Im Herbst werden die Infektionszahlen wohl wieder ansteigen, sagt Gesundheitsministerin Paulette Lenert im Interview mit REPORTER. Ein Gespräch über den weiteren Verlauf der Pandemie, die Versäumnisse der Regierung und die Schattenseiten des Politikerinnendaseins.

Interview: Christoph Bumb

Frau Lenert, die Coronavirus-Pandemie dauert schon vier Monate. Gleichzeitig sagen Experten, dass so schnell kein Ende in Sicht ist. Auf welche zeitliche Perspektive stellen Sie sich in Ihrer Politik ein?

Unsere Planungen reichen zunächst bis ins nächste Frühjahr. Bis dahin läuft auch die zweite Phase unserer Test-Strategie. Das ist der Zeitraum, den wir aktuell im Blick haben.

Laut Virologen ist ein Impfstoff gegen das Sars-CoV-2-Virus nach wie vor die einzige Hoffnung, die Pandemie zu überwinden. Allerdings gibt es keine Garantie, dass es in absehbarer Zeit einen wirksamen Impfstoff geben wird. Wie hoffnungsvoll sind Sie?

Mäßig. In vielen Staaten wird zwar auf Hochtouren geforscht. Doch ebenso viele Länder sind besorgt: Wann kommt der Impfstoff? In welchen Mengen? Nach welchen Kriterien wird er verteilt? Diese Fragen stellen wir uns natürlich auch in Luxemburg. Positiv ist, dass wir als Europäische Union eine gemeinsame Impfstoff-Strategie haben. Was dabei herauskommt, weiß bisher aber noch niemand so genau. Es wäre naiv zu glauben, dass sehr schnell und für jeden genug Impfstoff verfügbar sein wird.

Natürlich kommt es in der Regierung zu Diskussionen. Es ist nicht so, als würden wir da zusammensitzen und Schach spielen.“

Rund einen Monat lang sind die Infektionszahlen in Luxemburg wieder schneller angestiegen. In einem rezenten Interview mit „Radio 100,7“ sagten Sie, dass auch die Regierung die Verantwortung für die „zweite Welle“ trage. Für welche Fehler trägt die Regierung genau die Verantwortung?

Wenn etwas nicht so läuft, wie es geplant war, trägt die Politik die Verantwortung. Ob jetzt Fehler passiert sind … Also, im Nachhinein ist man immer schlauer. Im Rückblick war unsere Botschaft nach dem Lockdown phasenweise vielleicht zu positiv. Vielleicht hätte man etwas alarmistischer sein müssen. Es ist aber auch ein Balanceakt. Man soll den Menschen ja auch die Angst nehmen und eine Perspektive auf eine neue Normalität geben. Gleichzeitig müssen wir natürlich wachsam bleiben und jene Leute ansprechen, die das Ganze auf die leichte Schulter nehmen.

Innerhalb einer Regierung gibt es immer verschiedene Interessen. Der Bildungsminister will zurück zu einem normalen Schulbetrieb, der Wirtschaftsminister will die Wirtschaft schützen. Wie schwer ist es, einen gemeinsamen Nenner zu finden?

Ich persönlich versuche immer, das große Ganze im Blick zu haben. Natürlich ist für mich als Gesundheitsministerin der sanitäre Blickwinkel zentral. Doch für die gesamte Gesellschaft ist es auch sehr wichtig, wieder in eine wirtschaftliche und soziale Normalität zurückzufinden. Das schwierigste war aber, die Geduld einzufordern, die es während der Phase der Lockerungen aus dem Lockdown gebraucht hat. Auch wenn die Lage gut schien, mussten wir immer zwei bis drei Wochen abwarten. Manche, die nicht wie ich jeden Tag mit den sanitären Aspekten der Krise zu tun haben, sahen die Lage insgeheim vielleicht weniger ernst.

Ich muss das irgendwann mit mir selbst ausmachen, ob ich mich dauerhaft in diesem politischen Leben hier wiederfinden kann oder nicht.“

In politischen Kreisen heißt es, dass Sie persönlich beim „Déconfinement“ einen vorsichtigeren Ansatz bevorzugt hätten. Sie hätten sich im Kabinett aber nicht durchsetzen können. Ist da etwas dran?

Ich war ganz klar gegen den letzten Schritt der Lockerungsphase, als wir komplett weg von Restriktionen und hin zu Verhaltensempfehlungen gegangen sind. Das erschien mir etwas verfrüht und da hätte ich mir eine andere Vorgehensweise gewünscht. Das war aber nicht nur meine Meinung, sondern die der ganzen Regierung. Der Staatsrat hat uns dann eine andere Gangart aufgezwungen. Allerdings hat die Regierung ihre Auffassung vielleicht auch nicht ausreichend begründet.

Das heißt: Die Regierung war intern immer zu 100 Prozent einer Meinung?