Westliche Autohersteller sind besorgt über das Tempo, mit dem Chinas Elektroautoindustrie Fahrt aufnimmt. Das Know-how im Bereich Batterien, schnelle Innovation und ein riesiger Inlandsmarkt verschaffen chinesischen Unternehmen einen Vorsprung.

Der ET5, eine Elektrolimousine des 2014 gegründeten chinesischen Automobilherstellers „NIO“, benötigt nur vier Sekunden, um aus dem Stand auf 100 km/h zu beschleunigen. Das ist ungefähr der gleiche Wert wie der eines Porsche Carrera. Chinesische Elektrofahrzeuge setzen neue Standards – sowohl was ihre Geschwindigkeit als auch was ihre weltweite Verbreitung betrifft. Chinas Straßen sind bereits regelrecht damit verstopft. Und wenn es nach den chinesischen Herstellern geht, wird das bald auch in den USA und in Europa der Fall sein. Eine Branche, die an einen gemächlichen Zyklus mit geringfügigen Verbesserungen gewöhnt ist, wird im „China-Tempo“ umgekrempelt, sagt Ralf Brandstätter, Volkswagen-Chef in China.

Im vergangenen Jahr überholte China, laut Angaben der chinesischen Industriekonzerne, Japan und wurde zum weltweit größten Exporteur von Autos, was zum Teil auf den steigenden Absatz von Elektrofahrzeugen zurückzuführen ist. Im letzten Quartal 2023 überflügelte das chinesische Unternehmen „BYD“ den US-Konzern Tesla als weltgrößten Hersteller von rein batteriebetriebenen Fahrzeugen, BYD verkaufte deren 526.000, während Tesla auf 484.000 Einheiten kam. Da die Abkehr vom Verbrennungsmotor immer schneller voranschreitet, befürchten etablierte Automobilhersteller, dass chinesische Neueinsteiger sie vom Markt drängen könnten.

Diese Angst ist begründet. Das Know-how westlicher Firmen bei der Herstellung von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor zählt im Elektrozeitalter kaum noch. Darüber hinaus hat die chinesische Regierung die Elektrofahrzeugindustrie massiv subventioniert. China beherrscht die Herstellung der Batterien, den wichtigsten Komponenten von Elektroautos. Und Chinas riesiger Binnenmarkt ermöglicht es lokalen Unternehmen, von Größenvorteilen zu profitieren.

Aber auch chinesische Firmen sind mit Hindernissen konfrontiert. Zunächst einmal sind viele der neuen Elektroauto-Start-ups des Landes trotz der großzügigen Subventionen noch nicht profitabel. Bei steigenden Exporten könnte die chinesische Regierung davon absehen, westliche Verbraucher ebenso großzügig zu subventionieren wie chinesische. Staatliche Subventionen und andere protektionistische Maßnahmen nehmen weltweit zu. Und auch Befürchtungen, dass in China hergestellte Autos vielleicht die Sicherheit der Importländer gefährden, könnten sich ebenfalls zu einem Exporthindernis entwickeln. Ungeachtet dessen scheint es jedoch so gut wie sicher zu sein, dass chinesische Elektroautos eine große Präsenz auf den Straßen der Welt erreichen werden, so wie es japanische und südkoreanische Autos vor ihnen geschafft haben.

Der größte Markt der Welt

BYD zeigt, was China leisten kann. Das einst auf Batterien spezialisierte Technologieunternehmen begann 2003 mit der Herstellung von Autos – zunächst mit begrenztem Erfolg. Obwohl es dem Unternehmen gelang, der weltweit größte Hersteller von Elektrobussen zu werden, verkaufte es im Jahr 2017 nur 420.000 Autos, überwiegend mit Verbrennungsmotor. Die Verkäufe gingen zurück. Im vergangenen Jahr wurden jedoch drei Millionen reine Elektro- oder Plug-in-Hybridfahrzeuge verkauft – und das mit Gewinn. Das Unternehmen exportiert in über 70 Länder und kündigte Ende Dezember den Bau einer Elektroautofabrik in Ungarn an, um den europäischen Markt von innen heraus zu bedienen.

Firmen wie BYD machen ausländischen Automobilherstellern Angst, weil China den weltweit am weitesten entwickelten Markt für Elektrofahrzeuge besitzt, der von einheimischen Marken beherrscht wird. Das liegt nicht daran, dass ausländische Automobilhersteller im Land nicht präsent sind – ganz im Gegenteil. Bis vor Kurzem waren Firmen wie Volkswagen und BMW in China erfolgreich. Seit den 1990er Jahren werden dort über Joint Ventures mit lokalen Firmen viele Autos hergestellt und verkauft. Mit dem Wachstum dieser Joint Ventures wurde China im Jahr 2009 zum weltweit größten Autohersteller. Es wurde auch zum größten Markt der Welt und zur größten Gewinnquelle für viele westliche Marken. Der Volkswagen-Konzern beispielsweise verkaufte im Jahr 2023 in China 3,2 Millionen Autos, rund ein Drittel seines weltweiten Absatzes.

Im Jahr 2017 erlaubte die Regierung Tesla, in China Autos ohne einen lokalen Partner herzustellen. Das Unternehmen eröffnete 2019 eine Fabrik in Shanghai. Dies war Teil einer konzertierten Aktion zur Förderung der Einführung von Elektrofahrzeugen, die sich rasch zum am schnellsten wachsenden Sektor der chinesischen Automobilindustrie entwickelt haben …