akteur ist demnach die Vigie de l‘eau, der bereits erwähnte Verein in Vittel, der bis vorigem Jahr von Bernard Pruvost geleitet wurde. Der Verein mit eigenem Veranstaltungszentrum wurde zu seiner Gründung von Nestlé bezuschusst und entwickelte vielfältige Aktivitäten rund um das Thema Wasser, zu denen zeitweise auch die Ausgestaltung der entsprechenden Politik in und um Vittel gehörte …