Am 30. Mai hat die Polizei das größte Flüchtlingscamp von Paris geräumt. 1.600 Menschen lebten dort in Zuständen, die Hilfsorganisationen als alarmierend bezeichneten. Doch vom Tisch ist das Problem mit der Evakuierung nicht.

Verwirrt blickt Ahmed Motwakil* um sich. Das Zelt, in dem er die letzten 80 Tage geschlafen hat, ist verschwunden und mit ihm die paar Klamotten, die er dabei hatte. „Wahrscheinlich liegen sie irgendwo im Müll“, sagt er. Motwakil war nicht da, als die Polizei die Menschen wegbrachte und Bagger die Zelte abrissen.

Gegen sechs Uhr morgens begann am vergangenen Mittwoch die Räumung des Campement du Millénaire, des bis dahin größten Flüchtlingscamps in Paris. Rund 1.600 Menschen lebten in dem wilden Lager im Nordosten der französischen Hauptstadt, am Canal Saint-Denis. Blaue, grüne und violette Campingzelte türmten sich dort unter der Autobahnbrücke des Périphérique.

Jetzt erinnern daran nur mehr eine olivgrüne Zeltplane auf der sonst leer gefegten Promenade und ein Paar Boxershorts, das ein Bewohner wohl zum Trocknen über eine Absperrung gehängt und dort vergessen hat.

Für viele Flüchtlinge nur ein Zwischenstopp

Seit Dezember 2017 hatten sich Migranten und Flüchtlinge am Canal Saint-Denis niedergelassen. Die meisten stammen aus Afrika: Guinea, Eritrea, Somalia oder dem Sudan. Einige hoffen, in Frankreich Asyl zu bekommen, andere wurden bereits abgelehnt. Für manche ist Paris auch nur ein Zwischenstopp. Sie wollen weiter, zum Beispiel nach Großbritannien.

Ahmed Motwakil ist einer von ihnen. Der 26-Jährige verließ sein Heimatland Sudan vor zwei Jahren. Fünfmal setzte er sich in Libyen in ein Schlauchboot und versuchte, das Mittelmeer zu überqueren. Viermal wurde er von der Küstenwache aufgehalten und festgenommen, bevor ihm die Überfahrt gelang. Die italienisch-französische Grenze bei Ventimiglia überquerte er zu Fuß. „In der Nacht, damit mich die Polizei nicht aufhält“, erzählt er. „Zuerst wollte ich in Frankreich bleiben. Aber so, wie wir hier leben, zusammengepfercht und auf der Straße… das ist einfach nicht möglich“, fährt er fort.

Vor der Evakuierung des Campement du Millénaire hausten rund 2.400 Migranten in wilden Camps in Frankreichs Hauptstadt. Etwa 400 leben nach wie vor am Canal Saint-Martin, weitere 400 im Norden der Stadt, im Viertel La Chapelle. Auch sie sollen demnächst umgesiedelt werden. Sanitäranlagen gibt es in den Lagern kaum. „Aber viele Ratten“, sagt Motwakil bitter. Waschen würden sich die Migranten meist mit dem Kanalwasser.

Spannungen und Angst vor der Abschiebung

Mitglieder französischer Hilfsorganisationen warnten auch vor zunehmendem Alkohol- und Drogenmissbrauch und Spannungen unter den illegalen Campern. „Immer öfter versorgen wir Migranten, die sich bei Streitereien verletzt haben“, sagte Louis Barda von der Hilfsorganisation Médecins du monde der Tageszeitung Le Monde. Anfang Mai waren zwei junge Männer im Kanal ertrunken, die genauen Umstände sind nicht bekannt.

Frankreich hat sich nicht auf die Situation vorbereitet. »Pierre Henry, Präsident « France terre d’asile »

„Fast jeden Abend gibt es Auseinandersetzungen. Wenn du keinen Ärger willst, verkriechst du dich im Zelt und bist schön ruhig”, erzählte ein junger Somalier noch vor drei Tagen im Campement du Millénaire. Er hatte auf eine Umsiedlung gehofft. Andere Migranten haben, Hilfsorganisationen zufolge, vor der Räumung die Flucht ergriffen. Sie meiden die offiziellen Asylunterkünfte, aus Angst vor einer Abschiebung.

Vorübergehend wurden rund tausend Menschen aus dem Lager in Turnhallen und Notunterkünften untergebracht, in Paris und in der Umgebung. Dort soll ihr Status geprüft werden. Anschließend werden sie auf Strukturen im ganzen Land verteilt.

Neue wilde Lager nur eine Frage der Zeit

Das Campement du Millénaire ist das fünfunddreißigste Lager in Paris, das seit 2015 geräumt wird. Insgesamt hat das Innenministerium in dem Zeitraum mehr als 28.000 Menschen aus den wilden Camps gebracht. Nach einem Abriss dauert es aber meist nur Wochen, bis sich neue Lager bilden.

Laut Didier Leschi, dem Vorsitzenden der französischen Einwanderungsbehörde OFII, sind die meisten Campierenden keine Neuankömmlinge, sondern Menschen, deren Asylverfahren läuft, oder die schon einen Flüchtlingsstatus haben. „Wir erleben eine Prekarisierung der Flüchtlinge”, sagte Leschi am Tag der Evakuierung der Tageszeitung Le Monde. Als Grund nannte er, dass Frankreich seine Asylverfahren in den letzten Jahren beschleunigt hat, die Behörden aber mit der Versorgung nicht nachkommen.

Eine weitere Ursache für die Bildung der Lager sieht Leschi darin, dass manche Flüchtlinge lieber im Großraum von Paris auf der Straße bleiben, als in Unterkünften auf dem Land.

Nach der Auflösung des « Dschungels » von Calais

Zusätzlich verschärft hat sich die Lage in Paris durch die Auflösung des „Dschungels“ von Calais. Das gigantische Flüchtlingscamp in Nordfrankreich galt als Ausgangspunkt für Migranten, die nach Großbritannien gelangen wollten. Seit es im Herbst 2016 geschlossen wurde, bleiben viele in der Hauptstadt, bis sie einen Weg finden, den Ärmelkanal zu überqueren.

„Frankreich hat sich nicht auf die Situation vorbereitet”, erklärte Pierre Henry, Vorsitzender der Hilfsorganisation France terre d’asile französischen Medien. Die Menschen seien nicht auf der Straße, weil Frankreich sie nicht unterbringen könne, sondern weil das Land nicht wolle, so sein Fazit. Er vermutet, dass die Zustände in den Lagern Flüchtlinge sogar davon abschrecken sollen, nach Frankreich zu kommen.

Für heute Nacht müssen wir uns einen neuen Schlafplatz suchen. »Flüchtling Ahmed Motwakil

Bevor die Räumung eines Camps angeordnet wird, vergehen oft Monate. Solange die erforderlichen Unterkünfte nicht gefunden sind, könne keine Evakuierung organisiert werden, so das Argument der Stadtbehörden.

Politik streitet um Zuständigkeit und Verantwortung

Dass die Räumung des Campement du Millénaire so lange auf sich warten ließ, lag aber auch an Streitereien zwischen Frankreichs Innenminister Gérard Collomb und der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo. Die Sozialistin Hidalgo appelliert bereits seit Wochen an das Innenministerium, Flüchtlinge und Migranten von den Pariser Straßen zu holen. Collomb hatte die Verantwortung zunächst an die Stadt zurückgewiesen. Erst vergangene Woche kündigte er die Räumung an. Die humanitären Probleme in den Camps seien für die Pariser „unerträglich” geworden, so seine Begründung.

Auch in der Frage, wie man die Bildung neuer Lager vermeiden könnte, schieben sich die Pariser Bürgermeisterin und der Innenminister gegenseitig die Verantwortung zu.

Die Stadt müsse solche Szenarien vermeiden, so Colomb. Hidalgo forderte von ihm unterdessen, ein neues Erstaufnahmezentrum in Paris zu eröffnen. Erst kürzlich war ein solches Zentrum im Norden von Paris geschlossen worden um einem Universitätsgebäude Platz zu machen.

Großbritannien ist das Ziel, wenn nötig zu Fuß…

„Wenn wir nicht wollen, dass sich neue Lager bilden, müssen wir an mehreren Orten Frankreichs Einrichtungen zur Erstaufnahme schaffen”, forderte auch Pierre Henry von France Terre d’asile.

Am Canal Saint-Denis lautet die vorläufige Strategie jedenfalls Verscheuchen. Dutzende Polizisten patrouillieren am Mittwochabend an der Promenade. „Hier bleiben könnt ihr nicht“, sagen sie den wenigen Migranten, die wie Ahmed Motwakil zur Räumung nicht anwesend waren und verwirrt am Kanal auf und ab gehen.

Schulterzuckend macht sich Motwakil mit den anderen davon. „Für heute Nacht müssen wir uns einen neuen Schlafplatz suchen“, sagt er. Am nächsten Morgen wolle er Richtung Norden. Nach Calais und weiter nach Großbritannien. Wenn nötig zu Fuß.

 


*Name von der Redaktion geändert