Während die meisten europäischen Staaten gegen die Folgen der Pandemie ankämpfen, laufen die Forschungen über das Coronavirus auf Hochtouren. Neue, gesicherte Befunde lassen aber noch auf sich warten. Was über Sars-CoV-2 und Covid-19 bisher bekannt ist.

Weltweit arbeiten mehrere Forscherteams an Studien zum neuartigen Coronavirus. Jeden Tag werden neue Ergebnisse veröffentlicht, um die Erkenntnisse schnellstmöglich für jeden zugänglich zu machen. Selten wusste man in so kurzer Zeit so viel über ein neues Virus. Und dennoch haben die Wissenschaftler noch längst nicht auf jede Frage eine Antwort parat.

Herkunft, Ausbreitung und Behandlung

Fest steht, dass das Virus über eine Zoonose, also eine Übertragung vom Tier auf den Menschen, in Wuhan stattgefunden hat. Vermutlich übertrug es sich zuerst von Fledermäusen auf Schuppentiere, die in China als Delikatesse gelten. Von dort könnte es sich auf den Menschen übertragen haben. Das Virus konnte bei beiden Tierarten festgestellt werden, jedoch gibt es noch keine Studie, welche diese Übertragung wissenschaftlich belegen konnte.

Beim Menschen vermehrt sich das Virus in den ersten Tagen nach der Infektion im Rachen und überträgt sich dann über kleine Tröpfchen, also zum Beispiel durch Niesen oder Husten. Anders als bei anderen Coronaviren soll es jedoch erst durch das Enzym Furin aktiviert werden. Dieses kommt beim Menschen in den Lungen, der Leber und dem Dünndarm vor. Laut dem aus Wuhan stammenden Biologen Li Hua würde das auch erklären, warum infizierte Menschen an Leberversagen sterben könnten.

Wie „Der Spiegel“ meldet, arbeiten Li Hua und sein Team nun daran ein Medikament zu entwickeln, das dieses Enzym blockieren könnte. Das Medikament könnte so zur Behandlung von Patienten, die sich mit dem neuen Coronavirus infiziert haben, genutzt werden. Auch ein japanisches Grippemedikament soll laut dem „Guardian“ bereits zu vielversprechenden Ergebnissen geführt haben.

Begriffe rund um das neue Virus

  • Coronavirus ist eine Virusgruppe. Vier dieser Viren treten beim Menschen in der Grippesaison häufig auf. Sie sind im Vergleich zum heutigen Erreger jedoch eher harmlos.
  • Sars-CoV-2: Die Weltgesundheitsorganisation hat dem neuartigen Coronavirus diesen Namen gegeben. Es ist die Bezeichnung des Virus, aber nicht der Krankheit.
  • Covid-19 lautet die Atemwegskrankheit die durch das Sars-CoV-2 ausgelöst werden kann.

Gleichzeitig wird weiterhin an einem möglichen Impfstoff gearbeitet. Das amerikanische „National Institute of Health“ hat bereits 45 Personen einen Testimpfstoff verabreicht. Der Schritt ist jedoch umstritten, da vorher keine Tierversuche stattgefunden haben. Wann genau ein Impfstoff vermarktet werden kann, bleibt unklar. Die Zeitspanne reicht je nach Experten vom Herbst dieses Jahres bis zu eineinhalb Jahren.

Symptome und Infektionsgefahr

In 99 Prozent der Fälle soll die Inkubationszeit bei Covid-19 unter zwei Wochen liegen, belegt eine Studie internationaler Forscher. Im Schnitt werden Symptome innerhalb von fünf bis sechs Tagen sichtbar. Laut mehreren Medienberichten können Menschen kurz vor oder gleich zu Beginn der ersten milden Symptome andere Menschen bereits anstecken. Eine Woche nach Auftreten der Symptome sei man allerdings nicht mehr ansteckend.

Die schnelle Ausbreitung des Sars-CoV-2 lässt sich auch darauf zurückführen, dass die Krankheit in vielen Fällen milde oder gar symptomfrei verläuft. Menschen, die das Virus in sich tragen und trotzdem nicht krank sind, können bereits durch feuchte Aussprache andere infizieren. Während Virologen anfangs noch davon ausgingen, dass diese Fälle gering seien, zeichnen neue Studien ein anderes Bild.

Die beste Prävention gegen einen Virus ist die Kontaktvermeidung.“Claude Muller, Virologe

Auch durch Anfassen von Türklinken oder sonstigen Flächen, die sogenannte Schmierinfektion, kann sich das Sars-CoV-2 weiter ausbreiten. Laut dem deutschen Virologen Christian Drosten des Berliner Charité Klinikums ist dies aber eher selten der Fall. Eine neue Studie konnte auf mehreren Oberflächen noch nach 48 Stunden das Virus nachweisen. Allerdings gebe es „schon nach acht Stunden einen ganz rapiden Abfall vom Virus egal auf welcher Fläche“, sagt der Virologe. Manche seiner Kollegen wollen sich aber auch in dieser Frage nicht festlegen.

Außerdem kommt es auch auf die Größe der Tröpfchen an: „Wenn wir uns in die Hand husten und wir fassen dann eine Türklinke an, dann ist das Flüssigkeitsvolumen kaum noch zu messen. Der trocknet dann viel schneller durch als ein Tropfen im Labor“, so der Virologe Christian Drosten in seinem täglichen Podcast. Hier werden also noch weitere Studien benötigt, die den realen Bedingungen näher kommen.

Viel wahrscheinlicher sieht der Experte die Übertragung über Husten. Christian Drosten schätzt, dass das Virus beim Husten für etwa 10 bis 20 Minuten in der Luft um die Person schwebt, bevor es zu Boden fällt.

„Social distancing“

Zudem stellte ein Team von amerikanischen und chinesischen Wissenschaftlern in einer Studie fest, dass etwa 86 Prozent der Fälle in Wuhan vor der Verhängung einer Quarantäne, von Menschen infiziert wurden, die nicht offiziell getestet wurden. Die Quarantäne, „social distancing“ und verschärftes Testen konnte diese Zahl auf 35 Prozent reduzieren, so die Studie. Die Forscher gehen deshalb davon aus, dass „nur sehr milde, weniger ansteckende Infektionen undokumentiert bleiben oder dass sich individuelles Schutzverhalten und Kontaktvorkehrungen als wirksam erwiesen haben.“

Der Virologe Claude Muller erschien am 15. März mit einem Mundschutz im Studio von „Radio 100,7“. Er trage immer einen Mundschutz, wenn er in einem Risikogebiet unterwegs sei, sagte er. „Auch außerhalb von Krankenhäusern ergibt es Sinn, dass Menschen, die einen stärkeren Kontakt mit Menschen haben, in bestimmten Situationen Schutzmasken tragen“, so der Virologe.

Er merkt jedoch an, dass die Maske keinen vollständigen Schutz gegen eine mögliche Infektion bieten kann. Erst im Zusammenspiel mit anderen Maßnahmen, wie Hände waschen und Distanz bewahren, sind sie sinnvoll.

„Flattening the curve“

Der Einfluss des sogenannten „social distancing“ auf die Ausbreitung des Virus hängt allerdings davon ab, wie viele Menschen sich daran halten. Die „Washington Post“ veranschaulichte dies mit einer Simulation eines Ausbruches. Die Ergebnisse zeigen, dass der Ausschlag der Kurve stark reduziert werden kann, wenn nur ein Viertel der Bevölkerung in Kontakt mit anderen Menschen steht.

Offen ist jedoch nach wie vor, wie lange solche Maßnahmen nötig sind, um den erhofften Effekt der „flattening curve“, also der langsamen Abflachung der Verbreitungskurve zu erreichen. Eine Studie des „Imperial College London“ legt nahe, dass bis zur Entwicklung eines Impfstoffes das öffentliche Leben eingeschränkt werden muss. Eine frühe Aufhebung der Maßnahmen könnte nur zu einer Vertagung des rasanten Ausbruches führen, so die Forscher.

Die „Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie“ pflichtet dem bei. Nur durch starke Einschränkungen des öffentlichen Lebens kann eine Überlastung des Gesundheitswesens verhindert werden. Allerdings rechnet auch sie damit, „dass diese Einschnitte über die nächsten Monate aufrechterhalten werden müssen.“ Ansonsten könne das Virus nicht dauerhaft eingedämmt werden.

Krankheitsverlauf und Todesgefahr

Zurzeit liegt die Sterblichkeitsrate des Covid-19 laut dem Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bei 3,4 Prozent. Allerdings fußt dieser Wert nur auf den offiziellen Zahlen. Da aber voraussichtlich weit mehr Menschen infiziert sind als offiziell erfasst, gehen Virologen von einer Rate unter einem Prozent aus. Der Leiter des deutschen „Robert Koch Institut“, Lothar Wieler, erklärte, dass der genaue Wert seriöserweise erst nach der Pandemie berechnet werden kann.

Fest steht aber bisher, dass verschiedene Risikogruppen stärkere Komplikationen aufzeigen. In der Altersgruppe der über 80-Jährigen liegt die Sterblichkeitsrate zum Beispiel bei etwa 15 Prozent. Es kann jedoch auch bei gesunden Menschen unter 40 Jahren zu Komplikationen kommen. Worauf diese zurückzuführen sind, können die Mediziner noch nicht mit Sicherheit sagen. Doch es gibt eine Reihe von Risikofaktoren, die nicht nur auf das Alter des Patienten zurückzuführen sind.

Das Coronavirus ist eine Atemwegserkrankung. Es macht sich deshalb bei den meisten Menschen durch Husten, Fieber, Atemnot und Schnupfen bemerkbar. Ist der Krankheitsverlauf schwer, kann Covid-19 zu Lungenversagen führen. Doch selbst bei einem milden Verlauf können Langzeitschäden in der Lunge auftreten. Die Symptome sind vergleichbar mit einer Grippe, trotzdem gibt es mehrere Unterschiede.

Betroffene haben zum Beispiel einen eher trockenen Husten und kaum einen Niesreiz. Außerdem treten sonst typische Grippesymptome wie Kopf- und Gliederschmerzen eher selten auf. Das Fieber steigt in der Regel auch über mehrere Tage kontinuierlich an, anstatt gleich aufzutreten. „Das endgültige klinische Bild, also die Entscheidung zwischen Abheilung und Verschlimmerung, zeichnet sich erst Ende der ersten Woche oder Anfang der zweiten Woche“, sagt Christian Drosten.

Langfristiges Ziel: „Durchseuchung“

Seit Beginn der Pandemie erschienen vereinzelt Berichte über Menschen, die sich mit dem gleichen Coronavirus ein zweites Mal infiziert haben sollen. Eine neue Studie an Rhesusaffen widerlegt nun diese These. Den Affen wurde nach Genesung eine sehr hohe Dosis des Erregers verabreicht, die aber bei keinem Tier angeschlagen hat.

„Zumindest für die Dauer der Pandemie und wahrscheinlich auch eine Zeit drüber hinaus sind wir immun“, glaubt auch der Virologe Christian Drosten. Jedoch gilt dies nur für das Sars-CoV-2 Virus. Sollte es zu einer weiteren Mutation kommen, wäre das menschliche Immunsystem genauso unvorbereitet wie zurzeit. Im Vergleich zu Influenza-Viren soll eine solche Mutation beim Coronavirus jedoch zehn Mal unwahrscheinlicher sein.

Zumindest für die Dauer der Pandemie, und wahrscheinlich auch eine Zeit drüber hinaus, sind wir immun.“Christian Drosten, Virologe

Wann kann das Coronavirus als besiegt angesehen werden? Das Virus werde sich erst dann nicht weiter verbreiten, wenn rund zwei Drittel der Menschen zumindest vorübergehend immun seien, weil sie die Infektion schon hinter sich hätten, sagte Christian Drosten schon Anfang März im Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. In diesem Fall der „Durchseuchung“ der Bevölkerung würden kritische Krankheitsverläufe nur noch selten vorkommen und könnten von Spezialisten behandelt werden.

Wie in diesen Tagen immer wieder betont wird, kommt es dabei aber vor allem auf den Faktor Zeit an. Verläuft dieser Trend zur „Herdenimmunisierung“ über ein oder zwei Jahre, werden die problematischen Fälle vom Gesundheitssystem aufgefangen. Auch dann würden Menschen daran sterben. Doch über die Zeit wäre die Todesrate mit der einer üblichen Grippe vergleichbar.

Problematisch wird die Lage nur, wenn sich das Virus schnell verbreitet. Dann wären die Krankenhäuser überlastet und auch weniger kritische Fälle von Covid-19 könnten zum Tod führen. Die unvermeidliche „Durchseuchung“ mit dem Coronavirus wäre dann mit einer hohen Zahl von Opfern in kürzester Zeit verbunden.


Viele Informationen zu Sars-CoV-2 und der Coronavirus-Krankheit Covid-19 mit ausführlicher Dokumentation und Verweisen auf aktuelle Studien finden Sie zum Beispiel auf der Webseite des deutschen „Robert Koch Institut“.

 


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