Alle Versuche der internationalen Gemeinschaft, eine Annäherung zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban zu fördern, sind gescheitert. Im Land selbst nimmt der Einfluss der Islamisten wieder stark zu. Zu echten Friedensverhandlungen ist es noch ein langer Weg.

Als ich 2012 zum ersten Mal auf den Straßen von Kabul Interviews führte, waren noch viele der Afghanen guter Dinge, was die Zukunft ihres Landes betraf. Zwar blickte man etwas besorgt dem Abzug der internationalen Truppen im Jahr 2014 entgegen. Doch von einer erneuten Machtübernahme der Taliban sprach niemand. Aryan, ein 24-jähriger Afghane, der in Herat für das US-Militär als Übersetzer arbeitete, versicherte mir damals: „Kabul ist sicher. Die Stadt ist nicht so wie sie immer im Fernsehen dargestellt wird. Wir leben doch schließlich hier!“

Doch seit damals ist eine Menge Wasser den Kabul-Fluss hinunter geflossen. Nicht nur haben viele gebildete junge Afghanen mit dem Weggang der ausländischen Truppen eine gute Einnahmequelle verloren, sondern die Sicherheitslage im Land hat sich ständig verschlechtert. Afghanistan scheint in einer Abwärtsspirale gefangen, Lichtblicke gibt es wenig.

Allein in diesem Jahr hat es in der afghanischen Hauptstadt bisher zwanzig Selbstmordattentate gegeben, von den Attacken auf andere Städte nicht zu sprechen. Die meisten Opfer wurden bei politischen Versammlungen, vor Wahlbüros oder in den Stadtteilen der schiitischen Hazara-Minderheit getroffen. Tatsächlich dürfte nach Schätzungen der „International Crisis Group“ die Zahl der Kriegstoten in Afghanistan in diesem Jahr einen Rekordstand erreichen.

Brutstätte des „Islamischen Staat“

Ein Anschlag im November schockierte nun in Afghanistan besonders viele Menschen. Während einer Festveranstaltung zur Feier des Milad-un-Nabi-Fests, dem Geburtstag des Propheten, zündete eine Selbstmordattentäter eine Bombe und riss fünfzig Menschen in den Tod. Die meisten der Todesopfer waren Studenten aus verschiedenen Regionen des Landes – junge Menschen mit Hoffnungen und Idealen. Der Anschlag ereignete sich in einer Hochzeitshalle, in der sich gemäßigte Kleriker, Islamwissenschaftler und Sufis zum religiösen Fest versammelten hatten.

Bisher hat sich niemand zu der Attacke bekannt. Neben den Taliban, die seit Jahren Anschläge in Afghanistan verüben, plagen Afghanistan in den letzten Jahren auch Ableger des so genannten „Islamischen Staats“. Nicht nur benutzte die Terrororganisation Pakistan und Afghanistan als Brutstätte für Kämpfer, die dann nach Syrien und in den Irak entsendet wurden, sondern ISIS gelang auch in Afghanistan eine ganze Reihe hochkarätiger Anschläge. Rekruten bezieht die Organisation nach Expertenmeinung vor allem unter müden Talibankämpfern, die sich „neu erfinden“ wollen sowie unter der arbeitslosen Jugend in den verarmten Provinzen des Landes.

Taliban sind auf dem Vormarsch

Während ISIS zwar mit große Anschlägen in den Städten in Erscheinung tritt, ist die Gruppierung auf dem Schlachtfeld für die afghanische Regierung kaum von Bedeutung. Die Taliban jedoch sind in den letzten Jahren beständig auf dem Vormarsch gewesen. Zurzeit scheinen sie in dem Land am Hindukusch so stark zu sein wie nie zuvor: Mittlerweile werden sechzig der rund vierhundert Distrikte Afghanistans von der Rebellengruppe kontrolliert. Nach Schätzungen sollen das etwa 14 Prozent des afghanischen Staatsgebietes sein. Gut 120 weitere Distrikte sind umkämpft – hier haben weder die afghanische Regierung noch die Taliban die Oberhand. Die Zivilbevölkerung ist unterdessen verstärkt zwischen den Fronten gefangen.

Ein Paradebeispiel für die Stärke der Taliban war die Offensive der bewaffneten Glaubenskrieger in der nord-afghanischen Provinz Kunduz im vergangenen Jahr, während der Kämpfer Polizeiquartiere, Militäreinrichtungen, Checkpoints und sogar den Sitz des Provinzgouverneurs besetzten. Wie fragil Afghanistan heute ist, zeigte sich damals ganz deutlich in dieser Region, in welcher jahrelang die deutsche Bundeswehr für Stabilität sorgte.

Für die meisten Afghanen, besonders in Kabul, ist die katastrophale Sicherheitslage ein Zeichen für das fatale Scheitern der eigenen Regierung, nicht das Scheitern der afghanischen Sicherheitskräfte, sondern auch der Behörden und des Geheimdienstes, dem es nicht zu gelingen scheint, immer wieder neue Anschlägspläne aufzudecken. Der Vertrauensverfall in die eigenen Strukturen ist Wasser auf den Mühlen der Taliban.

Popularität in verarmten Provinzen

Es muss betont werden, dass sich die Taliban in vielen Gegenden tatsächlich an Popularität erfreuen: Wo der Staat versagt, wo Kriminalität vorherrscht, Verwaltung nicht funktioniert und es an solider Infrastruktur fehlt, haben die Extremisten freie Hand. Sie stoßen in das Vakuum vor und versorgen die verarmte Landbevölkerung mit Lebensnotwendigem. Die Einwohner nehmen dabei den resoluten Herrschaftsstil der Taliban und die Unterdrückung von Menschenrechten in Kauf, ganz besondere jenen von Mädchen und Frauen.

Zwar gab es Momente der Hoffnung, etwa im Sommer, als die Taliban zur Feier des Ramadans mit der afghanischen Regierung einen Waffenstillstand vereinbarten. Fotos von Taliban-Kämpfern und Soldaten der afghanischen Armee beim gemeinsamen Fastenbrechen oder Arm in Arm machten die Runde. Von diesen Bildern ging das Signal aus: Eigentlich sind wir alle Menschen und wünschen uns den Frieden. Sie zeigten ein Friedenspotenzial auf, das aus grundlegenden Beziehungen von Mensch zu Mensch erwachsen kann.

Der langjährige Afghanistan-Kenner Thomas Ruttig, Mitbegründer des “Afghan Anaylsts Network” (AAN) sagte dazu in einem Interview mit der Deutschen Welle: “Man kann jetzt nicht erwarten, dass so etwas gleich in endgültigen Frieden umschlägt, da muss noch sehr viel Kleinarbeit in Verhandlungen geleistet werden. Aber es zeigt auch, dass die Taliban-Kämpfer letztendlich die Nase voll haben und nicht weiter kämpfen wollen.”

Besonders vor internationalen Verhandlungen wie im Golfstaat Katar und in Usbekistan demonstrierten die Taliban bei Operationen immer wieder ihre Stärke. Die letzte Runde dieser Gespräche fand Anfang November in Moskau statt. Die Taliban hatten der Einladung der russischen Regierung gefolgt und einen Sprecher aus ihrem Politbüro an den runden Tisch geschickt. Doch bereits vor dem Treffen hatten die Islamisten klargestellt, dass es keinerlei Verhandlung mit der afghanischen Regierung geben könne, denn diese sei aus ihrer Sicht ein “illegitimes ausländisches Regime”.

Kabul bleibt den Gesprächen fern

Kabul blieb seinerseits den Gesprächen fern, so wie in der Vergangenheit auch. Statt dessen waren Mitglieder des Hohen Friedensrates Afghanistan Teil der Veranstaltung, genauso waren Delegierte aus benachbarten Ländern wie Pakistan, Indien und weiteren zentralasiatischen Staaten beteiligt. Während das Treffen in Moskau – so wie von den meisten Beobachtern erwartet – keinen Durchbruch lieferte, machten die Taliban einmal mehr ihre Hauptforderungen deutlich: den restlosen Abzug ausländischer Streitkräfte, das Ende der internationalen Sanktionen und die Freilassung von Gefangenen aus den eigenen Reihen.

Die Initiative war Teil von diplomatischen Bemühungen Russlands, die Taliban zu Verhandlungen zu bewegen und dadurch den eigenen Einfluss in Afghanistan zu stärken. Das wiederum wird von den Vereinigten Staaten, die ihrerseits mehrfach das Gespräch mit den Taliban gesucht haben, mit Argwohn betrachtet. Die USA haben wiederholt erklärt, dass sie auch die afghanische Regierung mit an den Verhandlungstisch holen wollen.

Afghanistan-Experte Thomas Ruttig äußerte sich zumindest verhalten optimistisch, nachdem er betonte, dass für eine Entwicklung zum Frieden die Beteiligung von Ashraf Ghanis Regierung an Gesprächen mit den Taliban unabdingbar sei: “Doch die Taliban lehnen das bisher ab. Sie sagen, sie wollen mit den Amerikanern sprechen, um einen Fahrplan für den Truppenrückzug festzulegen, und wenn das geschehen sei, dann wären sie auch bereit, mit der afghanischen Regierung zu reden. Ich finde, das ist kein schlechter Fahrplan, wenn man sieht, welches Ausmaß das Blutvergießen in Afghanistan angenommen hat.”

Die komplizierte Gemengenlage in Afghanistan, aber auch die häufig undurchsichtige Beteiligung von regionalen Akteuren wie Pakistan und Indien, macht einen Friedensprozess äußert kompliziert. Doch die Anzeichen stehen dafür, dass sich selbst viele der Talibankämpfer einen Frieden wünschen, ganz zu schweigen von den Menschen in Kabul. Fast vierzig Jahre von praktisch ununterbrochenen Konflikten und Kämpfen haben Spuren in der Psychologie der Afghanen hinterlassen, die wohl Generationen andauern werden. Man möchte wünschen, dass die Afghanen bald Gelegenheit bekommen, ihre Wunden zu heilen.