Nach fast drei Jahren Ukrainekrieg stellt sich die Frage der europäischen Sicherheit dringlicher denn je. Im litauischen Rukla wird sie konkret – auch für Luxemburger Soldaten. Über dem Truppenbesuch von Ministerin Yuriko Backes schwebt das Szenario des Ernstfalls.

Am Fenster des Kleinbusses ziehen Birkenhaine und Fichtenwälder vorbei. Kleine beschauliche Giebelhäuser liegen versprengt in der Winterlandschaft. Ein Idyll im ländlichen Litauen. Wäre da nicht die geografische Lage. Die Gegend um Kaunas liegt nur rund 120 Kilometer von der russischen Enklave Kaliningrad entfernt. 100 Kilometer sind es bis zur belarussischen Landesgrenze. Einzig ein Abschnitt von kaum mehr als 60 Kilometer verbindet das Baltikum mit Polen.

Seit dem NATO-Beitritt der baltischen Staaten vor 20 Jahren ist diese sogenannte Suwalki-Lücke von zentraler strategischer Bedeutung. Würden russische Truppen beschließen, das Gebiet zu besetzen, wären Litauen, Lettland und Estland vom restlichen NATO-Gebiet abgeschnitten. Lange galt dieses Szenario, vor allem im Westen, nur als theoretisches Risiko. Doch spätestens nach Russlands Angriff auf die Ukraine vor fast drei Jahren stellt sich die Frage mit neuer Dringlichkeit.

Es ist eine Dringlichkeit, die an diesem kalten Dezembermorgen auf dem Militärstützpunkt in Rukla offensichtlich ist. Die Luxemburger Verteidigungsministerin Yuriko Backes (DP) hat sich zum Truppenbesuch angekündigt. Sieben Mitglieder der Luxemburger Armee leisten während sechs Monaten ihren Dienst als Teil der „Enhanced Forward Presence“ der NATO. Begleitet wurde die Delegation von Pressevertretern, darunter Reporter.lu.

Auf den Bündnisfall einstellen

Neben den Luxemburgern sind deutsche, niederländische sowie tschechische und norwegische Soldaten an der Mission beteiligt. Rund 1.700 Soldaten sind auf der litauischen Basis stationiert. Und während die meisten davon in einer sechsmonatigen Rotation wechseln, hat Deutschland sich entschieden, bis 2027 eine Brigade, also rund 5.000 Soldaten, permanent in Litauen zu stationieren. Ein Novum in der Verteidigungspolitik der Bundesrepublik.

Das bevölkerungsreichste Land Europas sendet damit eine klare, von den Verbündeten schon länger geforderte Botschaft: Die Bundesrepublik ist bereit, die NATO-Ostflanke dauerhaft zu schützen. Gleichzeitig soll die Stationierung als Garantie für den Ernstfall laut Artikel 5 des NATO-Vertrags verstanden werden. Dieser besagt, dass ein Angriff auf einen NATO-Mitgliedstaat als Angriff auf alle Mitgliedstaaten verstanden wird und die Allianz dem angegriffenen Land entsprechende militärische Hilfe zusichert.

Wir müssen uns als Gesellschaft fragen, wie wir resilienter werden können und wie wir im Ernstfall reagieren.“Armeechef Steve Thull

Den deutschen Einfluss sieht man auf der Basis überall. Die Mülleimer sind auf Deutsch beschriftet, „Radio Andernach“ („Soldaten senden für Soldaten“) spielt Weihnachtslieder und im Versorgungszelt gibt es Jägerschnitzel für vier Euro. Die Basis selbst hat den nüchternen Charme einer Ferienhaussiedlung. Die Gemeinschaftsräume sind in Festzelten mit Heizluftkanonen untergebracht. Die Soldaten schlafen in Wohncontainern, die sie sich mit einer Person teilen müssen …